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Miesbach:Neulinge im Krisenmodus

In etlichen Landkreisen Bayerns übernehmen zum 1. Mai neue Landräte das Amt. Doch statt Einstandsfeiern warten auf sie Sitzungen im Katastrophenstab. Zum Glück haben fast alle bereits langjährige Erfahrung in der Kommunalpolitik

Wie er da mit Mundschutz das Testzelt in Miesbach inspiziert, könnte Innenminister Joachim Herrmann für die Kameras auch gut den Chefarzt der fiktiven Oberlandklinik abgeben, assisistiert von Landtagspräsidentin Ilse Aigner, die ihm die Bändchen der Maske zuknotet. Doch der Ernst der Lage ist real, und in gebotenem Abstand steht ein Mann, der zur Maske einen hellen Trachtenjanker trägt und hier bald selbst im Zentrum stehen wird. Denn Olaf von Löwis wird am 1. Mai das Amt des Miesbacher Landrats übernehmen, so wie auch in den beiden anderen bayerischen Corona-Hotspots Tirschenreuth und Rosenheim neue Landräte gewählt wurden. Sie alle werden vom ersten Tag an als Krisenmanager gefordert sein.

Coronavirus - Miesbach

Olaf von Löwis ist schon im Krisenmodus.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Als Leiter der Krisenstäbe und als Vorgesetzte der jeweiligen Gesundheitsämter tragen die Landräte einen großen Teil der Verantwortung für das, was direkt vor Ort für die Bevölkerung und gegen die weitere Ausbreitung des Virus unternommen wird. Löwis, der bis 1. Mai Bürgermeister der Marktgemeinde Holzkirchen ist und für die CSU den traditionell konservativen Landkreis Miesbach dem grünen Amtsinhaber Wolfgang Rzehak wieder abgejagt hat, hat sich den Übergang ganz anders vorgestellt, wie er sagt. Er habe sich etwa zur Wirtschaft und zum Wohnungsbau im Landkreis viel vorgenommen, doch all das ist jetzt erst einmal in den Hintergrund gerückt. Dass Löwis nun vor einigen Tagen in Atemmaske neben Herrmann und Aigner beim Krisenstab stand und auch schon an einer recht exklusiven Telefonkonferenz mit dem Ministerpräsidenten teilgenommen hat, ist nicht nur ihrer aller CSU-Parteifreundschaft geschuldet, sondern auch dem, was auf Löwis nun zukommt.

Er habe sich gleich am Tag nach der Stichwahl im Landratsamt gemeldet und sei auch sofort zu den täglichen Sitzungen des Krisenstabs hinzugezogen worden, sagt Löwis, der seither zwar nicht jeden Tag persönlich teilnimmt, aber stets per Telefon auf dem Laufenden gehalten wird. Was langfristige Entscheidungen betrifft, etwa die Standortsuche für eine improvisiertes Notfallkrankenhaus, wenn die Kapazitäten in der Kreisklinik und der vorsorglich freigehaltenen Rehaklinik irgendwann doch nicht mehr reichen sollten, werde er gefragt und könne schon jetzt mitentscheiden. Zumindest habe er das Gefühl, sagt Löwis, so wie er auch das Gefühl habe, dass das alles "nicht ohne Einverständnis" des Amtsinhabers Rzehak geschehe. Dass der zuletzt keine besonders aktive Rolle gespielt habe, hatten nicht nur immer mehr Mitarbeiter durchblicken lassen. Auch Löwis hatte das im Wahlkampf kritisiert. Von ihm werde nun erwartet, dass er das Heft in die Hand nehme, sagt Löwis und kündigt genau das an.

Roland Grillmeier, der neue Landrat im Landkreis Tirschenreuth, ist ein sehr erfahrener Kommunalpolitiker. Seit zwölf Jahren ist der 49-jährige Verwaltungsfachmann stellvertretender Landrat, seit 18 Jahren Bürgermeister des Marktes Mitterteich und seit 24 Jahren Mitglied des Kreistags. Wer so lange in der Kommunalpolitik ist, hat auch einige Krisen erlebt. Den Niedergang der Oberpfälzer Porzellanindustrie etwa, "als allein bei uns in Mitterteich über Nacht 400 Arbeitsplätze weg waren und keiner wusste, was wird", wie sich Grillmeier erinnert. "Doch all das war kein Vergleich zu Corona."

Grillmeier weiß genau, wovon er spricht. In Mitterteich wütet das Virus besonders stark. So stark, dass der Markt knapp drei Wochen mit einer sehr viel schärferen Ausgangssperre belegt war als der übrige Freistaat. Sie war eine immense Belastung, für die Bevölkerung ebenso wie für Bürgermeister Grillmeier. Auch wenn die Ausgangssperre Vergangenheit ist, die immense Belastung bleibt. Denn der Landkreis Tirschenreuth ist weiter der Corona-Hotspot schlechthin in Bayern und Deutschland. Pro Kopf der Bevölkerung gibt es nirgendwo sonst so viele Infektionen wie hier.

Roland Grillmeier übernimmt in Tirschenreuth.

(Foto: Privat)

Inzwischen haben sie in Tirschenreuth aber eine gewisse Routine im Umgang mit der Pandemie entwickelt. Das hat viel mit dem scheidenden Landrat Wolfgang Lippert zu tun. Der 64-jährige Freie-Wähler-Politiker, der von sich aus auf eine dritte Amtsperiode verzichtet hat, ist mit einem ausgesprochen unaufgeregten und pragmatischen Naturell gesegnet. In einer Krise wie dieser kommt das nicht nur ihm, sondern seiner ganzen Umgebung zupass. So schlimm die Pandemie in Tirschenreuth wütet, so routiniert bewältigen die lokalen Behörden, Krankenhäuser und Hilfsdienste bisher alles, was damit zu tun hat. Selbstverständlich hat Lippert seinem Nachfolger Grillmeier sofort den Zugang zum Katastrophenstab angeboten. Und natürlich weiß Grillmeier, dass er jederzeit zu Lippert kommen kann, wenn er eine Frage hat.

In Rosenheim bereitet sich der bisherige CSU-Landtagsabgeordnete Otto Lederer auf das Amt als Landrat vor. Sein Vorgänger Wolfgang Berthaler ist nach einem Unfall de facto seit Sommer 2018 nicht mehr im Dienst. Für ihn hält der Bürgermeister von Babensham, Josef Huber, die Stellung. Er ist es auch, der nun Lederer Einblick in die anstehenden Projekte und deren Hintergrund gibt - soweit das nötig ist, denn Lederer ist seit 18 Jahren in der Kreispolitik aktiv. Als Abgeordneter verfüge er auch über "einen kurzen Draht in die Ministerien", so dass ihm vor der neuen Aufgabe nicht bange sei.

Das sei zwar "schon eine besondere Herausforderung", sagt er, aber es gehöre zum politischen Geschäft, besonders auf kommunaler Ebene. Auch Lederer wird von der Führungsgruppe Katastrophenschutz täglich informiert und in die Entscheidungen eingebunden. In den Behörden gebe es ohnehin das nötige Wissen. Die Aufgabe an der Spitze bestehe vor allem darin, zu entscheiden und zu koordinieren. Von 4. Mai an wird Lederer das von seinem Büro im Landratsamt aus tun. Die Zugangskarte für Tür und Tiefgarage hat er schon

© SZ vom 11.04.2020

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