Der schlafende Pechstein zählt zu den Lieblingsbildern der Besucher im Buchheim Museum. Erich Heckel malte seinen im Liegestuhl fläzenden Kollegen im Sommer 1910, als dieser mit ihm und Karl Schmidt-Rottluff in Dangast an der Nordsee malte. Während des gemeinsamen Arbeitsurlaubs der „Brücke“-Mitglieder entstand auch das einzige Gemälde, das das Bernrieder Museum von Pechstein besitzt. Das „Blumenfenster“, gemalt auf die Rückseite einer Leinwand, die Schmidt-Rottluff ein Jahr zuvor mit „Weiden“ bemalt hatte.
Doppelseitig bemalte Bilder gibt es bei den Expressionisten nicht selten, doch zwei verschiedene Künstler auf einer Leinwand sind rar. Lothar-Günther Buchheim gefiel die Weidenlandschaft besser. Er hielt sie lang für ein Werk Pechsteins, sogar im Sammlungskatalog von 1998 wird das Gemälde noch unter dessen Namen gelistet. Doch ansonsten erwarb Buchheim trotz seiner Begeisterung für die Maler der Dresdner Künstlervereinigung von Pechstein nur Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafik.
Den Mangel an Gemälden behebt allerdings die aktuelle Pechstein-Ausstellung im Bernrieder Museum zumindest für ein paar Monate. Denn das Pechstein-Museum in Zwickau, dem Geburtsort des Künstlers, wird gerade renoviert. Eine gute Gelegenheit für die dortigen Kunstsammlungen und die Pechstein-Stiftung, die Werke in einer groß angelegten Retrospektive auf eine internationale Tournee zu schicken.
Bernried ist die zweite Station, die Ausstellung war bereits in Rotterdam und geht anschließend weiter nach Linz und Luzern. Die Schau, weitgehend chronologisch aufgebaut, bietet einen fundierten Einblick in alle Schaffensphasen des Künstlers. Amüsant der Start mit der „Geierwally“, dem ersten erhaltenen Gemälde des jungen Pechsteins, der das berühmte Motiv aus Wilhelmine von Hillerns dramatischen Heimatroman (1873) – die Wally beim Griff in den Horst – kurzerhand von einem anderen Bild abgekupfert hat. „Aber man sieht schon das Können, das ihm gegeben war“, findet Julia Pechstein, die Enkelin des Malers.
Im Gegensatz zu seinen bürgerlichen Brücke-Kollegen stammte der 1881 geborene Pechstein aus einfachen Verhältnissen: Die Mutter war Büglerin, der Vater Fabrikarbeiter. Der Sohn wollte schon früh Maler werden. Aber weil er sechs Geschwister hatte, ein Kunststudium nie finanzierbar gewesen wäre, lernte er erst Dekorationsmaler, studierte dann an der Kunstgewerbeschule und wechselte 1903 an die Kunstakademie in Dresden.

Der junge Pechstein war immer gezwungen, nebenbei zu jobben. Dass ihn der Bürgermeister von Zwickau, den er um ein Stipendium bat, nicht unterstützen wollte, sondern ihn mit 40 Mark abspeiste, verzieh er ihm nie. Behauptete von da an, nicht in Zwickau geboren zu sein. „Wir haben Jahre gebraucht, um das aus der Literatur wieder zu verbannen“, erinnert sich Julia Pechstein.
Als die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Fritz Bleyl und Karl Schmidt-Rottluff 1905 die „Brücke“ gründen, ist Pechstein noch nicht mit von der Partie. Als einziger akademisch ausgebildeter Maler stößt er erst ein Jahr später zur Gruppe. Auf Empfehlung von Erich Heckel übrigens, der einen Auftritt Pechsteins auf der III. Deutschen Kunstgewerbeausstellung in Dresden miterlebt. Dort hatte der Künstler, im Gegensatz zu den anderen Brücke-Malern schon mit Preisen ausgezeichnet und öffentlichen Aufträgen gewürdigt, ein leuchtend rotes Tulpenbeet als Deckenbild gemalt. Zu grell, fand die Ausstellungsleitung und dämpfte das Werk mit grauen Spritzern ab, was Pechstein enorm verdross. Sein Wutausbruch überzeugte Heckel jedenfalls, einen idealen Mitstreiter für die Brücke gefunden zu haben.
Obwohl der umtriebige Pechstein gern gemeinsam mit seinen Kollegen an den Moritzburger Teichen oder in Dangast malt, bleibt er doch autark. Er reist allein nach Rom und Paris, lebt als erster der Gruppe in Berlin, wird aber auch als erster aus der Brücke ausgeschlossen. Hat er doch 1912 mit seiner Teilnahme an einer Ausstellung der Berliner Secession gegen das Brücke-Statut verstoßen, nur noch als Gruppe auszustellen.

Bereits 1913 übernimmt der Kunsthändler Wolfgang Gurlitt seine Vermarktung. Und weil sich Südsee-Motive gut vermarkten und Gauguin schon fast unbezahlbar teuer ist, leiht er ihm auch die 10 000 Mark, die Max und Lotte Pechstein 1914 für ihre Traumreise in die deutsche Kolonie Palau im Südpazifik benötigen. Mindestens zwei Jahre wollen sie auf den Inseln bleiben. Doch es sind ihnen nur vier Monate vergönnt, nur ein Gemälde aus dieser Zeit ist erhalten, dazu Zeichnungen und Skizzen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs besetzen die Japaner die Insel, die Pechsteins werden im November 1914 gefangengenommen und kehren über Manila und die USA nach einer fast einjährigen Irrfahrt nach Deutschland zurück. „Man hat mich aus dem Paradies meines Lebens gejagt“, schreibt Pechstein, der unmittelbar nach der Rückkehr eingezogen wird und an der Westfront landet.
1917 kehrt er nach Berlin zurück, zeichnet und aquarelliert sich seine Erlebnisse von der Seele. Davon erzählt der beeindruckende Zyklus „Somme-Schlacht“. „Er hat sich mit dieser Serie alles runter skizziert“, glaubt Julia Pechstein. Zum weiteren Nachdenken bleibt auch nicht viel Zeit, denn Gurlitt will sein Geld zurück. Pechstein startet in sein „Workaholic-Jahr“ (Julia Pechstein), malt für seinen Galeristen binnen kurzer Zeit 130 Ölgemälde, davon fast 50 mit Palau-Motiven. Er malt intakte Ursprünglichkeit, hält die Palauer beim Jagen, Tanzen, Baden fest. Lauter Idyllen. Probleme blendet er aus.

Das gilt auch für die anderen Sehnsuchtsorte, die er immer wieder verewigt: Nidden, Leba, später auch der Fischerort Rowe. Er malt und zeichnet starke Menschen, die in Harmonie mit ihrer Umwelt leben, egal ob es sich um eine Bäuerin mit Kopftuch oder einen Fischer mit Schirmmütze handelt.
Die Nationalsozialisten stufen ihn als entarteten Künstler ein. Nach dem Krieg steht er wieder vor dem Nichts, sein Atelier in Berlin ist zerstört, viele Bilder ebenfalls. Doch die Sehnsucht nach heilen Welten und warmen Farben ist groß, Pechsteins Südsee-Bilder verkaufen sich gut.
Bis an sein Lebensende beschäftigen ihn die Motive seiner Reise, wenn auch die Farben anders, unwirklicher werden. Wie ein Traum, der niemals endet.
Max Pechstein: Vision und Werk, bis 26. Oktober, Buchheim Museum Bernried

