Machtkampf an der DAV-Spitze Tiefe Kluft im Deutschen Alpenverein

Nun soll es der Vorgänger richten: Nachdem DAV-Präsident Heinz Röhle im Streit zurückgetreten ist, soll Josef Klenner die Bergfreunde wieder befrieden.

Von Christian Sebald

München - Nun soll es Josef Klenner richten: Klenner, der den Deutschen Alpenverein (DAV) schon einmal geführt hat - 13 Jahre lang, von 1992 bis 2005 -, und der mit Applaus im Stehen verabschiedet wurde, als er das Präsidentenamt abgab. Der 60-jährige Chef des europäischen Alpenvereins soll am Wochenende in Osnabrück an die Spitze des DAV zurückkehren. Wenn alles läuft, wie es eingefädelt ist, kürt die Mitgliederversammlung Klenner zum alt-neuen DAV-Chef. Damit wieder Frieden herrscht in der Welt der 850000 organisierten Alpinisten. "Wir Bergsteiger müssen Vertrauen zueinander haben", sagt Klenner. "Ich hoffe, dass das bald wieder der Fall ist."

Im Alpenverein tobt ein Kampf, wie weit die Berge für den Tourismus erschlossen werden sollen - einer der Streitpunkte ist die Aussichtsplattform auf dem Osterfelderkopf in Garmisch.

(Foto: ddp)

Wenn sich der Ingenieur, der ein versierter Kletterer und Skitourengeher ist, da mal nicht täuscht. Anfang Juli hat der vormalige DAV-Chef Heinz Röhle in einer Sitzung des Verbandsrats sein Amt hingeworfen. Zugleich trat er aus dem DAV aus - so abrupt, dass selbst Insider überrascht waren. Die Presseerklärung wies kryptisch auf einen Streit um die Macht im DAV hin. "Unüberbrückbare Auffassungsunterschiede bezüglich der Wahrnehmung der Führungsverantwortung durch das Präsidium des DAV sowie daraus resultierende Konflikte" hätten zu Röhles Rückzug geführt.

Einzig der Ex-Präsident sprach sofort von einem "Machtkampf". "Es geht darum, wer das Sagen hat im Verein, das Präsidium oder die Geschäftsstelle", erklärte er. Damals fand sich keiner im DAV, der das bestätigt hätte. Aber inzwischen kursieren E-Mails und Resolutionen, deren Autoren die Sache wie Röhle sehen. Auch Sitzungsteilnehmer melden sich zu Wort. Ludwig Trojok etwa spricht von einem "Sturz des Präsidenten", der "von vorneherein geplant war".

Tatsächlich hat sich die DAV-Spitze über Monate hinweg einen erbitterten Machtkampf geliefert. Im Zentrum stand - wie so oft in großen Verbänden - die Rivalität zwischen ehrenamtlicher Führung und hauptamtlichem Apparat. Röhles Gegenspieler, so heißt es, war DAV-Geschäftsführer Thomas Urban. Der 47-Jährige arbeitet seit 18Jahren für den weltgrößten Bergsteigerverein, ohne ihn geht nichts im DAV. Insider sagen: "Das Präsidium kann beschließen, was es will. Wenn Urban es nicht umsetzen will, tut er es halt nicht."

Der DAV-Vize Ulrich Kühnl ist ein viel zu loyaler Mann, als dass er solche Interna über die Zeitung kundtun würde. Aber er teilt diese Sicht. Kühnl hat nach Röhles Sturz mit einer Resolution für Furore gesorgt. In ihr verlangt er nichts weniger als eine Überarbeitung der Vereinsstatuten, um "das Zusammenspiel von Präsidium und Hauptgeschäftsstelle bzw. Geschäftsleitung praktikabel zu regeln". So gespreizt das klingt, so direkt zielt es auf den Geschäftsführer Urban.

Urban will sich eigentlich gar nicht äußern. Das Einzige, was er sagt, ist, dass sein Verhältnis zu Röhle zuletzt zerrüttet gewesen sei. Deshalb habe er dem Präsidium erklärt, so könne er nicht weiterarbeiten. Einen Machtkampf bestreitet Urban entschieden. "Als Geschäftsführer", so sagt er, "vollziehe ich das, was Präsidium, Verbandsrat und Mitgliederversammlung beschließen."

Aber nicht nur an der DAV-Spitze geht es drunter und drüber. Der ganze DAV mit seinen 850000 Mitgliedern und 353 Sektionen zwischen Garmisch-Partenkirchen und Flensburg steckt in einem Spagat, der immer schwerer auszuhalten ist. Da ist die Bundhosenfraktion, der schon Doppelzimmer auf Berghütten ein Graus sind. Die Funsportler gehen sommers nur in die Kletterhalle und winters in Snowparks. Für Freizeitwanderer ist der DAV ein Berg-ADAC, der viel Service bietet - von Alpinkursen für jede Leistungsstufe bis zum Versicherungspaket. Die Naturschützer feilen an Konzepten, wie sie den Ansturm auf die Berge so kanalisieren, dass Birkhühner und andere Rote-Liste-Arten überleben. Die Leistungssportler kämpfen darum, dass Sportklettern endlich olympisch wird.

Dass im DAV der Naturschutz nicht zu kurz kam, lag vor allem an dem Ex-Präsidenten Röhle. Für den 58-jährigen Forstprofessor war es stets eine Hauptaufgabe des DAV, die Bergwelt als einzigartige Naturlandschaft zu erhalten. "Bergsteigen und Naturschutz sind keine Gegensätze", lautet sein Credo, "wir Bergsteiger dürfen nie unsere besondere Verantwortung für die Alpen vergessen." Und weil Röhle sehr prinzipienfest ist, legte er sich mit ganzen Sektionen genauso an wie mit mächtigen Funktionären.

Besonders deutlich wurde das in der Debatte um die Olympischen Winterspiele 2018 in Garmisch und Berchtesgaden. Röhle sah das Sportspektakel von Anbeginn an sehr viel kritischer, als es etlichen Funktionären lieb war. So oft erhob er seine Stimme, dass viele Naturschützer nun eine veritable Intrige hinter Röhles Sturz vermuten. Der Präsident, so kann man in Internet-Foren nachlesen, musste weichen, damit der DAV in Sachen Olympia nur ja bei der Stange bleibt. Denn ein Rückzug des DAV, wie ihn Röhle mehrfach für den Fall ankündigte, dass seine Umweltforderungen nicht erfüllt würden, hätte mit einem Schlag sämtliche Hoffnungen der Bewerbungsgesellschaft zunichtegemacht.

Wie auch immer, die Wut im Verbandsrat war zuletzt immens. Die Sitzung muss eine einzigartige Schlammschlacht gewesen sein - von Freitagnachmittag bis Samstagmittag. Dabei stand eine Generalaussprache eigentlich gar nicht auf der Tagesordnung. Wie aus heiterem Himmel wurde Röhle mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei hochfahrend, autoritär, undemokratisch. "Alleine Wortwahl und Lautstärke waren unter aller Würde", sagt Trojok. "Es ging von Anbeginn um die Demütigung des Präsidenten."

Tatsächlich legten Röhles Gegner eine Hartherzigkeit an den Tag, die selbst routinierte Funktionäre so einschüchterte, dass sie nicht sofort opponierten. Nicht nur dass der Präsident kaum eine Chance zur Erwiderung hatte. Als Röhle per Abstimmung das Vertrauen entzogen worden war, kündigte der an, auf der bevorstehenden Mitgliederversammlung aus dem Amt zu scheiden - um das Gesicht zu wahren. Röhles Kontrahenten lehnten ab und erzwangen seinen sofortigen Rückzug.

Dem neuen DAV-Chef Klenner steht nun viel Schlichtungsarbeit bevor. Zwar gilt er als hervorragender Moderator, der auch in schwierigen Situationen den richtigen Ton trifft. Aber ob er die Stärke hat, Kontrahenten in die Schranken zu weisen, zweifeln viele an. Vor zehn Jahren war der DAV schon einmal in einer verzwickten Lage. Auch damals tobte ein wüster Streit an der Spitze. Monatelang bekämpften sich sogenannte Traditionalisten und Modernisierer schier bis aufs Messer. Das größte Problem aber war, so hieß es damals, dass DAV-Chef Klenner dem Treiben tatenlos zusah.