Europawahl An Maria Noichl erinnert man sich

Maria Noichl hebt im Europaparlament in Straßburg die Hand zur Abstimmung. Am Anfang musste sie sich vorwerfen lassen, dass sie nur auf ein Mandat aus sei, weil sie es nicht mehr in den Landtag geschafft hatte. Inzwischen hat sie viele überzeugt, dass ihr Herz tatsächlich für Europa schlägt.

(Foto: Fred Marvaux/oh)

Mit ihrer manchmal derben bayerischen Art galt die Spitzenkandidatin für die Europawahl früher als provinziell - doch sie überzeugte viele Kritiker.

Von Lisa Schnell

Eigentlich wollte sie es ja anders sagen. "Aber mei", sagt Maria Noichl, 52, sie rede sich eben gerne in Rage und das am liebsten auf bairisch und laut. Am Schluss einer Rede muss das Dirndl durchgeschwitzt sein und der Kopf hochrot, erst recht am Aschermittwoch, wo das Publikum schon vor zwölf die erste Mass Bier hat. Aufgeregt war sie natürlich auch, die halbe Welt blickt an diesem Tag auf Bayern, sogar auf die SPD. Und ein Redemanuskript benutzt sie eh nie. Die Worte strömen bei Noichl einfach so vom Kopf durch den Mund in die Welt hinaus, der Filter dazwischen ist oft hauchdünn. Manchmal weiß sie erst, was sie sagen wird, wenn sie sich selbst zuhört. Und an diesem Tag hörte sie: "Schlappschwanz".

"Waschlappen", so wollte sie ihren Konkurrenten von der CSU bei der EU-Wahl betiteln. Dann aber war Manfred Weber für Maria Noichl auf einmal ein "Schlappschwanz" und sie in den Schlagzeilen der Zeitungen. "SPD-Frau haut drauf", stand da über die bayerische Spitzenkandidatin der SPD. Und das ist gleich doppelt bemerkenswert: Erstens stahl Noichl allen anderen die Show, keine andere bekam so viel Zwischenapplaus und Lacher wie sie. Und zweitens: draufhauen? Das wollte die SPD in Bayern eigentlich lange nicht. Den politischen Gegner mahnte sie zu "Stil" und "Anstand" und sich selbst zu rein sachlicher Kritik. So war das im Landtagswahlkampf.

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Im EU-Wahlkampf heißt es jetzt also: "Schlappschwanz". Und nahezu alle finden es gut. Kaum eine kann ihr Publikum so mitreißen wie Noichl. Sie mobilisiert und begeistert. Vielleicht die beste Frau, die es gerade in der Bayern-SPD gibt. So schwärmen viele Genossen jetzt. Das sagt zum einen etwas über den Stand von Landeschefin Natascha Kohnen aus, aber noch viel mehr darüber, wie Maria Noichl an Statur gewonnen hat.

Vor fünf Jahren schaffte die Rosenheimerin es bei den Europawahlen gerade so auf einen aussichtsreichen Listenplatz, jetzt ist sie Spitzenkandidatin in Bayern, und ihr Name steht auf Platz drei der Bundesliste, auch, weil sie es hingekriegt hat, Bundesvorsitzende der SPD-Frauenvertretung zu werden. Nicht lange her, da hätten das viele nicht gedacht.

Noichl wechselte nach Brüssel, nachdem sie es nach einer Legislaturperiode nicht mehr in den Landtag geschafft hatte. Hauptsache ein Mandat, egal wo, so sahen das manche damals. Mittlerweile würde ihr niemand mehr absprechen, dass ihr Herz für Europa schlägt. Damals aber sahen viele eher ihre Schwächen als ihre Stärken. Was heute als Klartext gelobt wird, wurde "einfach" genannt. Ihr Dialekt, die Lautstärke, der Hang zum Derben, das kam einigen zu provinziell vor für Europa und nicht intellektuell genug für die Großstadt-SPD. Natürlich sehen das auch heute noch einige so in der SPD, aber es scheinen weniger zu sein.

Ob Kritiker oder Freunde, auf eines können sich bei ihr alle einigen: An Noichl erinnert man sich. Das liegt auch an Aktionen wie der mit dem Spaten. So einen hatte Noichl zu Landtagszeiten immer im Kofferraum, zusammen mit einer Schere. Denn sie hatte die Erfahrung gemacht: Wenn bei der Einweihung einer neuen Umgehungsstraße zum Spatenstich eingeladen wurde, gab es zufälligerweise immer nur so viele Spaten wie CSUler. Also brachte die SPD- Frau ihren eigenen mit und gleich noch eine Schere für das Flatterband. Und das jedes Mal. "Akzeptanz durch Penetranz", nennt Noichl das.

Ist ihr etwas wichtig, dann sagt sie es einmal, zweimal, dreimal, völlig egal, ob ihr Gegenüber vom Augenverdrehen schon Kopfweh hat. "Sie ist da schmerzfrei", sagt einer, der sie schon lange kennt. Früher hat er auch mal die Augen gerollt, jetzt ist er beeindruckt, mit welcher Zähigkeit Noichl an ihren Themen dranbleibt, auch wenn die Parteiführung in Berlin ihre Meinung mal nicht teilt.

Noichl findet vieles nicht gut, was die große Koalition und damit auch ihre SPD da in Berlin beschließt. Die Verlängerung der Grenzkontrollen etwa oder die EU-Urheberrechtsreform samt umstrittenen Uploadfiltern. Vor den Wählern dagegen reden und in Berlin dann doch beschließen, das nennen ihre politischen Gegner "populistisch". Noichl aber sagt: "In einer Koalition kann man nie die reine Lehre vertreten".

Die Grünen wären ihr Wunschpartner für eine Koalition

Sie selbst aber will das schon, vor allem wenn es um Frauen und Landwirtschaft geht. Mit 17 wurde Noichl zum ersten Mal schwanger, mit 19 zum zweiten Mal. Ausbildung, Familie, Betteln um einen Betreuungsplatz. Sie hat früh miterlebt, wie schwer es Frauen haben können. Und es war die Frauenpolitik, die sie überhaupt zur SPD brachte. Der Vater, CSU-Gemeinderat, fand das natürlich "ungehörig". Zur Landwirtschaft kam sie erst im Landtag als agrarpolitische Sprecherin. Noichl war eine, die schon von Umwelt- und Tierschutz redete, als die Themen der Grünen noch nicht zum Standardprogramm aller Parteien gehörten.

Derzeit liegen die Grünen mit 18 Prozent in den Umfragen vor der SPD (elf Prozent). Manch einer meint, die SPD müsste sich stärker abgrenzen. Noichl aber will die Grünen nicht als Gegner sehen. Warum SPD statt grün? Sie überlegt lange und sagt dann: "Ich kann überhaupt nicht sagen, warum nicht grün wählen." Schließlich wären die Grünen ihr Wunschpartner für eine Koalition. Einen Einwand aber hat sie dann doch: In der EU sind die Grünen nur in 18 Ländern vertreten, die Sozialdemokraten aber in allen 28. Bei der Abgrenzung zu "den Schwarzen", wie Noichl sagt, tut sie sich leichter, siehe "Schlappschwanz".

EVP-Kandidat Weber habe zu wenig klare Kante gegen rechts gezeigt, sagt Noichl und meint Ungarns Regierungschef Viktor Orbán. Und ein soziales Europa mit Mindestlohn und Arbeitslosenversicherung gebe es natürlich nur mit der SPD. Bis jetzt hat das noch nicht allzu viele überzeugt. Bei der vergangenen EU-Wahl hatte die SPD in Bayern 20 Prozent. Jetzt also elf in den Umfragen. Noichl lastet das kaum jemand an. Von einem Vorwurf, den die Bayern-SPD sich im Landtagswahlkampf oft anhören musste, ist sie rundheraus frei zu sprechen: Zu leise ist sie sicher nicht.

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