Mitten in Bayern Das Kreuz mit dem Jodl

Einmal mehr sorgt der Aktionskünstler Wolfram Kastner auf der Insel Frauenchiemsee für lebhafte Diskussionen

Von Matthias Köpf

Sollte sich Alfred Jodl im Grab umdrehen, so geschähe ihm das recht. Seine Asche wurde allerdings in die Isar gestreut, nachdem der Generaloberst der Wehrmacht im Nürnberger Prozess als Hauptkriegsverbrecher zum Tod verurteilt und hingerichtet worden war. Trotzdem prangt auf Frauenchiemsee am Grab seiner beiden Ehefrauen auch Jodls Name in großen Buchstaben. Das versetzt den Münchner Künstler Wolfram Kastner stark in Rage.

Kastner ist auf der Fraueninsel bei seinem auch anderenorts bestens bewährten Prinzip der künstlerischen Demontage geblieben und hat im Oktober am Grabkreuz das "J" entfernt, um aus dem Nachnamen den bairischen "Odl" zu machen. Das "J" wäre für die hochdeutsche Übersetzung "Jauche" frei geworden, doch Kastner hat es ans Deutsche Historische Museum nach Berlin gesandt, das es bald zurück in den Chiemgau an die Polizei in Rosenheim geschickt hat. "Durch das gewaltsame Entfernen wurde der bleierne Buchstabe beschädigt", hat die Kripo inzwischen an Kastner geschrieben, der sich wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und Sachbeschädigung verantworten soll.

Auf der Insel werden seit Juni abwechselnd von Kastner, der Gemeinde Chiemsee und unbekannten Dritten Erklärtafeln und Buchstaben angeklebt, verhüllt und entfernt. Kastner kommt das lang erwartete Schreiben der Polizei gerade recht, denn Anzeigen wegen Sachbeschädigung gehören bei seinen Interventionen genauso zum öffentlichen Ereignis wie die Eingriffe selbst. So fragt er nun, was es an Jodls Andenken wohl zu verunglimpfen gebe, und fordert Konsequenzen für die Polizisten. Den Chiemseer Bürgermeister Georg Huber haben er und 38 honorige Mitstreiter längst wegen Verdachts der Nazi-Verherrlichung angezeigt, weil Huber den öffentlichen Inselfrieden eher durch Kastner & Co bedroht sieht als durch das Jodl-Kreuz, während andere dieses Kreuz als gelegentlichen Treffpunkt für Rechtsextreme bezeichnet haben. Schon 2014 hatte die Gemeinde auf eine Petition hin beschlossen, den Grabvertrag Anfang 2018 auslaufen zu lassen und das Grab aufzulösen. Dann ist es mit dem Andenken an Jodl vorbei. Und Kastner kann die restlichen drei Buchstaben auch mitnehmen.