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Minnesänger:Liegt Walther von der Vogelweide in Würzburg begraben?

Gedenkstein für Walther von der Vogelweide im Lusamgärtchen

Professorin Dorothea Klein an den Überresten des Kreuzgangs im Lusamgärtchen, im Hintergrund: das Grabmal.

(Foto: Daniel Peter)

Er ist einer der berühmtesten Minnesänger des Mittelalters. Doch vom Leben des Dichters ist wenig bekannt. Eine Spurensuche in Würzburg.

In das Würzburger Lusamgärtchen verirrt man sich nicht zufällig, es ist von hohen Mauern umgeben und liegt versteckt neben der Stiftskirche Neumünster. Dennoch finden viele Besucher den Weg durch das Eingangstor, für Würzburg-Touristen gehört der verwunschen wirkende Hinterhof zum Pflichtprogramm, weil hier Walther von der Vogelweide begraben sein soll.

Wer jemals mit dem Mittelhochdeutschen konfrontiert wurde, dürfte zumindest an seinem Gedicht "Ich saz ûf eime steine" nicht vorbei gekommen sein.

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Der Gedenkstein, den die Besucher im Garten sehen, ein sarkophagartiges Trumm, stammt allerdings von 1930 und markiert definitiv nicht die Stelle, an der Walthers Gebeine begraben wurden. Und doch soll Walther tatsächlich in diesem Garten liegen.

"Die Melodien sind verloren"

Es ist einer der letzten sonnigen Nachmittage im Oktober, Dorothea Klein hat sich bereit erklärt, bei einem Ortstermin aufzuklären, was es mit Walthers Grab auf sich hat. Sie ist Professorin für Ältere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Würzburg, Walther von der Vogelweide gehört somit zu ihrem Arbeitsalltag, Besuche im Lusamgarten eher nicht.

Als eine Besuchergruppe in den Garten strömt, vorbei an den Resten des alten Kreuzgangs, und sich um das Walthersche Grabmal versammelt, ist Klein selbst neugierig, was die Führerin gleich erzählen wird. Die Bedeutung des Grabmals als reiner Gedenkstein wird korrekt erklärt, dann kündigt die Dame an, noch ein Gedicht vorzutragen: "Under der linden". Wie passend, steht doch neben ihr ein Lindenbaum. Und dann setzt sie an - und beginnt zu singen. "Jesses!", entfährt es Klein, zu leise, um von der Hobby-Minnesängerin gehört zu werden. Wie damals wirklich gesungen wurde? "Wir wissen es nicht", sagt sie. "Die Melodien sind verloren."

Mit wenigen Ausnahmen, denn einige Lieder sind baugleich zu französischen Chansons aus dieser Zeit. Doch das mögen um die 20 Stücke sein. Allein Walthers Oeuvre umfasst ein Vielfaches. Weil die Professorin aber eine kultivierte und sehr freundliche Frau ist, reicht sie nach der ersten Überraschung noch einen herzlichen Kommentar über das Gehörte nach: Die mittelalterlichen Lieder, so viel wisse man, seien bei uns einstimmig vorgetragen worden. Das habe die Dame also richtig gemacht. Kunststück.

"Er muss aus dem bairischen Sprachraum sein"

Doch zurück zu Walthers Leben und Sterben. Viele Städte wollen den bekanntesten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters für sich vereinnahmen, aus Lokalpatriotismus, und weil es dem Tourismus dient. Woher Walther stammt, weiß man nicht. "Er muss aus dem bairischen Sprachraum sein", sagt Klein, das könne man an der Reimbildung erkennen, wobei das Österreich und Südtirol einschließe.

Walthers Geburtsjahr ist ebenso unbekannt wie der Geburtsort, in Berichten über Walthers Vita kommt deshalb häufig das Wörtchen "um" vor. Man geht davon aus, dass er um 1190 herum zu dichten begann und um 1230 starb. Walther lebte zu einer Zeit, die Germanisten als mittelalterliche Klassik bezeichnen: In der das Nibelungenlied entstand und Wolfram von Eschenbach den Parzival dichtete. "Von unseren Dichtern wissen wir in der Regel nichts. Wir haben nur ihre Werke", sagt Klein. Und: "Walther erwähnt in seinem Werk Würzburg überhaupt nicht." Entsprechend groß waren ihre Zweifel, als sie sich erstmals mit der Frage nach Walthers Grab beschäftigte. "Ich bin ja ein alter Skeptiker."

Und weil sie davon ausgeht, dass es anderen genauso geht, hat sie einen dicken Wälzer mit ins Lusamgärtchen gebracht. Es ist das Faksimile einer Handschrift, die um 1350 in Würzburg entstanden ist, direkt neben dem Lusamgärtchen: Das Hausbuch des Michael de Leone. Nur der zweite Band ist erhalten, doch zum Glück ist gerade dort die Nachricht vom Begräbnisort Walthers überliefert.

Michael de Leone wurde an der Schule des Stiftes Neumünster ausgebildet. Später bekleidete er in Würzburg wichtige Ämter, zuletzt war er Pronotar des Bischofs und Scholaster des Neumünsterstifts. In dieser Funktion ließ er das Hausbuch anfertigen, eine Literatursammlung, die viele Lieder Walthers von der Vogelweide enthält und an deren Ende ein deutsch geschriebener Bericht über das Grab Walthers folgt: "Her Walther uon der Uogelweide, begraben ze Wirzeburg zv dem Nuwemunster in dem grasehoue."

Gedenkstein für Walther von der Vogelweide im Lusamgärtchen

Hier soll angeblich Walther von der Vogelweide begraben sein.

(Foto: Daniel Peter)

Das sind die beiden wichtigsten Quellen

Auch im Manuale, einer zweiten handschriftlichen Literatursammlung, die Michael de Leone anfertigen ließ, findet sich ein Hinweis auf das Grab, diesmal auf Latein. Dorothea Klein kann das beim Vorlesen mal eben übersetzen, nachzulesen ist es außerdem in einem Aufsatz, den sie freundlicherweise ins Lusamgärtchen mitgebracht hat: Der Germanist Dietrich Huschenbett hatte 2001 den Forschungsstand zu Walthers Grab zusammengetragen ("Walther und Reinmar. Zum Poetenwinkel am Neumünster in Würzburg"). Demnach wurde im Manuale notiert, dass auf dem Epitaph vom "Ritter Walther, genannt von der Vogelweide, begraben im Kreuzgang des neuen Münsters von Würzburg" die folgenden Verse eingemeißelt wurden: "Der du als Lebender die Weide der Vögel gewesen bist, die Blume der Beredsamkeit, der Mund der Dichtkunst, du starbest. Damit nun deine Rechtschaffenheit den himmlischen Kranz erlangen möge, spreche hier, wer dies liest: Gott erbarme sich seiner."

Dass in der deutschen Mitteilung vom grasehove die Rede ist, in der lateinischen vom Kreuzgang, erklärt Huschenbett damit, dass "ein Kreuzgang ein Geviert zu umschließen pflegt, das wohl auch mit Gras bewachsen sein mochte".

Diese beiden Handschriften aus dem Mittelalter seien die wichtigsten Quellen, sagt Klein, hinzu kommen zwei Berichte aus dem 17. und 19. Jahrhundert, die unabhängig davon entstanden sind. Deren Verfasser müssen die lateinische Inschrift noch mit eigenen Augen gesehen haben, sagt Klein. Es ist also erwiesen, dass Walther tatsächlich hier im Lusamgärtchen begraben wurde. Vermutlich wurde das Grab spätestens 1830 zerstört.

Da vom alten Kreuzgang nur der Nordflügel erhalten ist und das neue Grabmal nördlich davon liegt, müsse man aber davon ausgehen, dass Walther einige Meter entfernt begraben wurde. Auch was die vier Vertiefungen angeht, die der Schöpfer des Steinsarkophags für Wasser und Futter eingelassen hat, muss die Professorin enttäuschen: Es sei nur eine Legende, dass Walther in seinem Testament verfügt hat, man möge auf seinem Grab die Vögel speisen. Wenn auch eine schöne.

© SZ vom 27.10.2017/jana
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