Süddeutsche Zeitung

Gymnasien:Kultusminister Piazolo will Mathe-Abi "sorgfältig überprüfen" lassen

  • Mittlerweile haben etwa 60 000 Menschen eine Petition unterschrieben, die fordert, den Notenschlüssel für das diesjährige Mathe-Abitur zu senken.
  • Dabei sind viele Lehrer der Meinung, dass die Schwierigkeit der Prüfung ganz normal gewesen sei.
  • Das Kultusministerium will die Aufgaben nachprüfen.

Von Anna Günther und Paul Munzinger

Der Wirbel um das Matheabitur treibt Gymnasiasten und Lehrer weiter um: Während viele Schüler am Montag heftig gegen die aus ihrer Sicht zu schwierigen Aufgaben protestierten, versuchen Experten im Ministerium und von Lehrerverbänden Ruhe zu bewahren. Derweil erfährt die am Wochenende initiierte Online-Petition immer mehr Zuspruch - und auch Schüler aus anderen Bundesländer kanalisieren längst ihren Unmut in eigenen Online-Abstimmungen. Bis zum späten Montagnachmittag hatten 60 000 Menschen für das Anliegen der bayerischen Abiturienten unterschrieben. Insgesamt machen 37 000 junge Frauen und Männer in Bayern gerade ihr Abitur.

Wer mit Schulleitern und Mathelehrern spricht, hört unterschiedliche Einschätzungen - an 430 bayerischen Gymnasien sind 1000 Mathelehrer an den Abiturprüfungen beteiligt. Nur wenige stimmen den Schülern zu. Viele Lehrer, die sich zu Wort melden, empfanden das Niveau der Abituraufgaben als völlig normal. Der Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren macht es allerdings bitter für die Abiturienten: Das Mathe-Abi 2018 bezeichnet eine Lehrerin aus Niederbayern als "sehr schülerfreundlich, in Stochastik eigentlich viel zu einfach". Damals waren in Niedersachsen Abituraufgaben gestohlen worden und der Ersatz war ungewöhnlich einfach ausgefallen. Diese Pool-Aufgaben sind bundesweit gleich und werden in den Prüfungsteil A gemischt. Welche es sind, weiß keiner der Lehrer. Diese Aufgaben gelten als leichter. Der Prüfungsteil B wird dagegen von bayerischen Lehrern konzipiert.

Die niederbayerische Lehrerin hat am Wochenende bereits korrigiert: All ihre Schüler hätten so abgeschnitten wie in den Klausuren zuvor, es habe keine Ausreißer gegeben, sagt sie, und alle Aufgaben seien lehrplankonform gewesen. Ein Problem sieht sie wie ihre Kollegen: Wer die Textaufgabe nicht verstand, hatte es schwerer. Mit derlei Texten will die Kultusministerkonferenz Mathematik lebensnäher machen. Dass die Textlastigkeit eine Stolperfalle gewesen sein kann, weiß auch Walter Baier, Chef der bayerischen Gymnasialdirektoren zu berichten. Dafür sei die Deutsch-Prüfung "angenehm" gewesen, das gleiche sich wieder aus, sagt er. Einig sind sich alle Pädagogen im Wunsch, Ruhe zu bewahren. Heinz-Peter Meidinger, Chef eines Deggendorfer Gymnasiums und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnt davor, dass Schüler sich "vom Hyperventilieren anstecken lassen". Auch Michael Schwägerl, Chef des Philologenverbands, appelliert an die Jugendlichen, ruhig zu bleiben. Die Abiturienten schreiben am Mittwoch die nächste Prüfung. Man müsse abwarten, bis alle Aufgaben korrigiert seien. Das könne sich in die kommende Woche ziehen.

Die Lehrer eint wohl der Glaube ans System: Die bayerischen Aufgaben werden von Lehrern erarbeitet, im Ministerium mit Lehrern diskutiert, an ausgewählten Schulen von Lehrern durchgerechnet, angepasst und am Prüfungstag von Lehrern der jeweiligen Schule noch einmal berechnet, bevor diese die Aufgaben für ihre Schüler auswählen. "Jeder Lehrer hat ein Interesse daran, dass es seinen Schülern gut geht", sagt Meidinger.

Dagegen klagen die kritischen Schüler auch am Montag über das hohe Niveau und komplizierte Aufgabenstellungen. Das Mathe-Abi war "ziemlich schwer", sagt etwa der Münchner Schüler Rico Somé, 19. Zur Vorbereitung hat er die Prüfungen der vergangenen Jahre durchgerechnet. Wenn die erste Aufgabe einigermaßen lösbar war, sei er immer erleichtert gewesen. Am Freitag habe er schon die erste Aufgabe ziemlich schwer gefunden. So blieb es, auch die Texte waren unnötig lang , findet Somé. Es ärgert ihn, dass es "Glückssache" sei, ob das Abitur leicht oder schwer ausfällt. "Da fühlt man sich schon ein bisschen, entschuldigen Sie die Wortwahl, verarscht."

Das Ministerium will die Aufgaben überprüfen

Welche Aufgabe denn das Problem darstellte, ist nicht so einfach zu beantworten. Die einen kritisieren Prüfungsteil A, der ein Drittel der Punktzahl ausmacht. Wäre eine dieser Pool-Aufgaben unangemessen schwierig, hätte das bundesweit für alle Abiturienten Folgen. Dagegen kritisieren die Initiatoren der Petition besonders den von bayerischen Lehrern erdachten Prüfungsteil B. Als besonders schwer empfanden sie Geometrie und Stochastik mit langen Textaufgaben. Die Schüler beklagen, dass das bayerische Abitur ohnehin anspruchsvoller sei als in anderen Bundesländern, 2019 seien sie im Kampf um Studienplätze doppelt benachteiligt.

Die Initiatoren der Online-Petition fordern Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) auf, den Notenschlüssel zu senken. So wie es 2016 in Niedersachsen bereits geschehen sei. Das macht den Fall so diffizil: Haben die Schüler recht, muss der Minister reagieren. Haben sie sich nur sehr geschickt organisiert und die Öffentlichkeit mobilisiert, würde Piazolo einen Präzedenzfall schaffen, der jede zentrale Prüfung anfechtbar machen könnte.

Im Ministerium ist man am Montag noch nicht so weit. Eine Problem-Aufgabe sei nicht zu erkennen, heißt es. Piazolo will aber die Schüler ernstnehmen und die Aufgaben "sorgfältig überprüfen" lassen, sagte er. Jetzt schon ein Urteil abzugeben, sei nicht möglich. Die zuständige Fachabteilung hake an Schulen, bei Experten und Lehrern nach. Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, hatte unterdessen noch mal zur Sprache gebracht, was Lehrer, Eltern und Schüler seit Wochen diskutieren: Muss im neuen G 9 an der verpflichtenden Abiturprüfung in Deutsch, Mathe und einer Fremdsprache festgehalten werden? Darauf gibt es noch keine endgültige Antwort.

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SZ vom 07.05.2019/axi
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