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Michael Adam:Er ist so frei

Regener Landrat Adam will nicht mehr kandidieren

Mit 27 Jahren wurde Michael Adam Landrat von Regen.

(Foto: dpa)

Blutjung, schwul, evangelisch, Sozi: Michael Adam galt als größtes Talent der Bayern-SPD. Doch seine Ämter haben ihn seine Jugend gekostet. Jetzt ist der Landrat von Regen 32 und mag nicht mehr.

Von Andreas Glas

Der Käfig steht an diesem Mittwochmorgen in einem Gewerbegebiet: ein nüchterner Siebzigerjahrebau, draußen am Regener Stadtrand. Hier ist neuerdings das Jobcenter untergebracht, aber wegen eines neuen Jobs ist Michael Adam, 32, nicht gekommen.

Er ist immer noch Landrat und er ist gekommen, um das Jobcenter zu eröffnen. Sechs Tage, nachdem er bekannt machte, sein Amt im Herbst hinzuschmeißen. Und fünf Tage, nachdem er sein Leben einen goldenen Käfig nannte. "Zweifellos golden", schrieb Adam auf seiner Facebookseite, "aber am Ende doch immer ein Käfig".

Es ist jetzt viel die Rede vom tiefen Fall des Michael Adam. Das ist ja auch eine gute Story, wenn man mal zurückdenkt, wie dieser Mensch damals hochgejubelt wurde. Damals, als er die Bürgermeisterwahl in Bodenmais gewann, in seinem Heimatort. Er war 23, die Presse nannte ihn "Hoffnungsträger" und "Wunderkind".

Mit 27 wurde er Regener Landrat, spätestens da galt er als größtes Talent der bayerischen Sozialdemokratie. Blutjung, schwul, evangelisch, Sozi: Dieser Vierklang hat ihn bundesweit bekannt gemacht. Weil niemand für möglich hielt, dass sich so einer durchsetzen kann im Bayerischen Wald. Dort, wo das politische Pflaster traditionell tiefschwarz geteert ist.

Michael Adam, das war mal der Karl-Theodor zu Guttenberg der Bayern-SPD, ein politischer Heilsbringer. Ein Phänomen, wie man so sagt.

Im Jobcenter ist es kurz nach zehn, als Michael Adam sich an den Besprechungstisch setzt, die Lokalpresse ist da, vor ihm liegt ein Tablett mit Schnittchen. Als Landrat kriegt man überall Schnittchen vorgesetzt, und das sieht man dem Landrat auch an. Unterm Trachtenjanker wölbt sich der Bauch, sein Gesicht ist runder geworden. Damals hat er noch gescherzt, dass er aufpassen müsse, "sonst seh' ich bald so aus wie der Franz Josef Strauß".

Adam hat immer tief blicken lassen, sich aber nie verstellt

Damals war er ein Krischperl, wie man in Niederbayern sagt, ein zartes Persönchen, ein politisches Milchgesicht. So jung, so zart, so viel Verantwortung, packt der das? Solche Sachen haben die Reporter damals gefragt. Und Adam hat den Reportern selbstbewusst rausgegeben: "Warum soll ich die Aufgabe nicht schaffen?"

Nun, neun Jahre später, schafft er es tatsächlich nicht mehr. Oder will nicht mehr. Oder beides. Man möchte ihn gern fragen, aber im Jobcenter in Regen spricht Michael Adam lieber über die Flüchtlinge und darüber, "dass wir diese Menschen in Arbeit bringen müssen". Über sich selbst will er nicht reden und auch nicht über das Bild vom goldenen Käfig. Ein Bild, das tief blicken lässt in die Seele des Michael Adam. Mal wieder.

Er hat ja immer tief blicken lassen, hat sich nie verstellt. Er hat den Leuten aber auch seine Abgründe zugemutet. Zum Beispiel im Herbst 2013, im Stüberl eines Regener Wirtshauses, als er Stellung nahm zu den Berichten der Boulevardblätter, die ihn plötzlich nicht mehr Hoffnungsträger nannten, sondern "Sex-Landrat", weil er sich nachts im Landratsbüro mit jungen Männern vergnügte.

Statt das Nötigste zu sagen, breitete Adam sein Intimleben aus, vor 30 Journalisten, vor Kameramännern und Fotografen, die aus sämtlichen Ecken der Republik angerückt waren. Seine Offenheit hat manche erfrischt, manche erschreckt, aber allen irgendwie geholfen, sich ein Bild zu machen vom Phänomen Michael Adam.

Und jetzt, da man glaubte, ihn endlich zu kennen, mit all seinen Widersprüchen, da steht man plötzlich wieder vor einem Rätsel. Dass er als Landrat aufhört, damit hat niemand gerechnet.

Auch Rita Röhrl nicht, die Teisnacher Bürgermeisterin. Sie gilt als Ziehmutter des Politikers Michael Adam, aber das hört sie nicht gern. Ziehmutter? Wenn das so wäre, "dann wäre bei der Erziehung etwas schiefgelaufen", sagt die SPD-Politikerin und kichert. Sie meint das nicht böse, aber natürlich spielt sie auf die Skandale an, die Michael Adam produziert hat. Die Sex-Geschichte, klar, aber auch sein Alkoholproblem, das er im vergangenen Herbst öffentlich machte, ohne dass ihn jemand danach gefragt hatte.

Sein Parteibuch war Adam nie besonders wichtig

Und dann gab es da ja noch die Pfeile, die er ausgerechnet denen hinschoss, die so stolz auf ihn waren. Vor der Landtagswahl 2013 nannte er SPD-Landeschef Florian Pronold einen "Speichellecker" und "Ja-Sager". Die SPD, sagte er öffentlich, sei "nicht wählbar". Also wählte der SPD-Hoffnungsträger die CSU - und posaunte auch diese Frechheit ungefragt in die Öffentlichkeit hinaus.

"Es gibt Sachen, die hätte er lieber nicht sagen sollen", sagt Rita Röhrl. "Da war er einfach zu jung, diplomatisches Verhalten muss man erst lernen." Ob nun kindisch, kalkuliert oder irgendwie selbstzerstörerisch: Den Heldenstatus in der Bayern-SPD war er nach seinen Attacken jedenfalls los, die Chance auf eine Parteikarriere war dahin. Damals, sagen die Leute, begann der Abstieg des Michael Adam.

Doch gekratzt hat ihn dieses Gerede nie, sein Parteibuch war ihm nie besonders wichtig, nach außen kam das zumindest so rüber. "Er hat die Fähigkeit, alle Parteien und Gruppierungen einzufangen, sodass auch schwierige Entscheidungen problemlos getroffen werden können. Das bewundere ich", sagt Rita Röhrl. "Aber vielleicht war er halt doch zu jung, es ging alles zu schnell, es war zu viel."

Zu jung, zu schnell, zu viel. Vielleicht ist das Scheitern des Michael Adam ganz einfach zu erklären. Und vielleicht ist es gar kein Scheitern, vielleicht ist sein Rückzug nur die logischste, weil menschlichste aller Konsequenzen. "Er hat ein ganzes Stück seiner Jugend verloren, als er Bürgermeister geworden ist", sagt Ina Gruber. Sie leitet das Jugendzentrum in Bodenmais, kennt Adam seit er ein Teenager war, hat ihn bei seinem Coming-Out unterstützt.

Und sie hat mitgekriegt, wie Adams Freunde tanzen gingen, während er selbst bei Feuerwehrversammlungen saß oder bis spät in die Nacht am Computer. Ina Gruber glaubt, dass er endlich "etwas nachholen kann", wenn er nicht mehr Landrat ist. Dass er sich holt, was er damals weggeschmissen hat: seine Jugend.

So ähnlich sagt das auch Rita Röhrl. Dass Adam aufhört, "bedauere ich sehr", er sei ein toller Landrat. Trotzdem findet sie, dass sein Rückzug "ein guter Weg für ihn ist. Er kann jetzt die Jugend nachholen, die er so nicht erleben konnte". Aber geht das jetzt überhaupt noch, mit 32? Da ist sich Röhrl dann doch nicht ganz sicher: "Im Moment ist es unheimlich reizvoll, sich von den Zwängen zu befreien. Ob er das auf Dauer so empfindet? Mit den Folgen muss er fertig werden."

Zumal er gute Chancen gehabt hätte, wieder gewählt zu werden. Sogar politische Konkurrenten loben den Job, den er als Landrat macht, die Leute im Landkreis mögen ihn immer noch. Manche trotz, manche wegen seiner Eskapaden, die ihn unberechenbar machten, aber halt auch menschlich, weil jeder Mensch seine inneren Widersprüche hat. "Er hätte den bequemeren Weg gehen können. Er hätte wieder kandidieren, nach zwei Jahren aufhören können und wäre versorgt gewesen", sagt Rita Röhrl.

Ihm scheinen die Kräfte zu fehlen

Schon im Frühling 2018 hätte Adam ja die zehn Amtsjahre vollmachen können, die ein Wahlbeamter braucht, um eine lebenslange Pension zu bekommen. Doch ihm scheinen selbst für ein, zwei weitere Amtsjahre die Kräfte zu fehlen. "Ich glaube, dass der Michael den Stress nicht mehr haben will und den Druck, den so ein Wahlkampf mitbringt", sagt Ina Gruber.

Und was sagt Michael Adam? Er steht jetzt im Flur des Jobcenters, sein Auftritt ist rum, er gibt die Hand, aber keine Antworten. Er wirkt gehetzt, muss weiter zum nächsten Termin. Man muss sich also zufrieden geben mit seinem Facebook-Eintrag und mit der Pressemitteilung, die er vor einer Woche verschickt hat. Darin heißt es, er habe "stets darunter gelitten", dass er sein Studium abgebrochen hat, als es ihn damals so plötzlich in die Politik spülte. "Ich bin nun mit 32 Jahren in einem Alter, in dem ich gerade noch relativ unkompliziert einen berufsfähigen akademischen Abschluss nachholen kann."

Normalerweise ist es ja so: Jemand geht studieren, um irgendwann mal Landrat zu werden. Bei Michael Adam ist es andersrum: Er hört als Landrat auf, um studieren zu gehen. Schon irgendwie irre, zumal er nicht mal weiß, was er hinterher mit seinem Politikstudium anstellen will, das sagt jedenfalls Rita Röhrl.

Ein letzter Blick auf Facebook. Er bedauere die Sex-Affäre und auch manche hitzige Äußerung, schreibt Michael Adam. Manchmal, da habe ihm die Gelassenheit gefehlt, doch "für Gelassenheit hätte ich Lebenserfahrung gebraucht", die habe er bis heute nicht.

Die Lebenserfahrung, so klingt es, will er sich jetzt endlich holen. Irgendwo da draußen, irgendwo außerhalb des goldenen Käfigs.

© SZ vom 25.03.2017/amm
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