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Männermangel an Bayerns Grundschulen:Wenn Unterschiede verschwinden

Mayer unterrichtet selbst 15 Stunden die Woche an der Grundschule in Hitzhofen bei Ingolstadt, und das Erste, was ihm auffällt, wenn er die Klassenzimmer seiner Kolleginnen betritt, sind die vielen Blümchen und Sternchen, die liebevolle Ordnung der kleinen Kunstwerke, alles an seinem Platz, hübsch dekoriert wie im Geschenkeladen. "Männer denken da doch eher funktional", sagt er, "und Jungs neigen dazu, solche Ordnung nicht sonderlich zu schätzen."

Sie würden lieber toben, statt Mandalas zu malen, lieber mit dem Experimentierkasten hantieren, als Weihnachtsschmuck zu basteln. In der Praxis erlebt der Pädagoge, was auch Gespräche mit Teilnehmern seiner Forschungsgruppen bestätigen: Mit einem hohen Bubenanteil tun sich Lehrerinnen schwerer als Lehrer. Klassen, die als schwierig gelten, empfindet er selbst oft gar nicht so: "Es sind halt einfach Jungs", sagt er. Ihnen falle es eben nicht so leicht, immer funktionieren zu müssen, in der Schule würden sie oft zu schnell diszipliniert.

Mayers Mittel sind andere: häufigere Pausen, auch mal die Klassenzimmertüren öffnen, Rennen auf dem Flur erlauben, Fußballspielen im Pausenhof, gemeinsam Musik machen, "das leitet Energien ab und hilft, persönliche Beziehungen aufzubauen. Da kann man leichter mal einen beiseite nehmen und mit ihm reden".

Männer, so hört Mayer aus seinen vielen Gespräch mit den Teilnehmern seiner wissenschaftlichen Studie heraus, seien eher in der Lage, die Ausbrüche von Jungs mit Humor zu nehmen. Wenn die Buben ausnahmsweise einmal von einem Mann unterrichtet würden, dann seien sie meist begeistert. "Wenn einer unserer Studenten in die Schule geht, ist er in der Regel der Star und wird umlagert."

Denn die meisten Grundschulen sind eine Frauenwelt. Das gilt auch für die Schule in Poing. Dabei glauben auch Manuela Wedlich und die Rektorin Simone Fleischmann, dass Jungen profitieren würden, wenn es an der Schule ein paar Männer gäbe. "Lehrerinnen finden ihre weiblichen Vorstellungen, wie beispielsweise ein Hefteintrag auszusehen hat, gerne bei ihren Schülern wieder", sagt Fleischmann. Es gebe Buben, die das schnell durchschauen und deshalb anfangen, wie die Mädchen Herzchen und Blümchen unter ihre Einträge zu zeichnen.

Fleischmann ist auch überzeugt, dass Jungen anders lernen als Mädchen: "Sie gehen direkter an eine Aufgabe heran und wollen möglichst schnell zu einer Lösung kommen." Jeden einzelnen Rechenschritt aufzuschreiben und dann das Ergebnis doppelt zu unterstreichen, wie es in der Schule oft verlangt wird, sei den meisten Buben eher fremd.

Doch aufgrund dieser Erkenntnisse spezielle Unterrichtsformen nur für Jungen zu entwickeln, ist ihrer Ansicht nach nicht die Lösung des Problems. Schließlich gebe es auch Mädchen, die lieber anders lernen würden, und Buben, die mit dem jetzigen System gut zurechtkommen. Besser wäre es, so individuell wie möglich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen.

Und in manchen Momenten spielen die Unterschiede zwischen Buben und Mädchen fast keine Rolle mehr. Als Manuela Wedlich am Ende des Vormittags noch eine Geschichte vorliest, hören alle 18 Kinder gespannt zu - allerdings ziehen am Jungentisch hinten rechts einige schon mal unauffällig ihre Handschuhe an, damit sie gleich schnell nach draußen laufen können.