Wie das mit den alten Römern war, das haben nicht nur antike Bildhauer, sondern nach ihnen noch ganze Generationen von Althistorikern und Lateinlehrern in Stein gemeißelt. Den Rest haben dann Asterix und Obelix erledigt, dieses Mal aber in bunt. Und rein was die Farben betrifft, so waren die Comic-Hefte wohl deutlich näher dran an der römischen Wirklichkeit als jenes marmorblasse Bild, das man sich seit dem 18. Jahrhundert im neueren Europa so von der klassischen Antike gemacht hat. Trotzdem rotiert im Rosenheimer Lokschuppen ganz am Anfang gleich mal der ewige Augustus auf einem Drehpodest, der erste Kaiser von allen, glänzend weiß und wie gehabt in aller Erhabenheit. Wenn da nicht diese Musik dazu wäre: „Always Look On The Bright Side Of Life“ aus Monty Pythons „Leben des Brian“ etwa. Oder Falcos „Junge Römer“.
Ganz am Ende wird Augustus, glänzend aus Kunststoff gefräst, noch einmal auftauchen – oder vielmehr untergehen, so wie das gesamte römische Imperium. Augustus regierte nach christlicher Rechnung rund um die Zeitenwende und liegt damit eigentlich fast mittendrin in der Ära der Römer. Hier im Lokschuppen jedoch markiert er als Symbolfigur Anfang und Ende der aktuellen Ausstellung, die mehr als 1200 Jahre umfasst und mehr als 1200 Ausstellungsstücke – von den 650 000 Legosteinen einmal abgesehen, mit denen die Besucher an einer römischen Musterstadt mitbauen können.
Hand anlegen dürfen die Besucherinnen und Besucher aber nicht nur, indem sie eines von mehr als 70 verschiedenen Lego-Modulen zusammensetzen. Auch das buchstäbliche Begreifen ist ausdrücklich gestattet und sogar erwünscht – vielleicht nicht bei kostbaren Leihgaben wie dem spätantiken Augsburger Siegesaltar, den Metallobjekten aus einem Wagengrab im heutigen Ungarn oder bei den Mumienporträts zweier junger Männer aus Ägypten. Aber sehr wohl bei den ebenfalls echten römischen Münzen, Fibeln, Keramikscherben oder Ziegeln an den entsprechenden Stationen.
Solche Funde aus römischer Zeit gibt es ohnehin massenhaft, sagt Jennifer Morscheiser. Die Leiterin des Lokschuppens hat selbst Provinzialrömische Archäologie studiert, genau wie die beiden anderen Ausstellungskuratoren Romy Heyner und Stefan Reuter. Alle drei habe sich viele Jahre lang mit den alten Römern befasst. „Aber es gibt immer noch viel mehr zu erzählen“, sagt Morscheiser. Und zwar auch noch mehr als vor mittlerweile 26 Jahren.

Im Jahr 2000 nämlich hat der Lokschuppen schon einmal eine Römer-Ausstellung gezeigt. Sie war mit 217 000 Besuchern nach einer Dino-Schau die zweiterfolgreichste in der Ausstellungs-Geschichte des Lokschuppens, die 1988 mit den Bajuwaren begonnen hat. Die aktuelle zweite Römer-Ausstellung trägt den Titel „Römer – Gesichter eines Weltreichs“ und ist von diesem Freitag an zu sehen. Um jene immerhin vier Millionen Euro hereinzuspielen, die die städtische Rosenheimer Veranstaltungsgesellschaft in die Schau gesteckt hat, soll sie am besten 250 000 Besucher anziehen und damit die erste Römer-Ausstellung noch deutlich übertreffen.
Dafür nimmt sich Lokschuppen-Chefin Morscheiser dieses Mal aber fast eineinhalb Jahre Zeit bis 1. August 2027, auch das mehr als sonst. Von 2027 an sollen die Ausstellungen im Lokschuppen wieder im gewohnten Jahres-Rhythmus aufeinanderfolgen, dann aber von Herbst zu Herbst und mit einer zweimonatigen Umbau-Pause im vergleichsweise besucherschwachen Sommer.
Insgesamt mangelt es dem Lokschuppen selten an Besuchern. Er ist so etwas wie das Was-ist-was-Buch unter den Ausstellungshäusern. Mit seinen sehr populären und auch für Lehrerinnen und Lehrer samt ihren Schulklassen attraktiven Themen ist er längst in die Top Ten der erfolgreichsten Ausstellungshäuser in Deutschland vorgestoßen. Mit den alten Römern können die Ausstellungsmacher in dieser Hinsicht vielleicht nicht viel falsch machen. Aber es wirklich noch richtiger zu machen als im Jahr 2000, ist auch keine leichte Aufgabe.

Es könnte aber gelungen sein. Denn die aktuelle Ausstellung legt recht wenig Wert auf lange Texttafeln über Kaiser und Kriege, sondern bemüht sich um eine gewisse Lebensnähe und um den Alltag in den damaligen römischen Provinzen, auch mit erfundenen, aber mutmaßlich vergleichsweise realistischen Hör-Geschichten. Zum Glück nicht ganz so nah an der Wirklichkeit ist ein digitales Wagenrennen, bei dem sich das Gespann über Zügel durch den virtuellen Circus Maximus lenken lässt.
Von Rosenheim war damals noch nicht die Rede, doch einen Steinwurf nördlich der heutigen Stadt überquerte eine römische Fernstraße über eine Brücke den Inn, die Siedlung dort hieß entsprechend „Pons Aeni“. In der Nähe gab es eine Massenfabrikation von Keramik, mörserartige Reibeschalen von dort fanden sich überall im Imperium, und zurück blieb vor allem unrunde oder falsch gebrannte Ausschuss-Ware in rauen Mengen. Geblieben ist von den alten Römern auch sonst so einiges, etwa in Sprache, Kultur, Infrastruktur und Rechtssystem. Mehr dazu lässt sich nun im Lokschuppen lernen.



