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Ein Denkmal aus Rost:Die Arbeit in der Maxhütte war ein gefährlicher Knochenjob

Die Maxhütte.

Die Maxhütte wird abgerissen.

(Foto: Thilo Hierstetter)

Dort begann einst die Industrialisierung Bayerns, nun reißen Bagger das Stahlwerk in Sulzbach-Rosenberg ab. Der frühere Gewerkschafter Hans Thurner reagiert wehmütig, zumal es immer noch kein Konzept für ein Museum gibt.

Hans Thurner ist noch mal zurückgekehrt. An den Ort, über den er sagt: "Das war mein Leben." Er steht jetzt da, in einem kleinen Raum, zwischen nussbaumfurnierten Möbeln, unter einer nackten Glühbirne. Da war sein Büro. "Für die Kumpel war meine Tür immer offen", sagt Thurner, 82, weißes Haar, die rechte Hand auf eine Krücke gestützt. Er dreht den Kopf zum Fenster und schaut hinaus. Draußen krallen sich die Bagger ins Stahlwerk und reißen gewaltige Stücke aus dem Gebäude. "Das tut mir weh", sagt Thurner. Er dreht seinen Kopf schnell wieder weg.

Thurner war Betriebsrat in der Maxhütte, dem einst größten Stahlbetrieb in Süddeutschland. Ende der Achtzigerjahre hat er mitgeholfen, das Aus der Hütte abzuwehren. Als das Werk dann doch dichtmachen musste, im Juli 2002, war Thurner bereits in Rente. Den Kumpels, für die seine Tür immer offen war, konnte er nicht mehr helfen. "Ich war stocksauer, wie das alles über die Wupper gegangen ist", sagt Thurner. Und jetzt? Muss er wieder zuschauen, wie in Sulzbach-Rosenberg ein Stück Identität verschwindet.

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Noch zwei, drei Monate, dann wird das Stahlwerk eine einzige, ebene Fläche sein, einen guten Hektar groß. Für die einen wird dann nur ein Gebäude verschwunden sein. Für die anderen wird dort gerade ein Wahrzeichen aus dem Stadtbild radiert. Über Jahrzehnte hinweg lebten die Menschen im Stadtteil Rosenberg im Schatten der monströsen Anlage. Man kann sich das noch gar nicht vorstellen: der Rosenberger Himmel ohne die markanten Hochfackeln. Nur Sonne, Wolken, sonst nichts. Schon komisch, oder?

Na ja, sagt Bernhard Dobler, "ich glaube, dass der Großteil froh ist, wenn es weg ist." Dobler ist ein drahtiger Mann mit Dreitagebart. Er steht auf dem Werksgelände, neben dem Stahlwerk, und beobachtet, wie die Bagger den Schutt in einen Container poltern lassen. Was dort Neues entsteht, wenn alles plattgemacht ist? "Gewerbe, im Randbereich auch Wohngebiete, das ist so der Plan", sagt Dobler, der Objektmanager der Maxhütte Verwertungs- und Verwaltungs GmbH, die zur Max Aicher Unternehmensgruppe gehört. Er ist, wenn man so will, der Hausmeister einer Ruine. Und neben einer Ruine, sagt Dobler, "da will keiner leben".

Hans Thurner gilt unter den früheren Kumpels als Legende. Seinem Einsatz war es zu verdanken, dass das Werk nicht bereits 1987 in Konkurs gehen musste.

(Foto: Andreas Glas)

Es gibt zwei Sichtweisen in Sulzbach-Rosenberg. Da ist zum einen der Thurner-Blick der alten Kumpel, die in der Maxhütte ein schützenswertes Denkmal sehen, ein Symbol des Aufstiegs der Oberpfalz zur Industrieregion. Und es gibt den Dobler-Blick, nostalgiefrei, nach vorne gerichtet. Vor allem die Jüngeren sehen im Stahlwerk kein Denkmal, sondern einen rostigen Schandfleck, der nicht den Aufstieg, sondern den Niedergang der Stahlindustrie illustriert. Das ganze Werksgelände als Museum konservieren? Unwirtschaftlich, "ein Wunschgedanke", sagt Dobler. Konverterhalle und Kalksilos sind bereits weggerissen, auch die kleine Stranggussanlage. Nun arbeiten sich die Bagger und Kräne der Abrissfirma weiter in Richtung Osten des Geländes, auf dem mehr als 60 Fußballfelder Platz hätten.

Bereits in den Nullerjahren hat die Aicher-Gruppe angefangen, Teile des Inventars abzubauen oder auszuschlachten. Aber jetzt ist der Moment da, in dem die Bagger der Maxhütte das Herz rausreißen: das Stahlwerk. Auf dem Gelände kenne er "jedes Loch", sagt Hans Thurner. Angefangen hat er im Rohrwerk, im Jahr 1959 war das. Später hat er als Kranführer im Stahlwerk gearbeitet. Zwischenzeitlich schufteten 5000 Mann in der Maxhütte. Dort wurden die ersten bayerischen Bahnschienen gewalzt. Das Erz dafür holten Arbeiter aus Minen in der Region. Nach dem Krieg wurde in der Oberpfalz die Hälfte des bayerischen Eisen- und Stahlbedarfs erzeugt. Die Region war eine Industrieinsel im Agrarstaat, eine Festung der Arbeiterbewegung - 149 Jahre lang, bis zum letzten Abstich des Hochofens am 23. September 2002. Danach war die Maxhütte endgültig pleite. Und die letzten 850 Arbeiter verloren ihre Jobs.