Ausstellungen in Regensburg und MünchenLovis Corinth neu entdecken

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Aus Leipzig nach Regensburg gereist ist das berühmte Gemälde „Salome II“.
Aus Leipzig nach Regensburg gereist ist das berühmte Gemälde „Salome II“. (Foto: Michael Ehritt/Ingestalt)

Bisher unbekannte Skizzen des berühmten Malers Lovis Corinth sind aus Anlass seines 100. Todestags im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Und das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte zeichnet die Rezeption seines Werks nach.

Von Sabine Reithmaier

Irgendwie erstaunlich: Lovis Corinth ist bereits 100 Jahre tot. Also müsste eigentlich jede Facette dieses berühmten Malers und seiner Kunst ausgeleuchtet und erforscht sein. Denkt man jedenfalls. Doch dann kommt man in die Ausstellung „Bildrausch“ des Regensburger Kunstforums Ostdeutsche Galerie (KOG) und entdeckt: Dem ist nicht so.

Denn das Haus, spezialisiert auf ostdeutsche und osteuropäische Kunst, präsentiert anlässlich des 100. Todestags einen bislang ungehobenen Schatz aus dem eigenen Bestand: zwölf Skizzenbücher und ein Skizzen-Album des Malers, die seinen oft langwierigen Weg vom Motiv zum großen Gemälde veranschaulichen. Dass es gelungen ist, Skizze und Gemälde zueinander zu bringen und nebeneinander auszustellen, macht die Ausstellung sehr besonders. Sogar die berühmte „Salome II“ aus Leipzig ist angereist.

Im Skizzenbuch findet sich ein Kompositionsentwurf zu den beiden Fassungen des Gemäldes „Salome“.
Im Skizzenbuch findet sich ein Kompositionsentwurf zu den beiden Fassungen des Gemäldes „Salome“. (Foto: KOG)

Mit diesem Werk feierte Corinth 1900 in Berlin seinen Durchbruch, nachdem es in der Münchner Sezession zuvor abgelehnt worden war. Es ist aber auch dreist, wie die stark geschminkte Salome mit spitzem Zeigefinger das Augenlid des toten Johannes hochzieht und ihm ihre nackten Brüste fast ins Gesicht baumeln lässt.

Der Weg bis zu diesem dramaturgisch perfekt komponierten Werk war lang. Das belegt das Skizzenbuch IX, in dem Corinth schon 1897 begann, sich mit dem Sujet zu beschäftigen. Anfangs reihte er die Personen noch eher klassisch auf, entwickelte langsam die heute so faszinierenden Blickachsen. Überhaupt macht der Blick in die Skizzenbücher deutlich, wie intensiv und lang sich Corinth mit seinen Motiven beschäftigte. Es dauerte, bis er sie so verinnerlicht hatte, dass er sich mit der Form nicht mehr groß aufhalten musste und sich ganz auf Farbe und Ausdruck konzentrieren konnte.

Voraussetzung für die famose, von Mona Stocker, Sammlungsleiterin Gemälde und Skulptur, kuratierte Schau, die mit 29 herausragenden Gemälden und 47 Grafiken aufwartet, ist der üppige eigene Bestand. Darunter „Das große Martyrium“ (1907), eine erschütternde Kreuzigungsszene im Großformat. Das KOG besitzt inzwischen zwölf Corinth-Gemälde; der letzte Ankauf war das hinreißende Spätwerk „Geburt der Venus“ (1923). Dazu mehr als 500 Grafiken und eben die besagten, größtenteils noch nie publizierten Skizzenbücher, die Sebastian Schmidt, Leiter der Grafikabteilung, digitalisiert und so allgemein zugänglich gemacht hat. Die Bücher verdankt das KOG seiner intensiven Kontaktpflege mit den Kindern des Malers, Thomas Corinth und Wilhelmine Corinth-Klopfer, die in den USA lebten und von dort aus den Nachlass des Vaters verwalteten.

Hohe emotionale Bedeutung besaß für sie das Skizzen-Album, in das Corinth eigenhändig Zeichnungen eingeklebt hatte. Darin hielt er die Krankheit und das Sterben seines Vaters fest, versammelte dort aber auch Porträts von Onkel, Tante, Lehrern, Freunden sowie Skizzen, die nicht von ihm stammten, sondern von Freunden oder Lehrern an der Akademie in Königsberg (heute Kaliningrad). Dort startete der 1858 in Tapiau (Ostpreußen) geborene Sohn eines Gerbermeisters sein Studium, später folgten München, Antwerpen und Paris.

Corinth hat die Skizzen nachträglich mit der Feder beschriftet. Schrieb Selbstporträt neben sein Konterfei, offensichtlich dachte er schon an die Nachwelt. Die Familie hütete das Buch als „Vermächtnis der tiefen Liebe Corinths zu seinem Vater“. So schrieb jedenfalls Wilhelmine Corinth-Klopfer in ihrem Abschiedsgruß an das „Heiligtum“, als sie es 1989 an das KOG verkaufte.

Mit Kreide hielt Lovis Corinth in seinem Skizzenbuch Eindrücke des Walchensees fest.
Mit Kreide hielt Lovis Corinth in seinem Skizzenbuch Eindrücke des Walchensees fest. (Foto: KOG)

Einen herausragenden Wert besitzt auch das Walchensee-Skizzenbuch mit den Kreidezeichnungen. Die 13jährige Wilhelmine hatte es in der Schule gebastelt und ihrem Vater 1922 zu Weihnachten geschenkt. Corinth füllte den Band während der Weihnachtsferien 1922/23 mit Zeichnungen, hielt seine lesenden oder Karten spielenden Kinder fest, den Hund Moro, die Ziege Mecki oder das Pferd Strupp, nicht zu vergessen die umgebende Landschaft. Auch hier signierte er, sich ganz des eigenen Werts bewusst, wieder Blatt für Blatt. Mit Vorstudien, wie in den anderen Skizzenbüchern, hat das nichts zu tun.

Das Haus in Urfeld am Walchensee besaß die Familie seit 1919. Den Bau hatte Corinth elegant an seine Ehefrau, die Malerin Charlotte Berend-Corinth, delegiert, angeblich weil er mit Handwerkern nicht reden konnte. Die Kinder frohlockten allerdings, weil sie die schweren Malkästen bei Ausflügen nicht mehr hinter dem Vater herschleppen mussten. Denn in Urfeld malte er ausschließlich auf dem Gelände des Hauses, unentwegt und zu jeder Jahreszeit.

1924 malte Lovis Corinth den Jochberg am Walchensee.
1924 malte Lovis Corinth den Jochberg am Walchensee. (Foto: Uwe Moosburger, www.atrostudio.de)

Sein Ruf als Walchensee-Maler war 1923 bereits legendär. Angeblich konnte er gar nicht so schnell malen, wie ihm die meist vorbestellten Bilder aus der Hand gerissen wurden. Fabelhaft, wie er Landschaft und See in Farben auflöst. Noch ein Jahr vor seinem Tod hält er kraftvoll den „Jochberg am Walchensee“ fest. Ein Gemälde, das die Nazis später als entartet einstuften.

Die Nummerierung der Skizzenbücher orientiert sich übrigens nicht an ihrer Entstehungszeit, sondern gibt die Sammlungsgeschichte des KOG wieder. An zwei Medienstationen kann man ausgezeichnet in den Skizzen blättern, sich aber auch über Farbuntersuchungen oder die Provenienz der Gemälde informieren. Hilfreich war die enge Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. In deren Fotothek fanden sich Aufnahmen von verlorenen Corinth-Gemälden, zu denen wiederum in den Skizzenbüchern Vorstudien vorhanden sind.

In München kann man ebenfalls digital in den Skizzenbüchern blättern

Das Zentralinstitut nahm den 100. Todestag ebenfalls zum Anlass, eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Hier steht weniger das Werk des Künstlers im Mittelpunkt, sondern seine Rezeption. In elf thematisch gegliederten Kapiteln mit zahlreichen Texttafeln, historischen Fotos und Büchern zeichnet die Schau nach, wie Corinth seit dem frühen 20. Jahrhundert betrachtet, bewertet, gefeiert und kritisiert wurde. Heute ist fast vergessen, dass Corinth auch als Autor von kunsthistorischen Beiträgen auftrat und beispielsweise über Olaf Gulbransson oder Wilhelm Leibl schrieb. Interessant auch zu entdecken, wie verwurzelt er im 19. Jahrhundert war. Lang hielt er sich an die akademisch geprägten Gattungsvorgaben der Malerei, malte Genreszenen – davon gibt es in Regensburg einige zu sehen –genauso wie Historiengemälde mit mythologischen Motiven, Porträts oder Landschaften. Freilich rebellierte er zunehmend gegen diese Normen.

In München hat man ebenfalls die Möglichkeit, digital in den Skizzenbüchern zu blättern und sich über die oft eigenartige Bilder-Mischung auf den Seiten zu wundern. Im Skizzenbuch IV studierte Corinth gerade an der Königsberger Akademie, zeichnete 1876 brav klassisch-antike Figuren ab. Offenbar langweilten ihn die Motive. Warum sonst hätte er neben einen Diskuswerfer gleich zweimal den Kopf eines Mannes mit Bierkrug festhalten sollen.

Lovis Corinth – Bildrausch, bis 18. Januar 2026, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Dr.-Johann-Maier-Str. 5, Regensburg.

Corinth werden! Der Künstler und die Kunstgeschichte, bis 6. März, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, Katharina-von-Bora-Straße 10, München. Zu den Ausstellungen sind zwei Kataloge erschienen.

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