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Missbrauchsfälle:Eine schmerzliche, aber befreiende Wahrheit

Der Erzabt von Sankt Ottilien bittet in seiner Sonntagspredigt um Zeit und Geduld zur Klärung der Missbrauchsfälle.

Über Religion oder über Gott verlor Erzabt Jeremias Schröder in der überfüllten Klosterkirche von Sankt Ottilien am Sonntag ausnahmsweise kein Wort. Der Vorsteher der Mönchsgemeinschaft der Missionsbenediktiner, die sich seit dem vergangenen Mittwoch mit massiven Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs im früheren Seminar und im Internat der Klosterschule konfrontiert sieht, beschäftigte sich in seiner Predigt ausschließlich mit diesem für seinen Konvent so quälenden Thema.

Mit dem Hinweis "die Wahrheit macht euch frei" zitierte er nur einmal Paulus. Die schmerzliche, aber doch befreiende Wahrheit für die Mönche, die in der Nähe des Ammersees im Westen von München leben, sind nach den Worten von Schröder zurzeit vor allem die Briefe, mit denen sich täglich neue Missbrauchsopfer an den Konvent wenden.

Dies nahm der Prediger zu Beginn seiner Ausführungen zum Anlass, all jenen zu danken, die sich bei ihm meldeten und somit zur Aufklärung der Vorgänge beitrügen.

Der Erzabt bekannte den überraschten Kirchgängern, mit Tränen in den Augen habe er die ersten Zeugnisse und Beschuldigungen der Opfer gelesen, zu denen auch ein Gedicht gehörte. Er sagte, in den Briefen sei eine sehr tiefe Verletzung zu spüren. Trotz der Verwundungen gebe es aber auch Erleichterung darüber, dass endlich ausgesprochen werden könne, was über Jahrzehnte in den Seelen verborgen war.

Auch aus den anonymen Schreiben spreche "echter Schmerz", betonte Schröder. Der Benediktiner berichtete aber auch von Wichtigtuern und von Schreibern, die offenbar offene Rechnungen begleichen wollten. Für das alles lerne der Konvent dankbar zu sein - und nicht in die normale, spontane erste Reaktion zu verfallen, die mit solchen Beschuldigungen oft verbunden wird: die eigenen Reihen zu schließen, weil man sich von außen bedroht und verfolgt fühle.

Direkt an die Zuhörer wandte sich der Geistliche mit einem Aufruf. Er sagte: "Wenn es etwas zu klären gibt, helfen Sie uns, das zu tun. Wir sind niemandem böse."

Der Erzabt begründete, weshalb er nach der unerträglichen Anspannung der vergangen vier Tage immer noch zögere, sich bei den Opfern zu entschuldigen: "Wir können uns nicht von Schuld befreien." Das wäre zu billig. Er versicherte aber den Gläubigen, er werde jedes der Missbrauchsopfer im Namen des Klosters um Verzeihung bitten.