Literarischer Protest Acht Stunden für eine andere Welt

Öffentlicher Einspruch gegen den G-7-Gipfel: Die Flamenco-Gruppe "Cuentos del Sur" und Annette Paulmann von den Kammerspielen.

(Foto: Catherina Hess)

Schauspieler von Münchens großen Theatern lesen in der Fußgängerzone Texte, die Alternativen zur G-7-Politik aufzeigen

Von Wolfgang Görl

Natürlich wird es die sieben Mächtigen in Elmau nicht kümmern, was am Montagnachmittag in der Münchner Fußgängerzone geschieht. Aber darum geht es gar nicht. Hier, am Richard-Strauss-Brunnen, geht es darum, der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es Alternativen gibt zur Politik der G-7-Staaten. "Wir wollen", sagt Renate Börger vom globalisierungskritischen Netzwerk Attac, "die Zivilgesellschaft zu Wort kommen lassen, die in Elmau nicht gehört wird." Dazu hat sich Attac mit den Münchner Kammerspielen, dem Volkstheater und dem Residenztheater verbündet, deren Schauspielerinnen und Schauspieler - insgesamt sind 20 Bühnenakteure und fünf Musikgruppen in der Fußgängerzone dabei - nun acht Stunden lang Texte verlesen, die ein anderes Bild der Welt vermitteln als jenes, das in Politiker-Statements und Abschlusserklärungen vorkommt.

Da sind zum Beispiel die Worte von Luis Muchanga, einem Kleinbauern aus Mosambik, die Sandra Hüller von den Kammerspielen vorträgt. Es ist eine Klage, es ist aber auch ein Plädoyer für Veränderung: "Wir leiden wie viele andere Länder unter Landraub. Großinvestoren kaufen das Land, das vorher der Gemeinschaft gehörte. Sie produzieren darauf etwas für den Weltmarkt, gentechnisch veränderten Mais zum Beispiel, und wir Menschen vor Ort werden ihre billigen Plantagenarbeiter, verspritzen ihr Pflanzengift und haben unser wichtiges Produktionsmittel, unser eigenes Land verloren."

Etwa 20 bis 30 Leute hören zu, die einen kommen, die anderen gehen, so ist es üblich bei öffentlichen Lesungen. Sandra Hüller hat sich nicht lange bitten lassen, sie macht aus Überzeugung mit: "Es ist wichtig, dass die Leute mal etwas anderes hören, als dass Obama eine Weißwurst isst. Und die Texte zeigen ja auch Alternativen auf." Aurel Manthei vom Residenztheater sieht es ähnlich: Während die Mächtigen ihre Interessen verfolgten, habe der Rest der Welt das Nachsehen. "Ich bin froh, dass ich hier konkret etwas dagegen tun kann."

Manthei liest unter anderem die "Wege der Tomaten", eine Satire des Kabarettisten Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig. Aber was heißt da Satire? Ist es nicht schlichtweg ein Abbild der Wirklichkeit? Die EU subventioniert italienische Tomaten, die dann als Tomatenmark in Ghana verscherbelt werden, zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Folglich verliert der ghanaische Tomatenpflücker seinen Job und flieht nach Italien. "Wir halten mal fest: das italienische Tomatenmark ist jetzt in Ghana, und der ghanaische Tomatenpflücker ist jetzt in Italien. Vielleicht sind sie sich auf ihrer Reise im Mittelmeer sogar begegnet." Fortan erntet der ghanaische Tomatenpflücker italienische Tomaten für einen Hungerlohn, was die subventionierte EU-Tomate noch billiger macht. Und so geht es immer weiter im Teufelskreis.

Mal sind es kämpferische Texte, mal poetische, mal analytische - eines ist stets herauszuhören: Die Politik ist nicht alternativlos. Niemand, zitiert Schauspielerin Annette Paulmann den Soziologen Jean Ziegler, muss an Hunger sterben: "Man müsste nur die Grundpreise für Nahrungsmittel schützen und das Börsengesetz außer Kraft setzen, das die Spekulation mit Nahrung ermöglicht."