Plagiatsvorwürfe:Wenn die Fußnote nach drei Absätzen kommt

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Plagiatsvorwürfe: Der CSU-Generalsekretär Martin Huber war ganz frisch im Amt und schon musste er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, in seiner Doktorarbeit mehr als unsauber gearbeitet zu haben.

Der CSU-Generalsekretär Martin Huber war ganz frisch im Amt und schon musste er sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, in seiner Doktorarbeit mehr als unsauber gearbeitet zu haben.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

CSU-General Martin Huber steht unter Plagiatsverdacht. Ein Blick in seine Doktorarbeit zeigt: Seitenweise plump abgeschrieben hat er wohl nicht. Aber er ist hemdsärmelig mit Quellen umgegangen - und hat Gedanken anderer als seine eigenen präsentiert.

Von Viktoria Spinrad

Wer eine Doktorarbeit schreibt, unterwirft sich einem über viele Jahre fein austarierten Regelwerk. Fremde Gedanken müssen markiert werden, direkte Zitate aus anderen Publikationen sowieso. Am Ende muss die Anwärterin oder der Anwärter eidesstattlich versichern, dass man in der Dissertation keine anderen als die von ihm angegebenen Schriften und Hilfsmittel benutzt und die den benutzten Werken wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen kenntlich gemacht hat.

Das galt auch für den neuen CSU-General Martin Huber, als er seine Doktorarbeit über die Rolle der CSU in der deutschen Westpolitik zwischen den Jahren 1954 - 1969 verfasste. Der Jurist und Journalist Jochen Zenthöfer wirft ihm vor, hierbei getrickst zu haben. Wo genau bei dem eher sperrigen Werk die handwerkliche Krux liegt, zeigt ein genauerer Blick. Zwar sieht es so aus, als hätte Huber durchaus die Quellen angegeben, mit denen er arbeitete. Nur eben nicht durchgängig, sondern eher sporadisch.

Dafür stellte er die Sätze teils schlicht um. Beispiel Seite 84. "De Gaulle wollte ein Europa ohne die USA, was jedoch den Europavorstellungen von Ludwig Erhard widersprach. So verwundert es nicht, dass Erhard und de Gaulle weder sachlich noch persönlich einen Draht zueinander fanden", schrieb Huber. Es ist eine Paraphrasierung von Worten des deutschen Journalisten Guido Knopp.

Der schrieb in seinem 2002 in zweiter Auflage erschienenen Stück "Kanzler: Die Mächtigen der Republik": "De Gaulle aber wollte mehr europäische Eigenständigkeit, ein Europa ohne die USA. Das widersprach jedoch wiederum den Europavorstellungen von Ludwig Erhard und vielen anderen. Gravierender war freilich, daß Erhard und de Gaulle weder sachlich noch persönlich einen Draht zueinander fanden." Eine Fußnote taucht bei Huber aber nicht gleich auf, sondern erst viel später auf der nächsten Seite.

Der Umgang mit Originalquellen sei gravierend

Ein Muster, das sich an vielen Stellen zeigt. "Verspätet und verhuscht" würden indirekte Belege angegeben, sodass der unmittelbare Bezug zur Quelle nicht mehr erkennbar sei, sagt Bernhard Stahl, Professor für Internationale Politik an der Universität Passau. Was man im Einzelfall noch als Schludrigkeit werten möge. Noch gravierender wiegt aus seiner Sicht Hubers Umgang mit Originalquellen.

Eigentlich müssten wörtliche Übernahmen auch als solche gekennzeichnet werden, im Normalfall mit Anführungszeichen. Bei Huber sucht man danach vergebens. Auch auf Seite 10. Hier schreibt Huber: "Inzwischen ist die personenzentrierte ("Männer machen Geschichte") durch eine die strukturellen Bedingungen stärker berücksichtigende Betrachtung (zum Beispiel in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) ersetzt worden."

Ein Satz, der fast 1:1 aus dem "Handwörterbuch Internationale Politik" stammt, hier aber weder als Zitat noch als Paraphrasierung gekennzeichnet ist. Auch hierbei folgt die Fußnote erst später. "Wörtliche Zitate als indirekte zu kennzeichnen, reicht nicht und erfüllt allein den Tatbestand des Plagiats", sagt Stahl. Wenn verspätete Belege und nicht als solche gekennzeichnete wörtliche Zitate regelmäßig zusammenfielen, "muss man aber von Plagiarismus ausgehen", so Stahl.

Huber lässt seine Arbeit an der LMU prüfen

Wie viel Schludrigkeit, wie viel System steckt hinter der wissenschaftlichen Arbeit Hubers? Dem Mann, der sich, kaum im Amt, mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert sah. Er habe seine Arbeit "nach bestem Wissen und Gewissen" angefertigt, sagt er selber. Ein Satz, den sowohl Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan als auch Franziska Giffey äußerten, bevor sie ihre Doktorgrade verloren.

Huber hat sogleich die Flucht nach vorne ergriffen. Noch am Sonntag bat er die Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU), die Doktorarbeit zu überprüfen. Der zuständige Promotionsausschuss werde dies nun auch tun, ließ die Münchner Uni am Montag verlauten. Das könnte allerdings dauern. Die Dauer dieser Prüfung sei momentan noch nicht absehbar, heiß es seitens der LMU, ein möglichst zügiger Abschluss werde angestrebt.

Den Forderungen aus der Opposition, seinen Doktortitel derweil ruhen zu lassen, muss Huber nicht nachkommen: Ein Ruhenlassen der Titelführung während der Prüfung ist in der Promotionsordnung nicht vorgeschrieben. Offen ist auch, ob Huber - je nach den Ergebnissen der Prüfung - überhaupt eine Aberkennung seines Doktortitels droht. Nach der damaligen Prüfungsordnung kann der Titel nur bis zu fünf Jahre nach der bestandenen Prüfung entzogen werden - die Frist dafür ist bereits seit zehn Jahren verstrichen.

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