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Bayerns Umweltminister Söder im Gespräch:"Der Umstieg muss jetzt schneller umgesetzt werden"

SZ: Kann es soweit kommen, dass etwa Isar I neuen Standards nicht genügt und früher abgeschaltet werden muss?

Söder: Wir müssen jetzt besonnen reagieren. Das heißt, alle Fakten sammeln und auswerten. Am Ende entscheidet der Bund über Laufzeiten. Wir gehen aus heutiger Sicht davon aus, dass alle beschlossenen Laufzeitverlängerungen möglich sind.

SZ: Was erwarten Sie jetzt von der Atomwirtschaft - dort heißt es doch schon im mer, man tue alles für die Sicherheit?

Söder: Es reicht jetzt nicht nur zu sagen, wir überprüfen alle Reaktoren. Alle Beteiligten müssen in der Lage sein, die Sicherheitsfragen noch einmal komplett neu zu diskutieren. Wenn weitere Nachrüstungen dann auch für die Energieversorger noch mehr kosten, muss das eben so sein.

SZ: Die CSU hält der Atomkraft weiterhin die Treue. Ihr Kollege, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, sprach bereits von einer "Zäsur" für die Kernenergie. Wird es für die CSU nicht Zeit, den atomfreundlichen Kurs aufzugeben?

Söder: Wir waren nie Kernkraft-Fetischisten. Wir haben immer gesagt: Laufzeitverlängerung ja - aber nicht unendlich. Wir wollen auch aussteigen, aber eben nur später, weil Deutschland den vollständigen Übergang zu erneuerbaren Energien jetzt noch nicht schaffen kann. Der Umstieg muss jetzt schneller umgesetzt werden, als bisher geplant.

SZ: Ihr Parteichef, Ministerpräsident Horst Seehofer, nennt Atomkraft bis auf weiteres nicht verzichtbar.

Söder: Der Ministerpräsident und ich sind uns in der Bewertung des Ereignisses absolut einig.

SZ: Auch nach starkem Drängen Bayerns sind die Laufzeiten im Schnitt um zwölf Jahre verlängert worden. Bereuen Sie diesen Schritt?

Söder: Nein. Energiepolitisch gibt es leider keine seriöse Alternative. Ich möchte nicht, dass wir am Ende abhängig sind von Kernkraftwerken in Tschechien und Osteuropa. Wobei Sicherheit nicht nur eine deutsche Frage ist. Ich hoffe, dass wir auf europäischer Ebene die gleichen Fragen diskutieren wie bei uns. Diese Debatte muss jetzt europaweit geführt werden.

SZ: Die Tschechen planen den Ausbau der grenznahen Atomanlage in Temelin. Ist es das richtige Signal?

Söder: Wir haben in Gesprächen mit Tschechien darauf hingewiesen, dass wir in diesen Sicherheitsprozess einbezogen werden müssen. Nach diesem Ereignis in Japan reicht es aber nicht aus, wenn nur zwischen Deutschland und Tschechien geredet wird. Das ist jetzt auch eine Aufgabe für den EU-Energiekommissar Günther Oettinger, Standards wie in Deutschland einheitlich für Europa zu fixieren.

SZ: Mit Blick auf die Landtagswahlen kommt für die Union die Diskussion über die Atompolitik zur Unzeit. Fürchten Sie den Zorn der Kernkraftgegner?

Söder: Ich fände es politisch unanständig, wenn man auf dem Rücken der Opfer in Japan und der Besorgnis der Menschen jetzt versucht, kleinkarierten Wahlkampf zu betreiben.