Die Welt brennt, die Politik spinnt, und weil das alles noch nicht reicht, ist beim Singspiel auf dem Nockherberg ans Licht gekommen, dass die Sozialdemokratie mit dem sauren Lüngerl fremdelt, also mit ihrem angestammten Leibgericht.
Zugegeben, für manche mag ein Lüngerl in seiner geschnetzelten Form wie Erbrochenes ausschauen, aber gleichwohl hatte es in Zeiten, in denen der Wohlstand gering war, eine wichtige soziale Funktion. Gerne wurde die saure Lung bei Hochzeiten und beim Leichenmahl aufgetischt. Das Gericht war schnell zubereitet, im Notfall leicht zu strecken, und dem Hund schmeckte es auch.
Nach dem Krieg wurde das Lüngerl als Volksnahrungsmittel vom Schweinsbraten abgelöst. Nur dort, wo es ärmlich zuging, nahm man beim Leichenmahl in Kauf, dass die Gäste über eine Beuschelleich klagten, also über eine billige Verköstigung mit einer Lung.
Beim Singspiel auf dem Nockherberg war indirekt herauszuhören, der Verzicht auf Lüngerl wie auf Presssack sei jetzt ein unerlässlicher Beitrag zur Weltrettung. Als dann SPD-Chefin Bärbel Bas auch noch erklärte, sie wisse gar nicht, was ein saures Lüngerl sei, klang das wie ein Menetekel für dieses Traditionsgericht, das einst sogar Kommunalwahlen prägte. Als der Tanzboden im Wirtshaus des Großvaters noch als Wahllokal diente, wurde den Wahlhelfern zur Stärkung stets ein Lüngerl serviert. Außer den Schwarzen und Bayernparteilern labten sich daran auch die wenigen Sozis, die es in jedem Dorf gab. Diese hatten von Natur aus einen politischen Eigensinn und setzten lieber auf Tatkraft als auf die öde Theorie.
Ein schrulliger, aber toleranter Sozi war der Berger Hans. Einmal, die Augustsonne stand hoch am Firmament, erörterte der Autor am Rande eines Misthaufens mit dem Hans die Weltlage. Er stand barfuß in den Gummistiefeln, seine Achsel ruhte auf dem Stiel einer Mistgabel, als ihm plötzlich die Zunge aus dem Mund rutschte, er verwendete dafür das Wort Bläschel. Sogleich ließ sich eine Fleischfliege auf dem Zungenspitzel nieder, was der Hans aber gelassen hinnahm. Er störte das Insekt nicht und redete, die Zunge mitsamt Fliege auf der Unterlippe belassend, minutenlang weiter, wegen der Zungenverrenkung freilich eher undeutlich.
Dem Autor ist dieses Bild unauslöschlich im Gedächtnis haften geblieben – und auch die Frage, warum der Hans den Brummer nicht verschluckt hat. Neben dem Lüngerl wurden damals auf dem Land auch gerne Fliegen verzehrt, wenn nicht gerade Fasttag war, was auch die in Niederbayern aufgewachsene Zeit-Autorin Maria Rossbauer bestätigt hat. Wenn eine Fliege in meiner Suppe schwamm, erzählte sie einmal, dann habe ihr Vater gesagt: „Deafstas scho essen, heid is ja ned Freitag!“


