Gerade durchschreiten sie noch die Nebel der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya bei einer kurzen Führung durchs Haus. Schon stehen die beiden mitten im Getümmel auf der Terrasse: Der Ministerpräsident und sein Kunstminister haben erstmals zur "Kultur-Sommer-Lounge" ins Haus der Kunst geladen. Ein Versuch, Gut-Wetter zu machen bei der waidwunden Kulturszene (Stichworte: Bordellvergleich und Dauer-Lockdown). Und, was soll man sagen: Es regnete nicht. Nein, auch keine leeren Versprechungen.
"Eines möchte ich eigentlich nicht mehr: zusperren! Das sollte nicht mehr passieren", ruft Markus Söder durchaus glaubhaft in seiner Rede an all die Staatsintendanten, Museumsdirektoren, Filmemacher, Dichter, Schlagersänger und anderen mehr oder weniger freien Künstler und Künstlerinnen. Eigentlich. Das ist die Rückversicherung für alle Eventualitäten. "Ohne Sie hätten wir das nicht überstanden. Und wir wissen, dass viele, gerade junge Künstler zu Beginn der Pandemie plötzlich vor dem Nichts standen", sagt der Ministerpräsident. In Bayern seien jüngsten Schätzungen zufolge 130 000 Menschenleben durch die Corona-Maßnahmen gerettet worden. Das Schließen der Kultureinrichtungen habe dazu beigetragen. Das verlängerte Neustartpaket für die Kunst solle nun seinerseits helfen.

"Es ist vielleicht der Eindruck entstanden, er kümmert sich mehr um Fußball oder Gastronomie", sagt Söder über sich selbst. "Dem ist nicht so." Und er verkneift sich augenzwinkernd einige Sätze später einen Fußballvergleich dann doch nicht. Es sei doch bedauerlich, das alle Welt bisher nur durch einen gewissen Verein von Bayerns Exzellenz überzeugt sei - und nicht durch die wunderbare Qualität seiner Kunstschätze. Noch nicht.
"Die Freie Szene gehört zum Freistaat wie das Salz auf der Brezn."
Markus Blume, den sich Söder bei seiner jüngsten Kabinettsumbildung zum Kunst- und Wissenschaftsminister erwählt hat, formuliert unverblümt: "Die letzten zweieinhalb Jahre waren einfach Mist. Danke, dass Sie mit uns durchgehalten haben." Früher habe es womöglich "Störgeräusche" gegeben, besonders zwischen der Freien Kunstszene und der Politik, das sei jetzt anders. "Die Freie Szene gehört zum Freistaat wie das Salz auf der Brezn", sagt Blume. "Die Freie Szene gehört zum Freistaat, ja sie ist der Freistaat."

Fortwährende Probleme werden auch angeschnitten. Söder spricht von der "enormen Sanierungslast", die den Freistaat treffe: das Nationaltheater - "mit vielleicht einer Milliarde" - und das Residenztheater in München nennt er als Beispiele. Neue Projekte wie das Konzerthaus hätten es da naturgemäß schwer. Dennoch beklagt er, dass der ewige "Hauptmitbewerber Berlin" der Landeshauptstadt immer wieder den Rang ablaufe. Schuld daran seien nicht zuletzt die politisch Verantwortlichen der Stadt München selbst. Siehe sein Vorstoß, das Münchner Filmfest finanziell zu stärken. Dafür habe er lediglich "eine Beleidigung" erfahren. Zur Erinnerung: Der damalige Kulturreferent der Stadt München Georg Küppers sagte, gerichtet an Söder, man solle "nicht nur groß denken", man solle "überhaupt denken".
Anton Biebl, der aktuelle Kulturreferent der Stadt München, ist einer der vielen Gäste auf der Terrasse. Er sagt, so eine kleine Breitseite vonseiten Söder könne er schon wegstecken. Überhaupt ist die Stimmung einerseits zu entspannt an diesem lauen Abend, um sich um den Schnee von gestern zu kümmern. Andrerseits sind die Themen zu interessant, die wirklich durchplaudert werden: Da wären die Fragen, ob das Publikum frieren wird im Winter im Nationaltheater, am Gärtnerplatz oder im Residenztheater? Ob der Staat heutzutage "eher als Mäzen" (Söder) zu verstehen sei, denn als Auftraggeber wie früher? - Immerhin bestelle er ja keine bestimmte Leistung mehr bei seinen Künstlern. Und ob Wolfgang Heckl wohl mit seinem Crowdfunding für den Wiederaufbau des Bergwerks im Deutschen Museum schon die erste von zehn nötigen Millionen zusammen hat?
Letzteres verrät der Chef des gerade wiedereröffneten und endlich teilsanierten Museums aber nicht. Dafür berichtet er liebend gern von einer anderen Zahl: "30 000 Besucher sind gleich am ersten Wochenende auf die Museumsinsel gekommen", sagt Heckl mit dem ihm typischen Trumpfkarten-Lächeln. Da kann immerhin Andrea Lissoni mithalten. "100 000 Besucher", sagt der Direktor des Hauses der Kunst, hätten bislang allein schon die Nakaya-Ausstellung mit ihren faszinierenden künstlichen Nebeln gesehen. Plus zwei. Blume und Söder. Aber die durften natürlich kostenlos rein.


