Mahler-Dirigierwettbewerb:Der Musikverführer aus Singapur

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Mahler-Dirigierwettbewerb: Ein Spitzenorchester und der Gewinner des Dirigierwettbewerbs: die Bamberger Symphoniker unter der Stabführung von Kah Chun Wong.

Ein Spitzenorchester und der Gewinner des Dirigierwettbewerbs: die Bamberger Symphoniker unter der Stabführung von Kah Chun Wong.

(Foto: Michael Trippel)

Beim "Mahler-Dirigierwettbewerb" suchen die Bamberger Symphoniker die Zukunft der Musik - und finden sie letztlich in einem hochbegabten Dreißigjährigen aus Singapur.

Von Egbert Tholl, Bamberg

Ob das wirklich geschickt von ihm ist? Sergey Neller steht vor dem Orchester, ohne Pult, ohne Partitur. Die hat er im Kopf, was an sich ja eine zirzensische Hirnleistung ist. Nur ob man damit Sympathiepunkte gewinnt, das sei erst einmal dahingestellt. Schließlich geht es bei diesem Wettbewerb nicht um Gedächtnisleistungen, sondern ums Musikmachen.

Das kann er schon auch, der junge Dirigent aus Russland. Sonst wäre er nicht hier im Finale des vermutlich wichtigsten Dirigier-Wettbewerbs Europas. So viele gibt es davon ohnehin nicht, und wer den "Mahler-Wettbewerb" der Bamberger Symphoniker gewonnen hat, dem steht die Welt offen. Im ersten Jahr seines Bestehens, 2004, gewann den Wettbewerb Gustavo Dudamel. Der hat gerade bei den Salzburger Pfingstfestspielen die "West Side Story" geleitet.

Zurück zum klugen Russen. Nun erklärt er, dass "um diese Stelle besser spielen zu können, wir sehr gut den Text verstehen müssen". Der Text ist französisch und gehört zu Henri Dutilleuxs "Correspondances". Neller erzählt ein bisschen was dazu, so wie er gleich darauf die "Zugabe" von Georg Friedrich Haas erklärt, einem Auftragswerk der Bamberger für ihren Wettbewerb. Zum Haas sagt Neller, hierbei handele es sich um "sogenannte Klangfarbendramaturgie". Stimmt.

Und nun das Phänomen, eines von vielen in diesen Tagen des Wettbewerbs. Mag es an seinen Worten liegen oder an seiner Fähigkeit, eine Auffassung von Musik im Augenblick ihres Entstehens zu vermitteln: Das Ende von Dutilleuxs Stück gelingt fabelhaft, ein einziges gemeinsames Ausatmen. Dagegen wirken seine Erklärungen zum Stück von Haas so, als beschreibe er das, was sein Vorgänger im Finale dirigiert hat. Neller, auch begabt mit einem großen Talent, für die Galerie zu dirigieren, wird zweiter. Der vor ihm dran ist im Finale, sein Landsmann Valentin Uryupin, wird dritter. Es gewinnt Kah Chun Wong aus Singapur.

Besucht man den Mahler-Wettbewerb der Bamberger Symphoniker, kann man nur einen einzigen Fehler machen, nämlich eines der öffentlichen Konzerte auszulassen. Öffentlich sind die Auftritte von der Hauptrunde an, da sind noch sieben Kandidaten übrig. In der - nichtöffentlichen - Vorrunde sind es 14. So viele wurden nach Bamberg eingeladen, von überall auf der Welt. 381 Dirigenten hatten sich beworben. Pflicht dabei: ein Video, das sie beim Arbeiten zeigt.

Es geht um die Performance

Nanu, warum ein Video und nicht einfach eine Aufnahme? Nicht etwa, weil man mit einem Tondokument allein schummeln könnte. Nein, es geht sozusagen um die Performance. Der Wettbewerb besteht darin, wie die Dirigenten ihre Auffassung der Stücke vermitteln können. Sie proben nicht, sie dirigieren. Das ist extrem spannend und ungeheuer lehrreich.

Im Semifinale, in welchem noch fünf Kandidaten übrig sind, müssen alle Folgendes dirigieren: den zweiten und den vierten Satz aus der 44. Symphonie von Haydn, den "Bayerisch-babylonischen Marsch" von Jörg Widmann, den Schlusssatz von Mahlers dritter Symphonie, also Klassik, Moderne, Symphonik. Ohne Probe. Sie dürfen, dafür reicht die Zeit, an Stellen feilen, das jeweilige Stück dann wieder neu zusammensetzen. Aber das, was man zunächst hört, ist das Ergebnis dessen, wie sie es verstehen, Musik mit ihrem Körper, ihren Händen, ihrem Gesicht zu vermitteln.

Das Erstaunliche daran ist: Es klingt bei jedem völlig unterschiedlich, vom ersten Einsatz an. Natürlich im Rahmen dessen, was die Noten vorschreiben. Dass so etwas nur mit einem Spitzenorchester funktioniert, leuchtet ein. Die Musiker müssen ja in Windeseile vergessen, was sie gerade gespielt haben. Jeder Kandidat hat die gleiche Chance, auch wenn dann eben ein Haydn-Satz zum fünften Mal erklingt.

Auch die Tagesform ist ausschlaggebend

Christoph Eß, Solohornist der Bamberger, meint dazu, nicht nur die Unterschiede zwischen den einzelnen Teilnehmern seien aufregend, auch die jeweilige Tagesform. Da kann einer in der Vorrunde restlos überzeugen, zwei Tage später ist jedes Funkeln verschwunden. Überhaupt macht das Orchester mit, als gäbe es kein Morgen. Extrem wach, extrem aufmerksam. Man spürt die Lust, die die Musiker selbst empfinden bei diesem Wettbewerb. Schade, dass er nur alle drei Jahre stattfindet, man möchte sofort wieder dorthin.

Ein Vertreter des Orchesters sitzt auch in der Jury. Er spricht stellvertretend für alle Musiker, sammelt deren Stimmen und Eindrücke, bevor die zwölf Juroren diskutieren. Die Orchesterstimme hat dabei mehr Gewicht als die anderen, und unter diesen sind Leute wie Neville Marriner, Jörg Widmann, verblüfft über die Varianten seines eigenen Stücks, Barbara Hannigan, nebenbei Solistin beim Dutilleux, Vertreter amerikanischer Agenturen, die Juilliard School, der Bamberger Chef Jonathan Nott und Marina Mahler, Gustavs Enkelin.

Keiner von diesen überstimmt die Orchesterstimme. Denn schließlich: Die Musiker allein wissen, ob sich jemand vermitteln kann, ob jemand einen Kontakt zu ihnen herstellen kann, ob eine Kommunikation zustande kommt. Zwar sieht man auch als Zuhörer den Dirigenten mittels Videoleinwand in der Bamberger Konzerthalle von vorne. Aber ein Resträtsel des Mirakulösen bleibt, da kann man als Zuschauer noch so intensiv auf die Leinwand starren.

Wong begeistert alle

Daneben scheint es fast so, als würden die Kandidaten auch nach Empathie ausgewählt. Alle bleiben bis zum Ende, es herrscht eine Stimmung zwischen Campus und Künstlerfest, aus Kenia ist ein 21-jähriger Beobachter zu Gast, und der Sieger ist entzückend.

Mag man auch den viel unfertigeren Uryupin als aufregender empfinden - mich rührt er als einziger -, Wong begeistert alle. Er ist ein Musikverführer, einer der Dirigenten, für den Musiker alles tun. Er kann präzise und schön schlagen, hat ein fabelhaftes Verständnis für Dynamik. Sein Glanzstück: nicht das Finale, nein, sein Haydn im Semifinale - eine Meisterleistung pulsierender, fein abgestimmter Dynamik.

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