Missbrauch einer Schülerin:Briefe als Beweisstücke

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Das Verhältnis zu dem Lehrer dauerte bis weit nach dem Abitur. Sarah sagt, es habe auf Abhängigkeit und Zwang gegründet. Sie befreite sich langsam, ging nach München zum Studieren, dann als Kirchenmusikerin in den Norden. Sie lernte einen Mann kennen dort und ein neues Gefühl. Irgendwann begriff sie: Das musste Liebe sein.

2005 zeigte sie den Lehrer wegen sexuellen Missbrauchs an, das Verfahren wurde eingestellt wegen Verjährung. Sarah sagt, die Staatsanwaltschaft Ansbach habe sie erst auf Nachfrage fast drei Monate später über die Einstellung informiert. Das Kultusministerium jedoch entfernte den Studiendirektor 2006 aus dem Dienst, das Verwaltungsgericht Ansbach bestätigte 2008 die Entscheidung. Dem Mann, hieß es im Urteil, hätte klar sein müssen, dass es keine übereinstimmende sexuelle Beziehung gewesen sei. Das Kultusministerium teilte mit: "Die Vorstellung ist unerträglich, Schülerinnen könnten ihm wieder ausgeliefert sein".

Nun läuft die Revision, der Lehrer bezieht derweil ein nur leicht reduziertes Gehalt. Anfang 2011 ist mit einem rechtskräftigen Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs zu rechnen. Der Lehrer wollte auf Anfrage nicht Stellung nehmen.

Sarah hat einen Ordner mit ins Gasthaus gebracht, es ist einer von siebzehn voll mit Briefen des Lehrers. "Wenn ich die nicht hätte", sagt Sarah, "hätte mir niemand geglaubt.. Selbst ihre Eltern wollten die Briefe erst nicht lesen, der Lehrer war ein guter Bekannter der Familie. Die Mutter hat es dann doch getan, vor ein paar Jahren in Sarahs Wohnung im Norden. Sie wurde bleich und immer bleicher, bis sie in sich zusammensackte am schmalen Küchentisch ihrer Tochter.

Der Lehrer hat Sarah täglich geschrieben, die frühen Briefe sind ein Lehrstück in Manipulation. Sie handeln von der Notwendigkeit, Briefe sorgfältig zu verstauen und keine Kopien zu machen. Von Eltern, denen man alles sagen soll im Leben, aber nichts von Briefen. Von Gefühlen wie für eine Tochter oder vielleicht doch für mehr. Von der Rolle, die der Begriff EKG 255 zwischen ihnen spielen dürfe. EKG, sagt Sarah, stehe für Evangelisches Kirchengesangsbuch, in Lied Nummer 255 gehe es um Liebe. Als sie 16 war, sagt Sarah, habe der Lehrer ihr ein Gelübde abgenommen, Treue auf ewig.

Die Briefe sind ein wirres Gekrakel, voller seltsamer Symbole, kaum ein freier Millimeter Papier. Die späteren, sind kaum erträglich in ihrer Obszönität, sie beschreiben im Pornojargon die sexuellen Handlungen des erwachsenen Lehrers und seiner minderjährigen Schülerin. Und sie nennen die Orte, an denen die sexuellen Handlungen stattfanden.

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