Mitten in Bayern:Balztoll auf der Lenggrieser Hütte

Balztoller Auerhahn von Hüttenterrasse umgesiedelt

Der Auerhahn relaxt nun im Mangfallgebirge.

(Foto: Gebietsbetreuer Mangfallgebirge/dpa)

Eine Balz kann eine aufreibende Sache sein, das kennen Mensch und Tier. Zuletzt hat das ein Auerhahn erfahren müssen, der halb irr geworden ist im Liebeswahn. Doch nun hat er endlich Ruhe

Glosse von Matthias Köpf

Revierverhalten kann eine aufreibende Sache sein, das wissen auch viele Menschen. Richter etwa, die sich öfter mit Nachbarschaftsklagen abplagen. Im Vergleich zu den Menschen spielen die eh sehr seltenen und scheuen Auerhähne vor Gericht aber kaum eine Rolle - außer vielleicht jenes ausgestopfte Exemplar, das einem Amtsrichter im Schwarzwald vergangenes Jahr als Opfer einer Straftat Modell stand. Am Ende wurde ein junger Mann zu einer Woche Jugendarrest verurteilt, weil er betrunken und mit einer Flasche bewaffnet einen Auerhahn erschlagen hat. Das mit der Notwehr hat ihm der Richter damals nicht abgenommen, und in der Tat: Es geht ja anders auch, die Landratsämter in Bad Tölz und Miesbach haben es gerade bewiesen. Und der Auerhahn von der Lenggrieser Hütte hat sich endlich beruhigt.

Ob er wieder rückfällig wird, gelte es noch abzuwarten, sagt der Gebietsbetreuer für das Mangfallgebirge im Kreis Miesbach, der neuen Heimat des Hahns. Der hat dort erst einmal eine Stunde mit Fressen verbracht, dann sein Gefieder gepflegt und sich endlich schlafen gelegt - alles Dinge, zu denen er an der Lenggrieser Hütte auf Tölzer Gebiet zuletzt kaum mehr gekommen war. Denn irgendwann im Mai hat der Hahn die Terrasse der Hütte als Balzplatz für sich entdeckt, und den hat er dann rund um die Uhr und bis zur Erschöpfung verteidigt - vor allem bis zu seiner eigenen, denn dauernd drohen, spreizen und picken kostet Kraft. Seine vermeintlichen Nebenbuhler waren wiederum Menschen, die für so ein Verhalten auf Tierseite das Wort "balztoll" haben. Auf der Hütte ist das ganze Gegockel irgendwann nicht mehr gut angekommen, und bei den Auerhühnern sowieso nicht. Der Hahn hat sich bei all dem nämlich selber sehr vernachlässigt und zuletzt wirklich keine gute Figur mehr gemacht. Außerdem ignorieren die Hennen balztolle Hähne schon aus Prinzip.

Nach einem Erfolgsrezept der Evolution klingt das nicht. Warum trotzdem immer wieder einzelne Auerhähne derart ausrasten, weiß auch das Tölzer Landratsamt nicht. Auffällig sei aber, dass sie bevorzugt dort durchdrehen, wo viele Menschen sind. Würden dagegen Menschen angesichts zu vieler Auerhähne balztoll, so wäre das wohl ein geringeres Problem. Auerhähne gibt es ja nicht mehr viele.

© SZ vom 09.07.2021
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