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Mehr als 40 Tote:Eine fahrplanmäßige Tragödie

ZUGUNGLÜCK WARNGAU

Die beiden Eilzüge, die nahe Warngau im Juni 1975 zusammenstießen, sollten mit nur einer Minute Zeitabstand aus ihren Bahnhöfen fahren.

(Foto: Hartmut Reeh/dpa)

Eines der schwersten Zugunglücke Deutschlands ereignete sich 1975 bei Warngau - nur wenige Kilometer entfernt vom Unglücksort bei Bad Aibling

"Das sind Bilder, die vergisst du nicht", sagt Franz Festl, "ich hab lange nachts die Lampe auf meinem Nachttisch brennen lassen, weil sie mich so verfolgt haben." Festl, 67, Fuhrunternehmer und Jahrzehnte lang bei der Feuerwehr im oberbayerischen Holzkirchen aktiv, weiß, wovon er spricht. Es war am Abend des 8. Juni 1975, als auf der Zugstrecke zwischen Holzkirchen und Schaftlach zwei Eilzüge ineinanderrasten. 35 Passagiere und die Lokführer waren sofort tot, sechs weitere Fahrgäste starben später, mehr als 120 wurden verletzt. Festl und seine Kameraden zählten zu den ersten Einsatzkräften, die am Unglücksort an einem Bahnübergang nahe der Ortschaft Warngau eintrafen. "Wir haben einen Waggon zugeteilt bekommen und sollten schnellstmöglich die Opfer herausholen", sagt Festl. "Da hast du keine Zeit zum Nachdenken, da bist du nur noch am Schuften."

Das Zugunglück von Warngau zählt zu den schwersten, die sich in Deutschland ereignet haben. Es passierte auf einer bis heute eingleisigen Strecke. Und es war eine gleichsam fahrplanmäßige Tragödie. Denn die Eilzüge fuhren laut Kursbuch mit nur einer Minute Abstand in den Bahnhöfen Warngau und Schaftlach ab. Der in Richtung Süden um 18.27 Uhr, der in Richtung Norden um 18.28 Uhr. Es waren die Fahrdienstleiter in den beiden Orten, die sich darüber verständigen sollten, welcher der Züge warten musste, bis der andere den Abschnitt passiert hatte. Einen Streckenblock, also ein technisches Sicherungssystem gegen einen Zusammenstoß, gab es damals nicht auf dem Gleisabschnitt. Am 8. Juni 1975, einem strahlenden Sonntag, den viele zu einem Ausflug in die Berge nutzten, versagten die Fahrdienstleiter. Im Glauben, der jeweils andere lasse seinen Zug warten, ließen sie beide Eilzüge losfahren. Mit Tempo 80 rasten die Lokomotiven samt Waggons ineinander.

Dem Feuerwehrmann Festl und seinen Kollegen bot sich ein Bild des Grauens. Die Wucht des Zusammenstoßes war so groß, dass sich der erste Waggon des einen Zuges aufgebäumt und über die Lok geschoben hatte. Die Loks selbst waren auf ein Drittel ihrer Länge eingedrückt. Waggons waren aus den Gleisen gesprungen. Viele Passagiere waren quer durch die Abteile nach vorne geschleudert worden, die Feuerwehrleute mussten über Tote steigen, um zu den Schwerverletzten zu gelangen. Überall gellten Hilfeschreie. "Wir haben getan, was wir konnten, damit wir sie so schnell wie nur möglich herausbekommen", sagt Festl. "Zum Nachdenken hatten wir keine Zeit. Die Bilder und die Gedanken sind erst später gekommen."

Der erste große Eisenbahnunfall der Deutschen Bundesbahn geschah am frühen Morgen des 8. November 1951 auf der eingleisigen Bahnstrecke München-Mühldorf im Bahnhof Walpertskirchen. Beim Aufprall eines Personenzugs auf einen Güterzug starben 16 Menschen, 41 wurden zum Teil schwer verletzt. Der noch junge Deutsche Bundestag unterbrach seine Sitzung für eine Gedenkminute.

© SZ vom 10.02.2016 / cws, hak
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