Am Hauptbahnhof von Ingolstadt kann man gut erkennen, wer zum Landesparteitag der bayerischen Linken will: Diejenigen in Lederhosen und Tracht sind es nicht. Stattdessen drängen sich im Bus Richtung Stadttheater Menschen mit bunten Haaren, Piercings und bedruckten T-Shirts: „F*CK Frontex“ steht da, oder „Tax the Rich“.
Im Bus wird sich herzlich begrüßt. Es herrscht Klassenfahrtstimmung. Die Linke in Bayern hat gerade allen Grund zur Freude: Erst kürzlich gab die Partei bekannt, dass sie ihre Mitgliederzahlen innerhalb eines Jahres verdreifacht hat – von rund 2500 Anfang 2024 auf über 9100. Nach eigenen Angaben ist die Hälfte der Neumitglieder weiblich, fast zwei Drittel seien unter 30.
Auf dieser Welle will die Linke reiten – nicht nur zu den bayerischen Kommunalwahlen im kommenden März, sondern bis zur Landtagswahl 2028. Noch nie hat es die Partei ins Maximilianeum geschafft. Selbst 2018 nicht, nach dem starken Bundestagswahlergebnis von 2017. Damals holten die Linken in Bayern mit 6,1 Prozent sogar prozentual mehr Stimmen als 2025 mit 5,7 Prozent. Warum soll es diesmal anders laufen?
Frage an einen der Hoffnungsträger der bayerischen Linken: Luke Hoß. Der 24-jährige Jura-Student aus Passau sitzt seit Februar für die Partei im Bundestag. Erfolgreich ist er besonders auf Social Media, mit klaren Botschaften wie dieser: Von seiner Abgeordnetendiät behält er nur 2500 Euro für sich. Den Rest spendet er an soziale Projekte und an seine Partei. „Politiker sollten nicht abheben“, sagt er auf dem Landesparteitag in Ingolstadt, „Ich will spüren, wenn’s teurer wird.“
Für den Erfolg seiner Partei in Bayern sei vor allem wichtig, mit den Menschen persönlich ins Gespräch zu kommen. Er sei im Sommer viel in Niederbayern und der Oberpfalz unterwegs gewesen. „In vielen Vierteln war vorher noch nie ein Politiker“, sagt er. Viele Menschen seien enttäuscht von der Politik. „Die sehen, dass die Linke es anders macht.“ Er legt sich deshalb fest: „Wir schaffen’s in den Landtag.“

Im Foyer des Stadttheaters sieht man das genauso. Eine Gruppe junger Delegierter steht in einer Ecke zusammen. Drei von ihnen sind den Linken seit Anfang 2024 beigetreten. Wegen des Rechtsrucks, als Zeichen gegen die AfD, aus Frust über die Politik der anderen Parteien. „Ich merke in der Schule, dass viele Männer nach rechts tendieren“, sagt der Jüngste.
Und was ist mit Social Media – dem „Heidi-Hype“? Der habe für sie keine Rolle gespielt. Überhaupt sei Social Media für den Erfolg der Linken nicht zentral. Stattdessen nennen sie die klassischen Linken-Themen: Mieten, Löhne, Umverteilung. Die Linke müsse eine Partei des Alltags sein, nah an den Leuten. Michael Ulbig, 27, Landessprecher der Linksjugend, sagt: „Die Leute kommen vielleicht wegen Social Media zu einem Treffen, aber sie bleiben wegen der Themen.“
Auf diese Themen zielt auch der Leitantrag, den die Linken bei diesem Landesparteitag verabschieden: für sozialen Wohnungsbau und gegen niedrige Löhne, gegen Rechtsruck und „Oligarchie“. Den Begriff verwendet die Partei als Synonym für ausbeuterische Strukturen, die aus ihrer Sicht zu mehr sozialer Ungerechtigkeit führen. Mit dem Fokus auf Wohnen könnte die Partei gerade im Hinblick auf die Kommunalwahlen punkten. In Nordrhein-Westfalen, wo die Kommunalparlamente vor wenigen Wochen gewählt wurden, war das Thema Wohnen Schlusslicht im Zufriedenheitsranking der Wähler laut einer Umfrage des WDR.

Landesparteitag:„Die Bayern-SPD muss sich von unten hochverbessern“
Die Sozialdemokraten verpassen sich mit Ronja Endres und Sebastian Roloff eine neue Doppelspitze. Auf ihrem Parteitag in Landshut ringen sie zudem um die Frage: Wie ist die SPD zu retten?
Mit Themen allein gewinnt man aber keine Wahl. Kaum jemand weiß das besser als einer, der im Maschinenraum der Partei arbeitet: Maximilian Steininger ist Geschäftsführer der bayerischen Linken. Beim Landesparteitag im März sagte er der SZ, die Partei sei in Bayern zur Zeit „mehr Dampf als Maschine“. Heute sagt er, der Dampf habe nicht abgenommen „aber die Maschine nimmt langsam Form an“. Bei der Kommunalwahl werde jeder Mensch in Bayern die Möglichkeit haben, seine Stimme für die Linke zu geben.
Das Ziel von 5000 Kandidierenden werden sie erreichen, da ist er optimistisch, obwohl der zunehmende Kulturkampf vielen Menschen Sorge bereite. Gerade denen, die sich in der Kommunalpolitik engagieren. Sie könnten laut Steininger in die Schusslinie geraten: „Man fährt halt mit dem Radl durch den Ort und nicht mit der Limousine durch Berlin.“
„Die Leute merken langsam, wie ernst das ist mit dem Rechtsruck.“
Auch die Landessprecherin und Bundestagsabgeordnete Sarah Vollath, 30, glaubt, dass der Lauf der Linken in Bayern so schnell nicht abnehmen wird. „Die Leute merken langsam, wie ernst das ist mit dem Rechtsruck.“ Viele hätten lange gedacht, die AfD werde von selbst wieder verschwinden und realisierten jetzt, dass das nicht der Fall sei. Gleichzeitig denkt Vollath, dass einige der Neumitglieder auch wieder austreten werden: „Leute treten ein und sehen dann: Ah, eine Partei! Da gibt es Bürokratie, das ist auch anstrengend.“ Das sei aber normal. Kein Vergleich zu 2017, als interne Querelen die Partei entzweiten: „Streit verscheucht die Leute.“
Ihre Aufgabe als Landessprecherin also: Den Landesverband zusammenhalten. Am Samstagabend wird Vollath wiedergewählt, gemeinsam mit Martin Bauhof als Doppelspitze. Trotz eines Vertrauensproblems, das Vollath und Bauhof gleich zu Beginn des Parteitags in ihrer Begrüßungsrede ansprechen. Beim letzten Parteitag im März sind fünf Vorstandsmitglieder zurückgetreten.
Und eine weitere, parteiinterne Konfliktlinie deutet sich an. Nach der Mittagspause müssen alle Männer während des FLINTA*-Plenums den großen Saal verlassen. Das ist ein Forum für Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinär-, Trans- und Agender-Personen. Für die Männer gibt es währenddessen einen Workshop für „Kritische Männlichkeit“. Eine Delegierte fordert mit Nachdruck dazu auf, doch bitte daran teilzunehmen, „um sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen.“ Manche Männer würden häufig lieber netzwerken, statt an dem Workshop teilzunehmen.
Bei der Generaldebatte im Anschluss an Plenum und Workshop fordert dann ein älterer Delegierter in seiner Rede, man dürfe die Wurzeln des Erfolgs nicht vergessen. Er meint die älteren Parteimitglieder. Mit der Verjüngungskur muss die bayerische Linke offenbar erstmal klarkommen.

