Geburtsort von Benedikt XVI.:Der Papst zieht nicht mehr

Papsttassen in Marktl am Inn, 2010

Papstbrot, Papsttorte oder eben Papsttassen: In Marktl am Inn gab es zweitweise fast alles mit dem Konterfei des Pontifex.

(Foto: Catherina Hess)
  • In Marktl am Inn ist der Papst-Boom zehn Jahre nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Pontifex vorbei.
  • Benedikt XVI. habe seinem Geburtstort und dessen Bewohnern spannende und hochemotionale Momente beschert, sagt der Bürgermeister.
  • 15 000 Besucher kommen noch immer jährlich ins Papst-Museum im Geburtshaus Ratzingers.

Von Heiner Effern, Marktl

Im Amtszimmer von Bürgermeister Hubert Gschwendner stehen zwei Sitze einer Lufthansa-Maschine. Auf einem der beiden ist der Papst gesessen, als er 2006 über Marktl flog und mit den Bürgern seines Geburtsortes via Funkgerät ein Ave Maria betete. Hinten im Schrank steht ein Ordner mit der Papst-Korrespondenz, an der Wand hängt ein Bild von Joseph Ratzinger. Draußen im Treppenhaus gib es mindestens noch drei Portraits, Benedikt XVI. ist trotz seines Amtsverzichts vor zwei Jahren omnipräsent im Rathaus von Marktl. Doch wenn der Bürgermeister nach draußen sieht, verflüchtigt sich dieser Effekt: Außer dem Papstmuseum im Geburtshaus ist im Dorf nicht viel Handfestes geblieben vom Hype um den deutschen Papst. "Der Boom hat sich nicht fortgesetzt", sagt Gschwendtner (SPD).

Papst Benedikt XVI. Museum in Marktl am Inn, 2010

Papst Benedikt XVI. Museum in Marktl am Inn, 2010 Mitra im Papst Benedikt XVI. Museum im Geburtshaus von Joseph Ratzinger in Marktl am Inn.

(Foto: Catherina Hess)

Das gilt insbesondere für den Marktplatz, auf dem die Wahl Ratzingers am 19. April 2005 ausgelassen gefeiert wurde. Auf dem Gschwendtner damals die Weltpresse empfing und am 11. September 2006 dann den Papst persönlich. Treten in diesen Tagen Papst-Touristen aus der Taufkirche Benedikts ins Freie, stehen sie vor der bröckelnden Fassade des verlassenen Gasthofes Straßer. Rechts daneben befinden sich die leeren Räume eines früheren Elektrogeschäfts, noch ein paar Meter weiter blicken sie auf die für immer geschlossene Türe der Metzgerei Schifferer. Auf dem Weg zum Geburtshaus passieren sie die aufgegebene Bäckerei Winzenhörlein, die zu Boomzeiten einst Papstmützen und sonstige Benedikt-Spezialitäten verkaufte. Das alte Mühlhäusl daneben ist wegen Verfallserscheinungen eingezäunt.

Die Papstwahl war ein Gewinn

"Erschreckend" nennt der Altöttinger Landrat Erwin Schneider (CSU) das Erscheinungsbild des Ortes, der weltweit bekannter sei als der berühmte Marienwallfahrtsort. Wären nicht die schmucke Apotheke, das Rathaus und das Bistro im Bürgerhaus, würden die immer noch gut 50 000 Touristen, die jährlich nach Marktl kommen, wohl schon vor dem Erreichen des Geburtshauses wieder abreisen. Dennoch sagt Bürgermeister Gschwendtner: "Die Papstwahl war ein Gewinn für uns." Zehn Jahre danach wird das bis zum Sonntag mit einer Festwoche gefeiert.

Der Papst aus dem Dorf habe dem Ort und seinen Bewohnern schließlich spannende und hochemotionale Momente beschert, sagt Gschwendtner. Dazu die Besuche dreier Ministerpräsidenten, vieler hoher kirchlicher Würdenträger und Partnerschaften mit den Papst-Kollegen in Wadowice (Polen, Johannes Paul II.) und Sotto Il Monte (Johannes XXIII.) Nach Italien exportierten die Marktler erfolgreich ein Oktoberfest: Das Bierzelt in Sotto mit Schweinshaxen und Bratwürstl aus Marktl ist nach wie vor ein Renner, auch wenn mittlerweile nicht mehr der gute Eugenio Bürgermeister ist, der angeblich acht Maß Bier vertragen soll. Zum anderen blieb auch materiell etwas hängen: schicke Parkplätze, eine Touristinfo und ein von Grund auf saniertes Geburtshaus, das nach wie vor mehr als 15 000 Besucher im Jahr anzieht. Josef Straßer vom Heimatbund Marktl-Stammham formuliert es so: Wenn die nicht kämen, "würde es noch mehr doudln".

Nun ist es nicht so, dass sich Marktl wegen der häufig kritisierten Vermarktung als Papstort göttlichen Zorn zugezogen hätte. Das Dorf mit 2600 Einwohnern teilt lediglich das Schicksal vieler Orte dieser Größe in Bayern. Draußen am Ortseingang steht ein Discounter mit Bäckerei, an der Hauptstraße lockt ein Discounter. Die Stammkunden sterben und die Jungen kaufen mit dem Auto ein. Hört ein Ladenbetreiber im Zentrum auf, findet sich kein Nachfolger. Das war in Marktl schon vor der Papstwahl so, das Gasthaus Straßer und der Metzger Schifferer schlossen lange vorher. Nun setzt sich diese Entwicklung fort. Was das Dorf von anderen unterscheidet, ist die Erkenntnis: Auch eine Papstwahl ist kein Lotteriegewinn. Oder wie es Ludwig Reischl, der Leiter des Papsthauses, formuliert. "Mit dem Papst dauerhaft Geld zu verdienen, ist eine Illusion."

Der Boom ist vorbei

Der gab sich mancher gerne hin in Marktl. Vier oder fünf neue Läden schossen seinerzeit aus dem Boden. "Die sind alle wieder verschwunden", sagt der Bürgermeister. In einem Geschäft nur wenige Meter vom Geburtshaus entfernt steht noch eine hüfthohe Kerze mit dem Bild Benedikts. Am Briefkasten hängt ein vergilbter Zettel mit der Aufschrift: "Bitte keine Werbung. Wir haben geschlossen." Gestandene Geschäftsleute wie Roswitha Leukert aus der nun einzigen Bäckerei am Marktplatz sehen den verflogenen Papst-Hype nüchtern. "Das hat uns gut getan. Wir haben das Beste daraus gemacht. Nach fünf Jahren hat sich das zurückentwickelt, nun ist wieder Normalität eingekehrt." Mit der kommen sie und ihr Mann zurecht, doch wenn sie einmal in Rente gehen, werden sie keine Nachfolger haben. "Das steht fest."

Gasthof "Alte Post" in Marktl am Inn, 2010

Der Glanz, den der Papst brachte, verblasst in der kleinen Stadt langsam.

(Foto: Catherina Hess)

Ans Aufgeben denkt auch Bürgermeister Gschwendtner nicht. Für den großen Gasthof Straßer und das dahinter liegende Areal, in dem zu Papstzeiten noch ein Supermarkt angesiedelt war, hat er eine Vision. "Ich würde gerne mit einem Partner ein Jugendgästehaus einrichten, eine internationale Begegnungsstätte." Das nahe Altötting könnte mit einbezogen werden, und auch die Kirche. Das Wirtshaus sei das prägende Gebäude Marktls, wenn dort neues und junges Leben einzöge, könnte das dem Dorf viel Schwung bringen, glaubt Gschwendtner. Doch zuallererst müsste die Eigentümerfamilie dafür gewonnen werden.

Die Straßers haben schon viel probiert, um ihr denkmalgeschütztes Gasthaus zu nutzen. Sie haben es bei Brauereien versucht, bei karitativen Einrichtungen, beim Staat, bei der Kirche. "Niemand will in Marktl einsteigen", sagt Karl-Heinz Straßer. Mit der Gemeinde habe er über eine Erbpacht gesprochen, doch sei man weit auseinandergelegen. Straßer glaubt, dass nur Hilfe von außen etwas bewegen kann, etwa von der Kirche oder der Staatsregierung. Marktl habe eine überregionale Bedeutung erhalten, doch der könne die Gemeinde alleine nicht gerecht werden.

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