Nach mehr als 41 JahrenAngeklagter gesteht Tötung der 19-jährigen Maria Köhler

Lesezeit: 3 Min.

„Damals sehr verletzt“: Zum Prozessauftakt lässt der Angeklagte von seiner Verteidigerin Diane Waterstradt ein Geständnis verlesen.
„Damals sehr verletzt“: Zum Prozessauftakt lässt der Angeklagte von seiner Verteidigerin Diane Waterstradt ein Geständnis verlesen. Foto: Daniel Löb/dpa
  • Ein 67-jähriger Mann gesteht vor dem Landgericht Aschaffenburg die Tötung seiner Ex-Freundin Maria Köhler vor mehr als 41 Jahren.
  • Die 19-Jährige wurde am 30. Juli 1984 in einem Aschaffenburger Schwesternwohnheim mit einem Netzschal stranguliert.
  • Der staatenlose Angeklagte lebte 16 Jahre unter falscher Identität in Deutschland, bevor Altfall-Ermittler ihn Ende 2024 in der Türkei aufspürten.
Von der Redaktion überprüft

Diese Zusammenfassung wurde mit der Unterstützung einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt. Lesen Sie mehr über unseren Umgang mit KI.

Fanden Sie diese Zusammenfassung hilfreich?
Mehr Feedback geben

Jahrzehntelang bleibt der Tod der jungen Frau ungeklärt. Bis Altfall-Ermittler dem mutmaßlichen Täter auf die Spur kommen. Nun steht der 67-Jährige vor Gericht.

SZ bei Google bevorzugen

Hatte Maria Köhler Angst vor ihrem Ex-Freund? Vielleicht. Gab es immer wieder Streit? Ja, das ist sicher. Und doch lässt die 19-Jährige, die in einem Heim für angehende Krankenschwestern in Aschaffenburg lebt, am 30. Juli 1984 ihren früheren Partner in ihr Zimmer. Was dann geschieht, schildert die Verteidigerin des mutmaßlichen Mörders knapp zu Prozessauftakt vor dem Landgericht Aschaffenburg.

„Mein Mandant war damals sehr verletzt, aber nicht übermäßig eifersüchtig“, sagt Rechtsanwältin Diane Waterstradt über den heute 67-Jährigen. Am Tattag hätten sich Maria und er in dem Wohnheim gestritten. Da habe der damals 25-Jährige einen Netzschal, den das Opfer um den Hals getragen habe, zugezogen. „Es tut ihm sehr leid, dazu steht er auch.“ Es sei im Affekt geschehen. „Er war vorher und nachher auch nie gewalttätig.“ Die Motive, die die Anklage annehme, lägen nicht vor.

SZ Bayern auf Whatsapp
:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnieren

Von Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte Maria heimtückisch ermordet hat – und aus Eifersucht auf den neuen Freund der 19-Jährigen. Zudem sei er rachsüchtig gewesen, weil die junge Frau ihn nicht habe heiraten wollen und er so keine Chance auf einen Aufenthaltstitel in Deutschland gehabt habe.

Für den Prozess sind fünf Verhandlungstage bis Ende Juni angesetzt. Dem staatenlosen Verdächtigen, der erst mehr als 40 Jahre nach der Gewalttat gefasst werden konnte, droht bei einer Verurteilung wegen Mordes lebenslange Haft. Alle anderen Straftaten wie Totschlag sind bereits verjährt.

Bayern
:„Was ist passiert? Wo bist du?“

Ihren 50. Geburtstag wollte Heidi Dannhäuser groß feiern. Wenige Tage davor ist sie plötzlich weg. Seit zwölf Jahren bangen ihre beiden Schwestern: Ist sie tot? Gefangen? Durchgebrannt? Ein Gespräch über Angst – und Hoffnung.

SZ PlusInterview von Olaf Przybilla

„Die Geschädigte Maria Köhler machte dem Angeklagten deutlich, dass die Beziehung beendet sei und dass er sie nicht mehr besuchen solle“, sagte Oberstaatsanwalt Jürgen Bundschuh bei der Anklageverlesung. „Hierauf entwickelte sich zwischen den beiden ein Streit mit wechselseitigen Beschimpfungen und Beleidigungen, möglicherweise auch mit Ohrfeigen.“

Danach soll alles ganz schnell gegangen sein. „Spätestens in dieser Situation fasste der Angeklagte den Entschluss, die Geschädigte Maria Köhler zu töten“, sagte Bundschuh. Der damals 25-Jährige soll sich in seiner Wut den Netzschal seiner Ex-Freundin geschnappt und die junge Frau damit stranguliert haben. „Der Angeklagte handelte aus einer krassen, übersteigerten und jeglichen nachvollziehbaren Grund entbehrenden Eifersucht, weil die Geschädigte Maria Köhler sich einem anderen Mann (...) zugewandt hatte.“ Für Bundschuh war es Mord aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen.

Maria Köhler wurde vor fast 42 Jahren in Aschaffenburg umgebracht. Nun steht ihr mutmaßlicher Mörder vor Gericht.
Maria Köhler wurde vor fast 42 Jahren in Aschaffenburg umgebracht. Nun steht ihr mutmaßlicher Mörder vor Gericht. Foto: Kriminalpolizei Aschaffenburg/dpa
Das ehemalige Schwesternwohnheim in der Lamprechtstraße: Hier wurde die 19-Jährige im fünften Stock tot aufgefunden.
Das ehemalige Schwesternwohnheim in der Lamprechtstraße: Hier wurde die 19-Jährige im fünften Stock tot aufgefunden. Foto: Daniel Löb/dpa

Vor dem Schwurgericht äußert sich der Angeklagte nicht direkt zur Tat, allerdings erzählt er aus seinem bewegten Leben. Geboren in der Türkei als eines von acht Kindern, eine Scheinehe in Deutschland, dann die Beziehung zu Maria, Flucht in die Türkei und nach Syrien, später Rückkehr nach Aschaffenburg mit einer neuen Frau und neuer Identität.

Angeblich wollte Maria ihn heiraten: „Sie hat den Antrag gestellt.“ Zwei bis drei Monate vor der Tat habe sie es sich aber anders überlegt. Den Ermittlern zufolge hatte sich Maria vor ihrem Tod von dem 25-Jährigen getrennt und hatte einen neuen Partner, einen im hessischen Hanau stationierten US-Soldaten.

Nach der Tat und seiner Flucht war der 67-Jährige weltweit gesucht worden. Mitte 1998 reiste er den Ermittlern zufolge unter anderem Namen wieder nach Deutschland ein – zusammen mit seiner neuen deutschen Ehefrau, die er zuvor in der Türkei geheiratet haben soll. In Aschaffenburg lebte er dann etwa 16 Jahre lang unter falscher Identität, bevor er wieder in die Türkei ausreiste. „Ich hatte immer die Angst“, entdeckt zu werden, erzählt der Angeklagte.

Der 67-Jährige hat nach Polizeiangaben keine Staatsangehörigkeit. Er habe seine türkische Staatsangehörigkeit verloren, erklärt Altfall-Ermittler Jörg Albert, vermutlich weil er sich dem Militärdienst verweigert habe.

Ende 2024 nahmen sich Albert und Kollegen das ungelöste Verbrechen wieder vor und fanden den Mann in der Türkei. „Wir hatten von ihm alles, wir hatten Lichtbilder, wir hatten eine Beschreibung und auch DNA“, erzählt Polizeihauptkommissar Albert. Im vergangenen September wurde der Verdächtige nach Deutschland überstellt. Er sitzt seither in Untersuchungshaft. Experten konnten derweil DNA an der mutmaßlichen Tatwaffe sichern. Als Verursacher komme „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ der Verdächtige infrage, so die Staatsanwaltschaft.

Ist aus Sicht der Kammer dem Angeklagten ein Tötungsdelikt nicht nachweisbar oder hat er sich nach dem festgestellten Sachverhalt nicht strafbar gemacht, erfolgt ein Freispruch. Wenn die Kammer davon ausgeht, dass der Angeklagte ein Tötungsdelikt begangen hat, es aber kein Mord war, so kann ebenfalls ein Freispruch erfolgen. Geht die Kammer von einem anderen Delikt wie beispielsweise Totschlag aus, könnte eine Einstellung des Verfahrens wegen Verjährung geboten sein. Reichen aus Sicht des Gerichts allerdings die Beweise, die dem 67-Jährigen einen Mord nachweisen, wird es ein Urteil mit Strafzumessung geben.

© SZ/DPA - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Debatte um Abschiebung in Passau
:„Hätte sie jemanden mit dem Auto angefahren, hätte sie nicht abgeschoben werden können“

Eine fast 60 Jahre alte Mitarbeiterin des Passauer Traditionslokals „Goldenes Schiff“ ist nach Sierra Leone abgeschoben worden. Der Wirt macht den Behörden schwere Vorwürfe – mit einem Video, das viral geht.

Interview von Anna Hofstetter

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: