Süddeutsche Zeitung

Missbrauch einer Schülerin:Ansbacher Peinlichkeiten

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Jahrelang soll ein Lehrer seine Schülerin missbraucht haben, der Fall ist in unzähligen Briefen dokumentiert. Doch der Fall ist inzwischen verjährt - nun hören viele weg.

Roman Deininger

Am Sonntag, dem Reformationstag, soll die Stiftskirche in Feuchtwangen wackeln. Ein Rock-Oratorium steht zur Uraufführung an, "Mensch, Jakob!" heißt es, der Jakob ist der aus der Bibel, dem Gott einen neuen Anfang schenkt nach dem Verrat an Esau. Der Feuchtwanger Dekan hat den Text geschrieben, die Musik hat ein 59-jähriger Gymnasiallehrer aus dem nahen Ansbach komponiert. Er dirigiert auch.

Im Sommer las eine 34 Jahre alte Frau in der Lokalzeitung von der Uraufführung, sie soll hier Sarah heißen. Sie sah das Bild dazu, der Lehrer unter dem goldenen Schriftzug "Soli Deo Gloria", einzig zur Ehre Gottes. Sarah hatte ihre Enttäuschung, ihre Verzweiflung und ihre Wut eigentlich gut weggesperrt, irgendwo tief in ihr drin. Aber als sich das alles zusammensetzte in ihrem Kopf - der Reformationstag, die Stiftskirche, der Dekan, die Ehre Gottes -, da war es, als hätte irgendwer das Schloss gelöst und alles wieder herausgelassen.

Sarah steht auf der Terrasse eines Gasthauses auf einer Anhöhe über Ansbach. Man hat einen herrlichen Blick von hier auf die Giebel, Dächer und Türme der alten Residenzstadt. Die Sonne geht unter, aber Ansbach scheint schon lange zu schlafen. Ins Abendrot hinein fragt Sarah, ob man sich nicht doch lieber drinnen unterhalten könne.

Wenn Sarah ihre Geschichte erzählt, die Geschichte, wie ihr ein Stück Leben gestohlen worden sei, dann weint sie nicht, dann zittert nicht mal ihre Stimme. Wahrscheinlich ist das so, weil sie sich endlich entschlossen hat, zurückzuholen, was noch zurückzuholen ist. Sarah sagt: "Ich will mir meine Heimat nicht nehmen lassen."

Die Geschichte beginnt 1988 am Ansbacher Gymnasium Carolinum mit einem Rock-Oratorium, so wie dem, das bald die Feuchtwanger Stiftskirche zum Beben bringen soll. Die Aufführung wurde geleitet von jenem Mann, der jetzt auch die Musik geschrieben hat für "Mensch, Jakob!". Sarah war 12 damals, sie spielte Blockflöte. Sie sagt, sie habe diesen Musiklehrer bewundert, eine Weile trug sie Hawaiihemden und Wollsocken so wie er. Ihre Freundinnen haben sie ausgelacht dafür. Das, was folgte in den Jahren darauf, wird der Lehrer später vor Gericht als "Liebesbeziehung" bezeichnen, die "Liebesbeziehung" eines zu Anfang 40-jährigen Mannes mit einem zu Anfang 14-jährigen Mädchen. So argumentiert er, ohne wörtlich zitiert werden zu wollen, auch heute noch.

Sarah hat sich einen Cappuccino bestellt, draußen liegt Ansbach im Dunkeln. Sie erzählt, wie es losgegangen sei, wie ihr der Lehrer unters T-Shirt gegriffen habe auf einer Nachtwanderung am Sonnensee, wie er sich zu ihr ins Bett gelegt habe bei einem Vorbereitungstreffen zum Kirchentag. Sie sei doch noch ein Kind gewesen, sagt sie mit ihrer leisen Stimme, die nicht zittert. "Ich wusste ja nicht einmal, was Sex ist."

Als der Mann sie das erste Mal im Intimbereich küsste, habe sie nicht verstanden, dass das etwas mit Sex zu tun haben könnte. "Was bringt ihm das?", habe sie sich gedacht. Das ist das Schwierige an ihrer Geschichte: Dass sie alles, was ihr geschah, erst viel später verstanden hat - zu spät für strafrechtliche Konsequenzen. Unten in Ansbach, wo der Lehrer einflussreiche Freunde haben soll, machten es sich viele Leute deshalb leicht. "Dann wird es so tragisch nicht gewesen sein", haben sie gesagt, und das sagen sie noch heute.

Briefe als Beweisstücke

Das Verhältnis zu dem Lehrer dauerte bis weit nach dem Abitur. Sarah sagt, es habe auf Abhängigkeit und Zwang gegründet. Sie befreite sich langsam, ging nach München zum Studieren, dann als Kirchenmusikerin in den Norden. Sie lernte einen Mann kennen dort und ein neues Gefühl. Irgendwann begriff sie: Das musste Liebe sein.

2005 zeigte sie den Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs an, das Verfahren wurde eingestellt wegen Verjährung. Sarah sagt, die Staatsanwaltschaft Ansbach habe sie erst auf Nachfrage fast drei Monate später über die Einstellung informiert. Das Kultusministerium jedoch entfernte den Studiendirektor 2006 aus dem Dienst, das Verwaltungsgericht Ansbach bestätigte 2008 die Entscheidung. Dem Mann, hieß es im Urteil, hätte klar sein müssen, dass es keine übereinstimmende sexuelle Beziehung gewesen sei. Das Kultusministerium teilte mit: "Die Vorstellung ist unerträglich, Schülerinnen könnten ihm wieder ausgeliefert sein".

Nun läuft die Revision, der Lehrer bezieht derweil ein nur leicht reduziertes Gehalt. Anfang 2011 ist mit einem rechtskräftigen Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zu rechnen. Der Lehrer wollte auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

Sarah hat einen Ordner mit ins Gasthaus gebracht, es ist einer von siebzehn voll mit Briefen des Lehrers. "Wenn ich die nicht hätte", sagt Sarah, "hätte mir niemand geglaubt.. Selbst ihre Eltern wollten die Briefe erst nicht lesen, der Lehrer war ein guter Bekannter der Familie. Die Mutter hat es dann doch getan, vor ein paar Jahren in Sarahs Wohnung im Norden. Sie wurde bleich und immer bleicher, bis sie in sich zusammensackte am schmalen Küchentisch ihrer Tochter.

Der Lehrer hat Sarah täglich geschrieben, die frühen Briefe sind ein Lehrstück in Manipulation. Sie handeln von der Notwendigkeit, Briefe sorgfältig zu verstauen und keine Kopien zu machen. Von Eltern, denen man alles sagen soll im Leben, aber nichts von Briefen. Von Gefühlen wie für eine Tochter oder vielleicht doch für mehr. Von der Rolle, die der Begriff EKG 255 zwischen ihnen spielen dürfe. EKG, sagt Sarah, stehe für Evangelisches Kirchengesangsbuch, in Lied Nummer 255 gehe es um Liebe. Als sie 16 war, sagt Sarah, habe der Lehrer ihr ein Gelübde abgenommen, Treue auf ewig.

Die Briefe sind ein wirres Gekrakel, voller seltsamer Symbole, kaum ein freier Millimeter Papier. Die späteren, sind kaum erträglich in ihrer Obszönität, sie beschreiben im Pornojargon die sexuellen Handlungen des erwachsenen Lehrers und seiner minderjährigen Schülerin. Und sie nennen die Orte, an denen die sexuellen Handlungen stattfanden.

"Muss das sein?"

Ein neuer Tag in Ansbach, Sarah steigt die geschwungene Holztreppe hinauf zur Orgel der Kirche St. Gumbertus. Hier auf der Empore, sagt sie, geschützt vor den Blicken der Gemeinde unten in der Schwanenritterkapelle, habe der Lehrer während der Früh- und Kindergottesdienste sie im Intimbereich geküsst und angefasst, wenn er gerade nicht dran war mit Orgelspielen. Er habe das aufregend gefunden. Zum ersten Mal ist da ein Zittern in Sarahs Stimme. Sie sagt, dass der Lehrer sie auch im Haus ihrer Eltern missbraucht habe, im Musiksaal des Gymnasiums Carolinum, wo er ihr Klavierunterricht gab, oder im Speicher der Schule, wo der schmutzige Boden stets extra mit Papier ausgelegt gewesen sei.

Sarah blickt hinunter ins helle Kirchenschiff, sie berichtet von den ständigen Schmerzen damals, von Blut, Blasenentzündung und Wunden im Intimbereich. Auf Besuch in Ansbach höre sie immer, dass sie doch einfach hätte nein sagen können oder sich irgendwem anvertrauen. "Natürlich hatte ich keine Pistole am Kopf", sagt Sarah. "Aber es gibt doch auch so etwas wie psychische Gewalt." Oft habe sie den Lehrer gefragt: "Muss das sein?" Dann sei er wütend geworden und habe sie angeherrscht, sie sei genauso zickig wie seine Frau. Sie habe nicht gewollt, dass er wütend wurde und schon gar nicht sein wie seine Frau.

Einmal, sagt Sarah, in einem Musikraum der Schule, Zelle 2 genannt, hatte sie sich fest vorgenommen, nein zu sagen, endlich nein. Aber das Wort steckte fest irgendwo auf dem Weg zu ihren Lippen. Danach fuhr sie heim auf dem Fahrrad, sie hatte den Schlüssel vergessen und konnte nicht ins Haus. Sie legte sich im Garten ins Gras und weinte.

Die Ohnmacht hat lange nicht aufgehört. In Ansbach, sagt Sarah, habe niemand unangenehme Dinge über einen beliebten Musiker hören wollen. Nach der Anzeige beim Kultusministerium 2006 habe sie ein Religionslehrer des Gymnasium Carolinum gebeten, doch auch an die Familie des Lehrers zu denken.

Der Schuldirektor habe gesagt, es könne so schlimm doch nicht gewesen sein. Die damalige Elternbeiratsvorsitzende habe gesagt, man müsse jetzt nach vorne schauen. Der Beratungslehrer habe gesagt, er wolle die Briefe nicht lesen. Es gab eine Unterschriftenliste zur Unterstützung des Lehrers. Sarah sagt, eine ehemalige Mitschülerin habe sie angerufen und gesagt, sie habe auch unterschrieben, bitte nicht böse sein, ihr persönlich habe der Mann ja nichts getan.

Die von Sarah genannten Personen wollten nicht Stellung nehmen oder waren am Sonntag nicht zu erreichen. Auch Kirchenleute hätten damals nicht reagiert, sagt Sarah. Immerhin untersagte der Ansbacher Dekan dem Lehrer alle Auftritte im Dekanat.

Im kirchlichen Umfeld tritt der Lehrer indes häufig auf, kürzlich erst bei einem Benefizkonzert des Evangelischen Frauenbundes Ansbach oder im Lutherhaus in benachbarten Leutershausen. Außerhalb des Dekanats Ansbach ist er weiter als Organist bei Gottesdiensten tätig.

Vergangene Woche hat sich der Sprecher der evangelischen Landeskirche Sarahs seit Jahren bekannte Geschichte angehört. Ein paar Tage später ruft er zurück, es gebe Neuigkeiten. Der Ansbacher Regionalbischof Christian Schmidt habe in einem Brief alle Dekane im Kirchenkreis angewiesen, den Lehrer bis zum Abschluss des Verfahrens nicht mehr auftreten zu lassen. Den Feuchtwanger Dekan habe er gebeten, einen anderen Dirigenten für das Rock-Oratorium zu finden. Vielleicht, heißt es, wird die Uraufführung sogar abgesagt. Am Reformationstag könnte es nun still sein in der Stiftskirche von Feuchtwangen.

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Quelle:
SZ vom 25.10.2010/tob
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