Nach Messerattacken auf drei Frauen Der Albtraum in Nürnberg ist vorbei

  • Zwei aufmerksamen Streifenpolizisten ist es zu verdanken, dass schon am Morgen nach den Messerangriffen auf drei Frauen in Nürnberg ein Mann festgenommen wurde.
  • Der Tatverdächtige, ein 38-jähriger obdachloser Deutscher, sitzt in Untersuchungshaft. Das Motiv ist weiter unbekannt.
  • Die Opfer müssen weiterhin im Krankenhaus versorgt werden.
Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Am Sonntagvormittag wirkt der Stadtteil St. Johannis wie verwandelt. Die Nürnberger stehen nicht im Verdacht, sich zum Überschwang hinreißen zu lassen. An diesem Morgen aber grüßt eine Dame mit Ohrenschützern einen ihr nicht bekannten Mann mit langem "Suuper" quer über die Straße, den Daumen in die Höhe gereckt. Über die Festnahme eines Verdächtigen will sie nicht sprechen, keine Zeit, sie muss an ihren Arbeitsplatz im Restaurant, da wird's am Adventssonntag rund gehen.

Auch im Café "Fatal" blickt man in strahlende Gesichter. Eine 26-Jährige hatte dort auch am Freitag bedient. Gegen acht Uhr abends war ihre Schicht zu Ende, 24 Stunden nach der ersten Attacke auf eine Frau in Johannis. Sie wohnt gleich um die Ecke. Aber selbst dafür hat sie ein Taxi gerufen. Der Fahrer hatte Verständnis.

Kriminalität Polizei findet Opfer-DNA am Messer des Verdächtigen
Nürnberg

Polizei findet Opfer-DNA am Messer des Verdächtigen

Der 38-jährige Obdachlose ist schon am Morgen nach den Messerangriffen in Nürnberg verhaftet worden. Seine vielen Vorstrafen nennt die Staatsanwältin einen "Spaziergang quer durchs Strafgesetzbuch".   Von Isabel Bernstein

Am Freitag hat die Polizei am Westrand von Johannis einen Mann festgenommen. Seit Samstagnachmittag steht er unter dringendem Tatverdacht, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag drei Frauen wahllos mit einem Messer attackiert zu haben. Die drei Frauen mussten notoperiert werden, für zwei von ihnen bestand erst viele Stunden nach dem Angriff keine Lebensgefahr mehr. Anschließend fahndete die Polizei zwei Tage nach dem Täter. Man soll nicht zu oft von einem Albtraum sprechen. Aber für den angesagten Stadtteil Johannis, mit seinen Kneipen und Restaurants, war es genau das. Vor allem für Frauen.

Der mutmaßliche Täter ist ein 38 Jahre alter Deutscher, geboren in Thüringen. Schaut man sich weitere Details an, dann grenzt es an ein kleineres Vorweihnachtswunder, dass er nun in Untersuchungshaft sitzt. Der Mann ohne Wohnsitz hielt sich erst eine Woche in Nürnberg auf, regulär war er zuletzt in Berlin gemeldet, inzwischen ist er auch dort abgemeldet. In Nürnberg war er vor zehn Jahren häufiger mal, aber nicht regelmäßig. Viel mehr weiß man bisher nicht über ihn. Eine Berufsbiografie? Nicht zu beantworten. Nach so einem suchen, nur aufgrund einer vagen Täterbeschreibung betroffener Opfer, in einer Stadt mit 500 000 Einwohnern? Das ist selbst mit Hunderten Einsatzkräften kein dringend erfolgversprechendes Projekt. Trotzdem ist es gelungen. Weil zwei Streifenpolizisten genau hingeschaut haben.

Ihnen ist schon am Freitag ein Mann auf dem Gehsteig aufgefallen, auf den die Beschreibung in etwa zutraf. Erst glaubten sie beim Festhalten, Blut an dessen Kleidung entdeckt zu haben. Das aber war eine falsche Wahrnehmung. Ein Messer dagegen fanden sie, daran waren Spuren. Seit Samstagnachmittag, seit der Untersuchung aus der Rechtsmedizin, ist klar: auch Opfer-DNA. Die Ermittler sind sich sicher: "Wir können klar Entwarnung geben", sagt Polizeipräsident Roman Fertinger. Innenminister Joachim Herrmann gratuliert zur "hochprofessionellen Arbeit". Vor allem den beiden Streifenpolizisten.

Der Tatverdächtige ist mehrfach vorbestraft

Der 38-Jährige hat 18 Vorstrafen, begangen vor allem in Ostdeutschland. Oberstaatsanwaltin Antje Gabriels-Gorsolke spricht von einem "Spaziergang quer durchs Strafgesetzbuch". Brandstiftung, Beleidigung, Betrug, Bandendiebstahl, als Heranwachsender eine Vergewaltigung. In Nürnberg war er auch schon strafrechtlich aufgefallen. In einem Kaufhaus am Plärrer versuchte er kurz nach seiner Ankunft in der Stadt, ein Käsemesser für vier Euro zu klauen. Er wurde erwischt, konnte danach wieder gehen. Das Messer, mit dem er später offenbar wahllos auf drei Frauen einstach, ist größer, etwa 25 Zentimeter lang. Das Motiv des Mannes ist noch unbekannt. Er äußert sich nicht. Ob er unter Drogen gestanden ist, womöglich schon mal durch eine psychiatrische Erkrankung aufgefallen war, soll nun ermittelt werden.

An eine vergleichbare Tatserie - offenbar motivlos, ohne erkennbaren Hinweis auf Hintergründe - können sich in Nürnberg selbst erfahrene Ermittler nicht erinnern. Alle drei Tatorte liegen wenige hundert Meter voneinander entfernt, wie in einem Dreieck. Wer es zu Fuß abschreitet, braucht keine zehn Minuten. Am Donnerstag um 19.20 Uhr hatte es im Kirchenweg begonnen, gleich gegenüber vom Nordklinikum. Eine 56 Jahre alte Frau war zu Fuß unterwegs, als ihr ein Mann ein Messer in den Leib rammte. Ein Ersthelfer sah die Frau, eilte in ein Friseurgeschäft und bat um Handtücher, um sie zu versorgen. An den Anfang einer Tatserie dachte da noch keiner.

Das änderte sich dreieinhalb Stunden später, als in der Arndtstraße, einer der ruhigen Straßen in dem Altbauviertel, offenbar derselbe Täter unvermittelt auf eine 26-Jährige einstach, und wenige Minuten später, gleich um die Ecke in der Campestraße, eine 34-Jährige lebensgefährlich verletzte. Alle drei Frauen müssen weiterhin im Krankenhaus versorgt werden.

Die Ermittler standen seit Donnerstagabend nicht nur stark unter Druck. Sie sahen sich auch heftiger Kritik ausgesetzt. Vor allem in sozialen Netzwerken wurde bemängelt, die Polizei habe in der Tatnacht viel zu spät über die Gewaltserie in Johannis informiert. Die Polizei parierte dies mit dem Argument, es seien bis zu 300 Polizisten im Viertel unterwegs gewesen, eine offensivere Informationspolitik wäre unter Umständen sogar kontraproduktiv gewesen. Man habe nicht die ganze Stadt in Aufruhr versetzen wollen. Nun aber, nach der Entwarnung innerhalb von 48 Stunden, ernten die Ermittler auch viel Lob. "Eine super Arbeit", sagt der Vorsitzende des Bürgervereins Johannis, Sven Heublein.

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