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Mitten in Bayern:Amorbachs Geheimnis

Der Westen Unterfrankens birgt Geheimnisse, von denen kaum einer je gehört hat. Dass die alte und die neue Frankfurter Schule dort tief verwurzelt sind, wissen oft nicht mal Insider

Kolumne von Olaf Przybilla

Der Westen Unterfrankens birgt Geheimnisse, von denen kaum einer je gehört hat. Über den Spessart sind die meisten noch irgendwie orientiert, dass die Menschen auf dessen östlicher Seite aus Trauben Wein gewinnen, auf dessen westlicher eher aus Äpfeln, ist schon weniger bekannt. Dass wiederum die alte und die neue Frankfurter Schule dort, in Unterfranken, tief verwurzelt sind, wissen oft nicht mal Insider.

Ist aber so. Für Theodor W. Adorno war das unterfränkische Städtchen Amorbach der "einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten", an dem er sich zuhause fühlte. So hat es der Hauptvertreter jener Denkrichtung, die als Frankfurter Schule in die Philosophiegeschichte eingegangen ist, die Besitzerin eines Schreibwarenladens einst wissen lassen. In Amorbach lässt sich noch der Hotelbau bestaunen, in dem Adorno zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Sommer samt Mutter und Tante verbrachte. Noch kurz vor seinem Tod hat Adorno gegen den Bau einer Straße mitten durch die fränkische Kulturlandschaft gewettert - die "planerischen Verwüstungen der Moderne" nannte er das. So war das mit Adorno in Amorbach.

Freilich sind inzwischen auch die Humorbrigaden von der Neuen Frankfurter Schule, mindestens in ihrer zweiten Generation, in Westunterfranken zuhause. Thomas Gsella, früherer Chefredakteur der Titanic, lebt in Aschaffenburg, genauso wie die beiden unvergleichlich famosen Karikaturisten Greser & Lenz ("Witze für Deutschland"). Dass damit die theoriefundierte Satire mit historisch-kritischem Linksdrall ausgerechnet im Freistaat Bayern eine stabile Heimstatt gefunden hat, sei hier nur nebenbei vermerkt. Muss man auch erst drauf kommen.

All das ist immerhin Eingeweihten bekannt. Dass aber die MAD, sozusagen die Vorgängerin der Titanic, zu großen Teilen in Westunterfranken entstanden ist, wäre nun wirklich was für Humorhistoriker. Glauben Sie nicht? Anruf bei Claus Seitz, der in Weilbach bei Miltenberg aufgewachsen ist, direkt neben dem Betonflachbau, in dem der kürzlich gestorbene Herbert Feuerstein lebte und in einer Art historischem Humoroffice sein Satiremagazin zusammengewitzelt hat. Wer der MAD damals ins Impressum schaute, sah dort ein Miltenberger Postfach. "Wir in Weilbach wussten warum", sagt Seitz.

© SZ vom 12.10.2020
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