Missbrauchsfälle in Ingolstadt:Eine Geschichte, in der es nur Verlierer gibt

Robert X. legte sofort ein Teilgeständnis ab. Verdacht auf sexuellen Missbrauch bei mindestens fünf Mädchen im Alter zwischen acht und elf Jahren in jenem Zeltlager nahe Neuburg an der Donau - darauf lautete der Haftbefehl. Eine Ermittlungskommission, bestehend aus einem halben Dutzend Beamter, forschte weiter, klapperte die Listen der Vereins-Zeltlager aus den vielen vergangenen Jahren ab, kontrollierte die Namen, die sie aus der Grundschule im Ingolstädter Ortsteil Ringsee erhalten hatte. Eine aufreibende Arbeit, über viele Wochen hinweg. "Es ist immer belastend für uns, wenn Kinder im Spiel sind", sagt Hans-Peter Kammerer, Sprecher vom Polizeipräsidium Oberbayern-Nord.

Die Ermittler kamen auf zwölf Fälle, zurückreichend bis ins Jahr 2005. Die sechsseitige Anklageschrift lautet auf sexuellen Missbrauch in acht Fällen und auf schweren sexuellen Missbrauch in vier Fällen. Bei Opfern unter 14 Jahren spricht das Strafgesetzbuch nicht von Vergewaltigung, verbunden ist der Begriff schwerer sexueller Missbrauch jedoch mit Eindringen in den Körper. "Wir befinden uns hier im niedrigen Bereich", sagt der Anwalt. Am 27. Oktober wird der Fall vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Neuburg verhandelt.

Eigene Web-Seite im Internet

Zwischen der Anzeige und der Gerichtsverhandlung vergehen gerade mal elf Wochen, das ist schnell und wohl dem gewaltigen öffentlichen Interesse geschuldet, das dieses Geschehen hervorgerufen hat. "Die Menschen in dem Ortsteil waren vollkommen durch den Wind, es herrschte Fassungslosigkeit und große Unsicherheit, was man den Kindern sagen sollte", sagt Psychologin Petra Kufner von "Wirbelwind", einer Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt, die auch mehrere Opfer aus diesem Missbrauchsfall berät.

Der Fall Robert X. wird zum öffentlichen Fall - nicht zuletzt deshalb, weil der allseits beliebte, zuvorkommende Grundschullehrer eine eigene Web-Seite im Internet betrieben hat, von der sich Eltern die Fotos von den diversen Jugendfreizeiten herunterladen können, bei denen ihre Kinder Handball, Kribbelmonster oder Geistermarsch spielten. Als sich die Verhaftung herumspricht, schafft es der älteste Sohn von Robert X. nur mit größter Mühe, die Internetseite zu löschen. Das nötige Passwort dafür fragt Anwalt Gragert in Eile bei dem im Gefängnis sitzenden Vater ab. Bis dahin ist der Name des Mannes öffentlich geworden, und es sind weiterhin nur wenige Klicks im Internet nötig, um Namen, Adresse und Telefonnummer der Familie von Robert X. zu erhalten.

Öffentlicher Fall, schutzlose Familie

Ein öffentlicher Fall, eine schutzlose Familie - die Frau des Angeklagten hatte an der gleichen Schule wie ihr Mann unterrichtet. Nun hat sich die Lehrerin in die mobile Reserve versetzen lassen. "So weit ich weiß, hält die Familie zu meinem Mandanten", formuliert Anwalt Gragert vorsichtig. Robert X. hat in der Untersuchungshaft mit einer Therapie begonnen und versucht, sich mit einem Brief bei den Betroffenen zu entschuldigen. Vier Kindern hat er je 1000 Euro Schmerzensgeld angeboten.

Auch beim ESV Ingolstadt hat sich das Präsidium hingesetzt und einen Brief an alle Eltern formuliert. Einigermaßen hilflos heißt es darin: "Auch wir wurden von dem Ereignis vollkommen überrascht." ESV-Präsident Karl Kunz arbeitet nun an Richtlinien für Übungsleiter, zum Beispiel, wer wann Duschkabinen betreten darf. Vor allem aber ist er damit beschäftigt, Trainingspläne aufzustellen: "Das Fehlen dieses Mannes reißt große Löcher." Während Kunz sich hinter Geschäftsmäßigkeit versteckt, bricht es aus seiner Stellvertreterin Gerda Gassen heraus: "Die heile Welt ist nicht mehr. Das hat uns ganz schön weh getan."

Warum hat nie jemand etwas bemerkt?

Der Pädagoge war seit 1974 im Verein und seit 1984 Jugendleiter der Handballabteilung. Warum hat nie jemand etwas bemerkt? Die Beraterinnen Andrea Teichmann und Petra Kufner von "Wirbelwind" haben diese Frage oft gehört, etwa beim Elternabend in der betroffenen Grundschule: "Die Eltern hatten wenig Chancen, etwas zu bemerken, wir wollen sie von Schuldgefühlen entlasten", sagt Sozialpädagogin Teichmann.

Es sei viel schwieriger für Kinder, Hilfe zu holen, wenn sie bei den Eltern nicht auf offene Ohren stießen, weil der Beschuldigte einen guten Leumund habe. "Aus guter Stellung zu agieren, ist Teil des Systems. Die Kinder wurden in ihrer Wahrnehmung verunsichert und bei Spielen wurde suggeriert, sie könnten selbst bestimmen, wie weit es geht", sagt Kufner. Zu den Selbstzweifeln der Erwachsenen erklärt sie: "Gewisse Handlungsweisen und Spiele kann man nur vor dem Hintergrund anders einschätzen, wenn man weiß, dass da jemand einen Missbrauch plant."

Furchtbar für die Familie

In diesen Tagen ist "Wirbelwind" sehr gefragt, an anderen Tagen kämpft der Verein ums Überleben - die Finanzierung der Stelle für das nächste Jahr ist noch nicht gesichert. "Dabei therapieren wir Opfer oft über Jahre hinweg", sagt Petra Kufner. "Wir versuchen ihnen Vertrauen zurückzugeben. Es bleibt immer eine Narbe zurück. Doch auch mit einer Narbe kann man leben."

Den Opfern bleibt vor Gericht die Aussage erspart, weil Robert X. geständig ist. "Er verharmlost nichts und ist voll schuldeinsichtig", berichtet sein Rechtsanwalt von den Besuchen. Die Beraterinnen von "Wirbelwind" betonen noch, dass sexuelle Gewalt unglaublich zerstörerisch in das ganze Umfeld wirke: "Es ist auch absolut furchtbar für die Familie des Täters. Es ist eine Tragödie."

Eine Geschichte, in der es nur Verlierer gibt.

© SZ vom 17.10.2009/holz
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