Haustürwahlkampf der LinkenDrei Sozialisten ziehen durch die bayerische Provinz – kann das gut gehen?

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Linken-Kandidat Martin Bauhof (links) mit zwei Begleitern unterwegs beim Haustürwahlkampf in Bruckmühl.
Linken-Kandidat Martin Bauhof (links) mit zwei Begleitern unterwegs beim Haustürwahlkampf in Bruckmühl. Thomas Balbierer
  • Die Linke will bei der Kommunalwahl am 8. März ihre 150 Mandate von 2020 verdoppeln und tritt mit 4000 Kandidaten in über 200 bayerischen Kommunen an.
  • Landeschef Martin Bauhof kandidiert für den Gemeinderat in Bruckmühl und bewirbt sich um das Amt des Rosenheimer Landrats.
  • Das Hauptwahlkampfthema der Linken sind hohe Mieten, die selbst in kleineren Orten wie Bruckmühl zum Problem geworden sind.
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Die Linke fristet im konservativen Bayern das Dasein einer Kleinstpartei.  Sie war noch nie im Landtag vertreten, hat noch nie einen Bürgermeister oder eine Landrätin gestellt. Geht es bei der Kommunalwahl aufwärts?

Von Thomas Balbierer, Brückmühl

Neulich soll sich in einer Dorfwirtschaft in Niederbayern Ungeheuerliches zugetragen haben. Da betrat also eine Frau die Stube und fragte den Wirt, ob sie zur Kommunalwahl ein paar Parteiflyer auslegen dürfte. Der Wirt dachte sich nicht viel dabei und stimmte zu, im Namen der Demokratie. Doch als er sich die Zettel genauer ansah, fiel er fast vom Glauben ab. Da wurde doch glatt für die Linke geworben! Kommunisten! Die ihm unbekannte Frau, selbst Kandidatin, soll sogar im Dorf wohnen. Sicher eine Zugezogene, vermutete der Wirt. Die Flyer durften bleiben, sie liegen nun im Gang zu den Toiletten.

Martin Bauhof schmunzelt, wenn er solche Geschichten hört. Der Landeschef der bayerischen Linken kennt diese Situationen. Als er 2023 für den Landtag kandidierte und in einer Gemeinde bei Rosenheim ein Wahlplakat anbrachte, habe ihn ein Bewohner fast schon verstört angeschaut und gefragt: „Was machst denn du da?!“

Die Linke fristet im konservativen Bayern das Dasein einer Kleinstpartei. Sie war noch nie im Landtag vertreten, hat noch nie einen Bürgermeister oder eine Landrätin gestellt. Damit liegen die Linken noch hinter der Bayernpartei. Das soll sich bei der Kommunalwahl am 8. März endlich ändern.

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Im Landkreis Rosenheim sei schon heute eine größere Offenheit spürbar als noch vor wenigen Jahren, sagt Bauhof. Der 42-Jährige mit den dicken Koteletten wohnt seit zehn Jahren auf einem Hof in der Nähe des 17 000-Einwohner-Marktes Bruckmühl. Der gebürtige Schwarzwälder kandidiert dort für den Gemeinderat und bewirbt sich zudem für das Amt des Rosenheimer Landrats. „Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass ich nicht Landrat werde“, sagt er. „Aber in den Gemeinderat wollen wir auf jeden Fall einziehen.“

An einem verregneten Mittwochnachmittag macht Bauhof deshalb mit zwei Parteifreunden und Baumwolltaschen voll Wahlflyer Haustürwahlkampf in Bruckmühl. Drei Sozialisten ziehen durch die bayerische Provinz  – kann das gut gehen?

Die erste Station ist ein Mehrfamilienhaus in der Nähe des Rathauses. Bei einer Bürgerversammlung hat Bauhof aufgeschnappt, dass es an der viel befahrenen Straße immer wieder Verkehrsprobleme gebe. Er will deshalb bei den Anwohnern fragen, wie sie die Lage erleben.

Martin Bauhof kandidiert für die Linke im Landkreis Rosenheim. Er will in den Gemeinderat von Bruckmühl einziehen.
Martin Bauhof kandidiert für die Linke im Landkreis Rosenheim. Er will in den Gemeinderat von Bruckmühl einziehen. Thomas Balbierer

Das Treppenhaus des mehrstöckigen Hauses macht einen heruntergekommenen Eindruck, Putz bröckelt von den Wänden, es riecht nach altem Zigarettenrauch. Bauhof klingelt nacheinander an den Türen. Eine Frau öffnet.

„Was ist?“

„Ich bin Martin von den Linken.“

„Ich verstehe nicht.“

Die Frau verschwindet wieder in ihrer Wohnung. Ein Stockwerk weiter oben hat der Wahlkämpfer mehr Erfolg. „Nervig, ziemlich nervig“ findet eine ältere Bewohnerin die Sache mit der Straße. Vor allem Lastwagen „brettern mit einem Affenzahn durch“, sagt sie, auch nachts sei es laut. Wenn sie das Haus verlasse und über die Straße gehen wolle, sei das „ein bisschen gefährlich“. Einen Zebrastreifen gebe es nicht. Bauhof bringt eine Tempo-30-Zone ins Spiel. Zum Abschied ruft er zur Wahl der Linken auf. „Da haben Sie bei mir offene Türen eingerannt“, sagt die Frau und lacht. „Ich wähl’ sowieso immer so.“

An der Tür gegenüber ist die Sache etwas komplizierter. Der Senior, der hier wohnt, hat einen Backenbart wie der österreichische Kaiser Franz Joseph, sein Shirt hat mehrere Löcher, aus der Wohnung dringt Tabakdunst. Auch er schimpft über die Straße vor der Tür, „macht’s mal a Radarkontrolle“. Aber viel lieber will er über die SED-Vergangenheit von Angela Merkel sprechen und raunt: „Was steht eigentlich für eine Strafe auf Beihilfe zum Mord?“ Bauhof und seine Begleiter versuchen, das Gespräch zu beenden und ihm einen Flyer in die Hand zu drücken, doch der Mann lehnt ab. Ob rechts oder links, sagt er, „das ist mir scheißegal“.

In Umfragen lag die Linke sogar in Bayern bei fünf Prozent

Das vergangene Jahr lief für die Linke ziemlich gut. Bei der Bundestagswahl holte die Partei mit der populären Spitzenkandidatin Heidi Reichinnek fast neun Prozent, sogar in Bayern sprang sie über die Fünf-Prozent-Hürde. Seitdem sitzen sieben Linken-Abgeordnete aus Bayern im Bundestag. Auch auf Landesebene wiesen Umfragen zuletzt immer wieder mal die magischen fünf Prozent aus, die den Sprung in den Landtag ermöglichen würden. Seit der Abspaltung des BSW unter Sahra Wagenknecht erlebt die Partei Mitgliederzuwächse. Die Trennung sei eine „Erleichterung“ gewesen, sagt Bauhof.

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Das BSW ist von der bayerischen Bildfläche nahezu verschwunden. Bei der Kommunalwahl wird es keine Rolle spielen. Selbst in Großstädten wie München und Regensburg ist die Partei daran gescheitert, ausreichend Unterschriften zu sammeln, um zur Wahl auch nur zugelassen zu werden.

Ganz anders klingen die Ambitionen der Linken: Landeschef Bauhof gibt das Ziel aus, die 150 Mandate, die man bei der Kommunalwahl 2020 errungen hat, diesmal zu verdoppeln. Gelingen soll das mit 4000 Kandidatinnen und Kandidaten in mehr als 200 bayerischen Kommunen. „In den großen Städten wollen wir in Fraktionsstärke einziehen“, sagt Bauhof. „In der Fläche wollen wir uns festsetzen.“

Das große Thema im Wahlkampf: die hohen Mieten

Das große Wahlkampfthema seiner Partei sind die hohen Mieten. In Städten wie München oder Ingolstadt kann man mit der Wohnungskrise natürlich punkten, aber in einem kleinen Ort wie Bruckmühl, wo die Einfamilienhaus-Quote bei 70 Prozent liegt?

Selbst hier ist die Not offenbar schon angekommen. Während Bauhof und sein Team von Tür zu Tür ziehen, hören sie von Bewohnern immer wieder, wie lange sie nach einer Mietwohnung gesucht hätten: ein Jahr, drei Jahre, fünf Jahre. Eine alleinstehende Frau berichtet, dass sie für ihre 37-Quadratmeter-Wohnung an der lauten Straße eine Miete von rund 17 Euro pro Quadratmeter zahle – was deutlich über den ortsüblichen Preisen liegt. Trotzdem habe es 50 Interessenten für die Wohnung gegeben.

Bauhof ist überzeugt, dass das Problem auch an zu vielen Leerständen liegt, die offizielle Quote im Landkreis Rosenheim beträgt 3,7 Prozent. Er fordert deshalb eine Leerstandsabgabe für Wohnungen, die länger als ein Jahr nicht vermietet werden. Zudem soll die Gemeinde Vermieter unterstützen, wenn sie nicht selbst nach neuen Mietern suchen.

Die meisten Leute reagieren an diesem Februartag offen auf Bauhof und seine Themen. Die Berührungsängste mit seiner Partei würden schnell verschwinden, „sobald mal etwas Nähe hergestellt ist“, sagt er. Aber natürlich gibt es auch in Bruckmühl Ablehnung. Als sich Bauhof bei einer Frau als Linker vorstellt, winkt sie ab und schließt prompt die Tür. Auf ihrem Fußabtreter steht: „As Leben ist eh scho schwer – und jetzt kimmst Du daher!“

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