"Look Into The Future"-Festival in Burghausen:So klingt die Zukunft

Lesezeit: 3 min

Große Kunst: Samira Spiegel ist eine ebenso fabelhafte Pianistin wie herausragende Geigerin. (Foto: Sigrid Metz)

Zum sechsten Mal veranstalten Cornelius Claudio und Tonio Kreusch in und um Burghausen ihr Avantgarde-Festival "Look Into The Future". Stark im Fokus: Experimentelle und Neue Musik.

Von Oliver Hochkeppel, Burghausen

Im Laufe der Jahre kam viel zusammen, was der Jazzpianist Cornelius Claudio Kreusch und sein Bruder, der klassische Gitarrist Johannes Tonio Kreusch, jeder für sich, lieber aber noch gemeinsam gemacht haben. Der eine extrovertiert, designorientiert und lange in New York wohnend als Label-Betreiber, Produzent, Studiobesitzer oder Internet-Unternehmer, der andere introvertiert und philosophisch angehaucht als Initiator, Juror und Anreger der modernen Gitarrenszene wie als Lehrer. Beide sich komplementär ergänzend als interdisziplinäre Netzwerker, Konzertveranstalter und Festivalleiter.

Bei keinem ihrer Projekte kommt so viel davon zusammen wie bei ihrem von der Stadt Burghausen getragenen Festival "Look Into The Future", das jetzt vom 16. bis zum 19. Mai in die sechste Runde geht.

Vom Start 2018 an war das Ziel, aktuelle Musik- und Kunstströmungen miteinander wie mit dem Publikum ins Gespräch zu bringen. Musik verschiedenster Stile, Film, Tanz, bildende Kunst - alles findet neben- und miteinander seinen Platz im dafür wie geschaffenen Kloster Raitenhaslach sowie im Fünfzigerjahre-Kinojuwel Ankersaal am Stadtplatz.

Auch heuer beginnt das Festival mit einer Klanginstallation, erstmals im Projektraum am Rathaus. "Cut Up The Border" ist eine Bild- und Klangkomposition der Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel, basierend auf den nicht verwendeten Aufnahmen ihres - am Samstag im Ankersaal gezeigten - Films "Step Across The Border" von 1990. Für diesen hatten sie zwei Jahre lang Musiker wie Fred Frith, Tom Cora, John Zorn und Iva Bittòva durch die Welt begleitet und wie diese virtuos improvisierend gefilmt. Zusammen mit dem Sounddesigner Marc Parisotto hat Nicolas Humbert jetzt etwas Neues daraus gemacht.

Die Sounds der Installation kulminieren im Doppelkonzert zum Festivalfinale: Da spielt zum Abschluss der Gitarrist und Multiinstrumentalist Fred Frith live, in vielen Bühnenkonstellationen wie als Komponist für Ballett, Film und Theater seit Jahrzehnten eine Institution der Avantgarde. Vor ihm ist Stephan Micus zu Gast. Der Sänger, Multiinstrumentalist und Komponist, dessen Alben seit 1976 bei ECM erscheinen, ist ein reisender Pionier der Weltmusikbewegung. Immer auf der Suche nach traditionellen Musikinstrumenten der verschiedensten Weltregionen, um mit ihnen zu improvisieren.

Avantgarde vom Feinsten: Gitarrist und Multiinstrumentalist Fred Frith. (Foto: Peter Gannushkin)

Man sieht schon an diesem Bogen, dass die diesjährige Ausgabe von "Look Into The Future" stark in Richtung Experimentelle und Neue Musik geht. Was auch das Eröffnungskonzert unterstreicht: Der Pianist Steffen Schleiermacher, eine der bedeutendsten Figuren der Neuen Musik und eine Referenz für das Klavierwerk von John Cage, spielt da eines von dessen Schlüsselwerken, die zwischen 1946 und 1948 komponierten "Sonatas and Interludes" für präpariertes Klavier.

Schleiermacher ist dann am Samstag noch einmal zu sehen, als Teil des Ensembles Avantgarde mit Ralf Mielke an der Flöte und Stefan Stopora am Schlagzeug. Auf dem Programm steht bei ihnen "The New York School". Werke also von Morton Feldman, Earle Brown, Christian Wolf und John Cage, die in den Fünfzigern alle in New York an Konzepten musikalischer Grafik arbeiteten, einen intensiven Austausch pflegten und bei aller künstlerischer Individualität auch als Gruppe auftraten.

Von der alten zur neuen Avantgarde geht es am Sonntagmorgen bei einer Matinee mit Samira Spiegel. Die ebenso fabelhafte Pianistin wie herausragende Geigerin, die auf beiden Instrumenten internationale Wettbewerbe gewonnen hat, spielt Musik von Joachim F. W. Schneider, Damian Scholl, John Corigliano, Dai Fujikura und als Höhepunkt von Henrik Ajax, der für sie "Spukhafte Fernwirkung für Violine, Klavier und Loop Station" schrieb, in dem Spiegel ihre beiden Instrumente gleichzeitig erklingen lassen kann.

Zwei Publikumsattraktionen des Festivals werden fortgeführt: der Flamenco-Abend und die Stummfilm-Live-Vertonung. Am Freitag wird die gefeierte Flamenco-Tänzerin Leonor Leal mit dem Perkussionisten Agustín Jiménez das Publikum elektrisieren. Am Samstag untermalt Claus Boesser-Ferrari, einer der wichtigsten und zugänglichsten Gitarren-Experimentatoren zwischen Rock, Jazz und Theater den Science-Fiction-Film "Algol. Tragödie der Macht" von Hans Werckmeister aus dem Jahre 1920 - in dem es sehr aktuell um unerschöpfliche Energiequellen geht - mit seinem eigenen neuen Score. Hier wie bei allen Veranstaltungen finden hinterher öffentliche Künstlergespräche statt.

Look Into The Future, Donnerstag bis Sonntag, 16. bis 19. Mai, Kloster Raitenhaslach und Ankersaal Burghausen, www.lookintothefuture.burghausen.de

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusYaris, der Sohn von Peter Maffay, startet Musikkarriere
:"Ich weiß, die Vergleiche werden kommen"

Yaris Makkay wuchs auf Mallorca auf, jetzt ist er in Deutschland, um Rockstar zu werden - wie sein berühmter Vater Peter Maffay. Die ersten harten Lektionen im Business musste er schon lernen.

Von Michael Zirnstein

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: