Mangelhafte Lehrerausbildung Im Schatten der Religion

Der Bedarf an Ethiklehrern sei in den letzten Jahren enorm gestiegen. Nicht nur weil immer mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, sondern auch, weil inzwischen die dritte Generation der Einwanderer an den Schulen ist. Da treffen Muslime und Angehörige verschiedenster Konfessionen auf Konfessionslose und Atheisten. Ihnen allen eine gemeinsame Basis zu geben, um sich über unterschiedliche Wertvorstellungen und Religionen zu verständigen, das sei der Bildungsauftrag.

Dass die Ethik in Bayern noch immer im Schatten der Religion steht, diese Haltung finden nicht einmal mehr alle Kirchenleute für opportun. "Kardinal Marx und die Mehrheit der Bischofskonferenz hat sich dafür ausgesprochen, das Fach als wichtige Ergänzung, nicht als Konkurrenz zu bewerten", berichtet Schröer. Nicht aber das Kultusministerium.

Obwohl seit 1998 ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vorliegt, das Ethikunterricht allen anderen Unterrichtsfächern gleichstellt, hält sich Bayern, im Gegensatz zu den meisten anderen Bundesländern nicht daran. Im Gegenteil: In den "Grundlagen des Religionsunterrichts und der religiösen Erziehung" heißt es als Hinweis für die Schulleiter: "Bei Elterninformationen ist der Eindruck zu vermeiden, dass Religionslehrer und Ethik zur Wahl gestellt sind."

Und während Jugendliche schon mit 14 Jahren über ihre Religionszugehörigkeit entscheiden dürfen, steht ihnen das Recht zur Abmeldung vom Religionsunterricht erst mit der Volljährigkeit zu. "Ein Widerspruch, der beweist, dass das Fach nicht als gleichwertig angesehen wird", meint Irina Spiegel. An ihrer Fakultät ist unter der Regie des Philosophen und Dekan Julian Nida-Rümelin in den vergangenen Jahren ein hochkarätig besetztes Ethikzentrum entstanden, das sich jetzt ebenfalls bemüht, dem Unterrichtsfach endlich zu seinem gebührenden Rang zu verhelfen.

Auch die Münchner Hochschule für Philosophie, vom Jesuitenorden getragen, wäre bereit, eine qualitativ hochwertige Ethik-Lehrer-Ausbildung aufzubauen. Dies sei dringend geboten, betont Präsident Michael Wallacher. "Wir können das aber nicht aus eigenen Ressourcen stemmen". Das Kultusministerium habe bisher jedoch Unterstützung abgelehnt und die finanzielle Verantwortung dem Wissenschaftsminister zugeschoben.

Minister Ludwig Spaenle hat das Thema Ethikunterricht offenbar gar nicht auf der Tagesordnung. Man habe allgemein über die Frage, wer sich der Ethiklehrerausbildung annehmen könnte, gesprochen, sagt er. Seine Teilnahme an einer Veranstaltung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung vor drei Wochen mit dem Thema "Vom Ersatzfach zum Konkurrenten - 40 Jahre Ethikunterricht in Bayern", hatte Spaenle zurückgezogen. Aus rein terminlichen Gründen, wie er betont. Mit den Details sei er gar nicht befasst worden.