Der Mann, der vergangene Woche eine Gruppe der Zeugen Jehovas am Würzburger Hauptbahnhof mit einem Messer angegriffen haben soll, ist tot. Das teilte eine Polizeisprecherin am Montagmorgen am Tatort mit. Im Moment spreche „alles für ein Suizidgeschehen“, sagte sie. Der 35-Jährige sei gegen 6.40 Uhr leblos in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Würzburg gefunden worden.
Der Afghane saß seit einer Woche in Untersuchungshaft, nachdem er drei Glaubensvertreter der Zeugen Jehovas im Alter von 51, 55 und 68 Jahren an deren Infostand mit einem Messer angegriffen haben soll. Diese erlitten dabei keine Stich- oder Schnittverletzungen, sondern im Tumult lediglich leichtere Blessuren. Mehrere Passanten, darunter ein Polizist in Zivil, griffen ein, andere Polizisten nahmen den Mann kurz danach am Bahnhofsvorplatz fest. Die Staatsanwaltschaft Würzburg warf ihm nach der Tat versuchte gefährliche Körperverletzung und versuchten Mord vor.
Der Mann lebte laut Staatsanwaltschaft seit 2023 in Deutschland. Sein Asylantrag sei abgelehnt worden. Der 35-Jährige verfügte jedoch über eine Duldung.
Die Tat selbst ist gut dokumentiert, der Angriff von Überwachungskameras am Hauptbahnhof aufgezeichnet. Wie aus Ermittlerkreisen zu hören ist, lässt sich auf den Bildern erkennen, wie der Mann zunächst an dem Infostand vorbeigeht, gleich darauf kehrtmacht, mit dem Messer hinter seinem Rücken zielstrebig auf den 68-Jährigen zusteuert und, ohne zu zögern, zusticht.
Dass der Angriff keine schwereren körperlichen Verletzungen zur Folge hatte, ist selbst für erfahrene Ermittler erstaunlich. Von großer Bedeutung dürfte das beherzte Einschreiten der Passanten und der anderen beiden Zeugen Jehovas gewesen sein. Wie eine Augenzeugin der SZ sagte, fiel in dem Handgemenge das Messer zu Boden und zerbrach in Griff und Klinge.
So eindeutig sich das Tatgeschehen darstellt, so unklar sind bislang die Hintergründe. Aus diesem Grund waren am Montagmorgen Polizisten am Würzburger Hauptbahnhof und suchten nach Zeugen, welche die Tat sowie den Verdächtigen und mögliche Ausrufe oder Gesten des Mannes vor dem Angriff wahrgenommen haben. Selbst geäußert hat er sich vor seinem Tod nicht. „Hinweise dahingehend, dass die vorgeworfene Tat länger geplant war, haben sich nicht ergeben“, teilte ein Sprecher der Würzburger Staatsanwaltschaft am Montag mit.
Ob er psychisch krank war, ist nach Auskunft der Staatsanwaltschaft bislang unklar. Wie die Main-Post unter Berufung auf die Ausländerbehörde der Stadt Würzburg berichtete, sei er aber bereits im vergangenen Jahr zweimal auffällig und deshalb im Sommer und Herbst zeitweilig in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht gewesen.
Nach Angaben eines Sprechers der Stadt Würzburg, die die Unterbringung im Oktober 2025 angeordnet hatte, erfolgte dies „gefahrenabwehrend wegen des Verdachts auf weitere Gefährdung“. Der Mann habe zuvor mit einem Hammer Fensterscheiben an mehreren Gebäuden einer Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber in Würzburg zerstört.
Dass er sich am Montag vor einer Woche in einem psychischen Ausnahmezustand befand, der eine Schuldunfähigkeit begründet hätte, war nach der vorläufigen Einschätzung der Ermittler unwahrscheinlich. Hätte sich ihnen dieser Eindruck aufgedrängt, hätte sich der Mann – sofern der zuständige Richter diese Einschätzung geteilt hätte – wohl in der forensischen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses befunden und nicht in Untersuchungshaft.
Auch Drogen sollen bei dem Angriff keine Rolle gespielt haben. „Es liegen bislang keine Erkenntnisse dahingehend vor, dass der Beschuldigte drogenabhängig wäre oder dass eine drogeninduzierte Psychose vorgelegen haben könnte“, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Vorbestraft sei der Mann nicht gewesen, allerdings habe ein Ermittlungsverfahren wegen Sachbeschädigung gegen ihn vorgelegen. Dabei geht es um die eingeschlagenen Fensterscheiben der Asylbewerberunterkunft.
Ob die Tat am Würzburger Hauptbahnhof extremistisch, möglicherweise islamistisch motiviert gewesen sein könnte, konnten die Ermittler bisher weder bestätigen noch ausschließen. Ebenso ungewiss ist, ob es sich um einen gezielten Angriff auf die Zeugen Jehovas handelte. Die für Extremismus zuständige Münchner Generalstaatsanwaltschaft war bislang nicht in die Ermittlungen involviert, sei aber informiert, teilte ein Sprecher der Würzburger Staatsanwaltschaft mit.
Ob sich die Hintergründe der Tat jetzt noch aufklären lassen, ist ungewiss. Stirbt ein Beschuldigter, führt dies gemäß Strafprozessordnung zur Einstellung eines Verfahrens. Gegebenenfalls würden in einem gesonderten Verfahren aber noch weitere Ermittlungen zu einem etwaigen Motiv ausgeführt, sagte der Sprecher.
Die Zeugen Jehovas indes sind seit dem Angriff am Würzburger Hauptbahnhof unvermindert vertreten. Auch am Montag standen drei Glaubensvertreter am Übergang von Unterführung zu Bahnhofshalle, dem Tatort. Äußern wollten sie sich nicht.
Den drei Betroffenen gehe es „soweit wieder gut“, sagte stattdessen am Telefon ein Sprecher der Religionsgemeinschaft. Sie gingen ihrer Missionstätigkeit nach der Tat schon wieder nach. Die Zeugen Jehovas sind eine christliche Gemeinschaft mit einer eigenen, strengen und konservativen Auslegung der Bibel. Weltweit haben sie etwa acht Millionen Mitglieder, in Deutschland nach eigenen Angaben etwa 180 000.
Anmerkung der Redaktion: Die Berichterstattung über Suizide gestalten wir bewusst zurückhaltend. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.


