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Mitten in Bayern:Infiziert und geschnitten

Ein Schreinermeister berichtet in seiner Heimatzeitung über das, was er erlebt hat, nachdem bekannt wurde, dass sich er und seine Familie mit dem Coronavirus angesteckt hatten

Kolumne von Olaf Przybilla

Nein, Klaus B. will im Detail nicht mehr erzählen, was er und seine Familie durchlitten haben, nachdem sie sich mit dem Coronavirus infiziert hatten - durchlitten auch durch die Reaktionen von Bewohnern seiner ländlichen Umgebung in Westmittelfranken. Einmal, sagt der Schreinermeister, musste das alles raus aus ihm, deswegen habe er einen Gastbeitrag für seine Heimatzeitung geschrieben. Für Weiteres aber reiche einfach seine Kraft nicht mehr.

B. wohnt in einem Marktflecken mit 2600 Einwohnern in einer maximal ländlichen Gegend in Franken. Dass Mut notwendig ist, erheblicher Mut, die Folgewirkungen einer Infektion in der Heimatzeitung selbst zu beschreiben, kann man sich ausmalen - immerhin wurden diese Folgewirkungen nicht zuletzt hervorgerufen durch Menschen aus seiner Heimat. Klaus B. war in den Faschingsferien mit Familie in Südtirol zum Skifahren. Zurück in der Heimat wurden er und seine Tochter positiv auf das Virus getestet.

In den Tagen danach wurde ihm zugetragen, was nun die Runde machte: dass seine Familie, die Familie mit dem Schreinermeisterbetrieb, "Corona mit heimgebracht" habe. Klaus B. hat das in seinem Beitrag in der Fränkischen Landeszeitung so beschrieben: "Man hat sich da manchmal gefühlt, als hätte man die Pest."

Noch nach der Quarantäne wichen ihm Menschen demonstrativ aus, B. bekam den Satz zu hören: "Na, das war er doch jetzt." Bei einem Termin seiner Schreinerei in einer 25 Kilometer entfernten Stadt wurde er gebeten, das Firmenauto doch bitte zu Hause zu lassen, um die Wogen nicht hochschlagen zu lassen. Aber nicht nur das: Bald fühlte sich die gesamte Ortschaft, die Heimatgemeinde von B., in der Region gebrandmarkt: Sind das nicht Leute aus dem Dorf mit dem signifikant hohen Corona-Aufkommen?

Kürzlich hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof entschieden, dass die Landkreise die Zahl der Corona-Infektionen nach Gemeinden aufgeschlüsselt veröffentlichen müssen. Auch in den besonders ländlichen Regionen. Klaus B. versteht, was das Gericht bewegt hat dazu, er wolle aber auch auf die Schattenseiten aufmerksam machen, sagt er. Aber ist es nicht die Reaktion der Leute, die schändlich ist - nicht etwa die Herausgabe anonymer Daten? "Stimmt schon", sagt B.

© SZ vom 28.08.2020

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