Alltagssprache:Wo Bombenwetter, Senkrechtstarter und Blockbuster ihren Ursprung haben

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Alltagssprache: Bomber der Nation: Gerd Müller erzielt im WM-Finale 1974 das Siegtor gegen die Holländer.

Bomber der Nation: Gerd Müller erzielt im WM-Finale 1974 das Siegtor gegen die Holländer.

(Foto: Horstmüller/imago)

Viele Redewendungen stammen aus dem Luftkrieg, wie eine neue Ausstellung zeigt. Auch Formulierungen, die so gar nicht kriegerisch klingen.

Von Hans Kratzer, Schleißheim

In den lichten Hallen der zum Deutschen Museum gehörigen Flugwerft Schleißheim stehen eindrucksvolle alte Flugzeuge. Unter ihnen befinden sich auch Raritäten wie die sogenannten Senkrechtstarter. Diese Flugzeuge, die tatsächlich senkrecht starten konnten, galten in der militärischen Luftfahrt einst als eine große Verheißung, weil man für sie keine Startbahnen benötigte. Die Maschinen erwiesen sich freilich als unrentabel und setzten sich letztlich nicht durch. Im übertragenen Sinne aber machte der Senkrechtstarter durchaus Karriere. Er mutierte nämlich zum Ehrentitel für jene Erfolgsmenschen, die mit einem Produkt oder mit einer ungewöhnlichen Leistung die Konkurrenz auf einen Schlag weit hinter sich lassen. Sie werden gerne beneidet, was aber auch bedeutet, dass man sich, wenn ein Senkrechtstarter zu Fall kommt, umso mehr an seinem Scheitern ergötzt. So ist der Mensch eben.

Der Senkrechtstarter zeigt, dass die deutsche Sprache immer wieder Überraschungen parat hat. Bei näherer Betrachtung wird deutlich, welch einen starken Einfluss zum Beispiel der Luftkrieg auf die hiesigen Redensarten und Wortschöpfungen genommen hat. Begriffe wie Senkrechtstarter und Blockbuster haben ihren Ursprung eindeutig in der militärischen Luftfahrt. Das wirft natürlich Fragen auf, die nun in einer Ausstellung in der Flugwerft Schleißheim erschöpfend beantwortet werden.

Der Titel der Ausstellung lautet sinnigerweise "Bombenwetter", ein Begriff, der ebenfalls der Fliegersprache entnommen ist. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht, wie der Kurator Rolf-Bernhard Essig am Donnerstag bei einer Führung erklärt hat. Essig, der bereits mehrere Ausstellungen über Redensarten kuratiert hat und sich auch als Autor ständig mit dem Thema befasst, konzipierte die Schau in Zusammenarbeit mit dem Militärhistorischen Museum (MHM) Berlin Flugplatz-Gatow.

Alltagssprache: Senkrechtstarter vom Typ Dornier Do 31 E-3 in der Außenstelle des Deutschen Museums in der Flugwerft in Oberschleißheim.

Senkrechtstarter vom Typ Dornier Do 31 E-3 in der Außenstelle des Deutschen Museums in der Flugwerft in Oberschleißheim.

(Foto: Stephan Rumpf)
Alltagssprache: Ein in der Ausstellung geöffneter Spind mit Bildern, die auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs Sexbombe anspielen.

Ein in der Ausstellung geöffneter Spind mit Bildern, die auf die Doppeldeutigkeit des Begriffs Sexbombe anspielen.

(Foto: Deutsches Museum)
Alltagssprache: Offiziersanwärter der Luftwaffe trainierten einst an der Luftkriegsschule Gatow mit einem Zielgerät über dem sogenannten Bombenteppich, einer Art Simulator. Während sie oben das Zielgerät bedienen, bewegt sich die simulierte überflogene Fläche unter ihnen.

Offiziersanwärter der Luftwaffe trainierten einst an der Luftkriegsschule Gatow mit einem Zielgerät über dem sogenannten Bombenteppich, einer Art Simulator. Während sie oben das Zielgerät bedienen, bewegt sich die simulierte überflogene Fläche unter ihnen.

(Foto: Scherl/SZ Photo)

Für das Bombenwetter, so erklärte Essig, müsse man bis ins Altgriechische zurückgehen, genauer gesagt zu dem Wort bombos (dumpfer Ton). In der Sprachgeschichte mutierte die Bombe dann zu einem Verstärkungswort. Das heute oft verwendete Wort Bombenteppich benannte ursprünglich ein Übungsgerät für Kampfpiloten, bei dem auf einem Tuch die Erdoberfläche als Luftbild aufgezeichnet war. Das Wort Bombe verstärkt aber auch schöne Dinge, was die Begriffe Bombenwetter und Bombenstimmung bestens belegen. Die Sexbombe wiederum, die einst der Schlagersänger Tom Jones besang, ist ebenso unvergessen wie der Bomber der Nation, der Fußballer Gerd Müller.

Dass auch Begriffe aus der Sprachwelt Loriots ("früher war mehr Lametta") und das Verb sich verfranzen aus dem Luftkrieg stammen, überrascht durchaus. Der Ursprung von verfranzen liegt nicht in etwaigen Teppichfransen, sondern in der Frühzeit der Militärfliegerei. Piloten trugen damals den Spitznamen Emil. Ihre engen Beobachter, die in der Regel auch navigieren mussten, wurden Franz genannt. Navigieren hieß dementsprechend franzen. Navigierte der Franz falsch, so verfranzte er sich.

In die zahlreichen Beispiele der Ausstellung, die in anschaulicher Weise die sprachlichen Hintergründe der Redensarten darlegen, reiht sich auch der Blockbuster ein. Dieser Begriff bezeichnete ursprünglich eine Großbombe der britischen Royal Air Force. Heute benennt er unter anderem mit Stars wie Tom Cruise gespicktes Action-Kino und überdies umsatzstarke Medikamente - wie etwa die Covid-Impfstofffläschchen, die in der Ausstellung den riesigen Bombenzylinder konterkarieren.

Alltagssprache: In der Ausstellung wird auch eine "Blockbuster"-Minenbombe vom Typ HC 4000 Mk III aus Großbritannien gezeigt, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde.

In der Ausstellung wird auch eine "Blockbuster"-Minenbombe vom Typ HC 4000 Mk III aus Großbritannien gezeigt, die im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
Alltagssprache: Rolf-Bernhard Essig, Co-Kurator der Wanderausstellung "Bombenwetter", neben dem ausgestellten Schleudersitz.

Rolf-Bernhard Essig, Co-Kurator der Wanderausstellung "Bombenwetter", neben dem ausgestellten Schleudersitz.

(Foto: Deutsches Museum)

"Das Fliegen faszinierte die Menschen von Beginn an, und der Luftkrieg wurde in populären Medien als ritterlicher Kampf stilisiert", sagt Rolf-Bernhard Essig. "Deshalb wanderten Fachbegriffe und Redensarten aus der Flieger- in die Alltagssprache." Erschreckend aktuell wirkt dabei das Russisch Roulette, ein potenziell tödliches Glücksspiel mit einem Revolver. Essig sagt, er habe einen Bekannten in der Ukraine, der ihm erzählte, Russisch Roulette habe sich gerade als neue Redensart in der Ukraine durchgesetzt. Damit wollen die Menschen zum Ausdruck bringen, dass die russischen Eindringlinge das Land plan- und ziellos beschießen.

Die wenigsten Menschen haben vermutlich auf dem Schirm, wie viele sprichwörtliche Redensarten mit dem Luftkrieg zu tun haben. Auch "auf dem Schirm haben" ist eine solche Redewendung. Sie hat ihren Ursprung in der Ortungstechnik der Radargeräte. Das Spektrum reicht von "am Boden zerstört sein" bis zu Schleudersitz, Kamikaze, Helikoptereltern und schräge Musik. Ausgehend vom militärischen Begriff der Schrägbewaffnung, bezeichneten die Nationalsozialisten damit die ihrer Meinung nach entartete Jazzmusik.

All diese Beispiele verdeutlichen, welch eine große Rolle die militärische Luftfahrt und ihre Protagonisten besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Wahrnehmung der Bevölkerung spielten. Der These, dass die deutsche Sprache deshalb militanter sei als andere Sprachen, widersprach Essig vehement. Diese Behauptung sei durch nichts gedeckt. Das Englische sei schon zu Zeiten Shakespeares enorm kriegerisch gewesen, das Französische ebenso, man höre nur einmal die Marseillaise. "Es gibt keine Sprache, die nicht auch vom Militärischen geprägt ist", sagte Essig.

Die Sonderausstellung "Bombenwetter!" ist bis zum 28. Februar 2023 in der Flugwerft Schleißheim zu sehen.

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