bedeckt München 27°

Umbau in Lindau:Künftig in dreieinhalb Stunden von München nach Zürich

DEU Deutschland Lindau Bayern 04 07 2019 Das Kursschiff MS Karlsruhe bei der Einfahrt in den Ha

Der Bahnhof am Hafen der Insel Lindau, links im Bild, bedient weiter den Regionalverkehr und ergänzt den neuen Halt im Stadtteil Reutin.

(Foto: Arnulf Hettrich/imago)
  • Die Bauarbeiten für den neuen Lindauer Hauptbahnhof haben begonnen.
  • Die Stadt am Bodensee soll so ein Verkehrsknotenpunkt in Süddeutschland werden.
  • Vor allem Verbindungen nach Österreich und in die Schweiz sollen ausgebaut werden.

So ein Hubschrauber, der einen Oberleitungsmast an einem Seil hängen hat und hoch in der Luft steht, sieht schon ziemlich bemerkenswert aus. Die Bahn lässt die Welt Teil haben an den Arbeiten zur Elektrifizierung der Strecke von München nach Lindau, auf einem Baustellenblog mit Liebe zum Detail ist zu beobachten, wo, wie und was gerade an-, um- oder neu gebaut wird. Da ist so ein Spatenstich natürlich unspektakulär dagegen, aber halt trotzdem ein wichtiger Meilenstein des Projekts: Am Dienstag begann offiziell der Bau des neuen Lindauer Bahnhofs Reutin. Es ist, betont Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart (CSU), der erste Neubau eines Fernverkehrsbahnhofs im deutschen Streckennetz seit dem Berliner Hauptbahnhof im Jahr 2006. Lindau soll der Knotenpunkt der Bahn am Bodensee werden, mit wichtigen Verbindungen in die Schweiz und nach Österreich - was auch das Stadtbild nachhaltig verändern wird.

In dreieinhalb Stunden sollen Passagiere künftig von München nach Zürich fahren können, was einerseits an der Elektrifizierung und dem Ausbau der gesamten Strecke von München nach Lindau liegt. Knapp 500 Millionen Euro kosten die Arbeiten an der 155 Kilometer langen Strecke, mit neuen Unterführungen und der Erneuerung von Brücken, neuen elektronischen Stellwerken und allein im westlichen Abschnitt 1200 neuen Oberleitungsmasten. Fünf Kilometer Lärmschutzwände sind vorgesehen, 2700 Gebäude in der Nähe der Gleise erhalten Schallschutzfenster.

Verkehr in München Der Hauptbahnhof kommt weg - und entsteht neu
München

Der Hauptbahnhof kommt weg - und entsteht neu

Seit Anfang Mai ist die Schalterhalle des Münchner Bahnhofs gesperrt. Sie wird abgerissen. Warum macht die Bahn das und was baut sie dort? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.   Von Andreas Schubert

Momentan gibt es für Bahnreisende immer mal wieder Einschränkungen, künftig können auf der Strecke endlich schnelle Züge mit moderner Neigetechnik fahren. Ganz zentral für das Versprechen, die Fahrtzeiten zu verkürzen, ist aber andererseits der neue Bahnhof in Lindau: Anstatt wie bislang auf die Insel in den Kopfbahnhof hineinzufahren und dort die Richtung zu ändern, können Fernzüge künftig in Reutin auf dem Festland halten und sparen sich so "fünf bis acht Minuten", sagt Oberbürgermeister Gerhard Ecker (SPD).

Der Ausbau des alten Grenzbahnhofs Reutin, der vor allem für den Güterverkehr wichtig war, hat eine lange Geschichte. Gleich zwei Bürgerentscheide gab es, die sich mit der Frage beschäftigten, ob es zwei Bahnhöfe geben und in welcher Form die Anbindung an den alten Hauptbahnhof auf der Insel bestehen bleiben sollte, der 1853 gebaut wurde und Endpunkt der ersten Staatsbahnstrecke über Augsburg nach Nürnberg und Hof war. Nun soll der neue Bahnhof wie die gesamte Elektrifizierung bis Ende 2020 betriebsbereit sein, die Bahn rechnet mit 5000 Ein- und Aussteigern pro Tag. Der Anlaufpunkt für den Fern- und Regionalverkehr erhält vier Bahnsteigkanten. 21 Millionen Euro kostet das Projekt. Vor ein paar Jahren war man noch von 15 Millionen Euro ausgegangen, die Zusatzkosten stemmen der Freistaat und die Bahn. Lindau beteiligt sich mit etwas mehr als drei Millionen Euro.

"Städtebaulich eröffnen sich so nie dagewesene Möglichkeiten"

Der alte Bahnhof mit seinem denkmalgeschützten Empfangsgebäude direkt am Hafen bleibt bestehen, die bislang acht Gleise werden auf sechs zurückgebaut. Die Abstellanlagen westlich des Bahnhofs sowie eine Tankanlage werden nach Reutin verlagert. Der westliche Teil der Insel, der bislang durch die Gleise abgeschnitten ist, wird so besser mit der Lindauer Altstadt verbunden. Der historische Bahnhof soll weiterhin Anlaufpunkt für den Regionalverkehr sein.

"Städtebaulich eröffnen sich so nie dagewesene Möglichkeiten", sagt Oberbürgermeister Ecker. Der Bahn zufolge werden auf dem Gelände des Bahnhofs Reutin durch die neue Nutzung zwölf Hektar Fläche frei, direkt südlich des Berliner Platzes mit dem größten Einkaufszentrum der Stadt, dem Lindaupark. "Da wird ein ganz neuer Stadtteil entstehen", sagt Ecker. Ähnliches geschieht auf der Hinteren Insel, wie der Teil westlich vom Hafen am alten Bahnhof genannt wird. Fünf Hektar bestes Bauland werden frei, im Jahr 2021 findet dort erst einmal die Gartenschau statt. Um die dadurch entstandenen Grünflächen herum plant die Stadt dann in verschiedenen Quartieren neue Wohnungen und neue Geschäfte. "Westliche Lage, direkt am See: Besser geht es nicht", sagt Ecker. Die Planungen laufen, Bauarbeiten finden aber wohl erst in ein paar Jahren statt, Stück für Stück sollen die Neubaugebiete entwickelt werden. Wobei das nicht jedem gefällt: Händler und Gastronomen beschweren sich schon jetzt erbittert bei der Verwaltung, dass bereits für die Gartenschau viele Parkplätze westlich des Bahnhofs wegfallen und kein Ersatz in Sicht ist. Sie fürchten um ihr Geschäft.

Für die Lindauer sollen mit der neuen Bahnhofslösung nicht nur die Zugverbindungen nach München und Zürich besser und schneller klappen, sondern auch der Nahverkehr nach Baden-Württemberg, vor allem aber in Richtung Schweiz und Österreich. Die Südbahn am Bodensee entlang von Lindau Richtung Friedrichshafen und dann nach Ulm baut die Bahn zurzeit ebenfalls aus - es ist die älteste Bahnstrecke Baden-Württembergs. Dazu drängen vor allem die Schweizer auf eine Taktverdichtung der Regionalbahnen, in Lindau kursiert dafür der Begriff Bodensee-S-Bahn.

50 Millionen Euro haben die Schweizer bereits für die Elektrifizierung der Strecke nach München beigesteuert, unter der Bedingung, dass das Projekt bis Ende 2020 fertig ist. Alle zwei Stunden sollen die Fernverkehrszüge künftig die Strecke bedienen. In den Taktlücken gäbe es nun die Möglichkeit, die Regionalzüge regelmäßig fahren zu lassen, anstatt wie bisher in unregelmäßigen Verbindungen. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) hat das Thema laut Ecker im September auf der Tagesordnung, Bahn und Freistaat müssten Geld bereitstellen. "Ich bin zuversichtlich, dass die BEG das machen wird", sagt Ecker, der selbst im Aufsichtsrat der Eisenbahngesellschaft sitzt.

Den Bahnfreund Ecker freut es auch, dass die Lindauer der Bahn noch eine Besonderheit abgetrotzt haben: Neben dem ersten Neubau eines Fernverkehrsbahnhofs seit 13 Jahren erhält Lindau als erste Stadt überhaupt nicht die normalen Schallschutzwände, wie sie landauf, landab bekannt sind. Große Teile des Lärmschutzes sollen stattdessen oben mit Glaselementen aufgelockert werden, für eine schönere Optik und eine bessere Sicht. "Wäre ja schade sonst", sagt Oberbürgermeister Ecker. "Man will hier doch den Blick auf den See."