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Lieferschwierigkeiten bei Grippeimpfstoffen:Spritzen-Desaster

Chaos bei der Grippe-Impfung: Viele Ärzte können ihren Patienten derzeit keine Immunisierung anbieten, weil der Hersteller des Serums Lieferschwierigkeiten hat. Bayerns Mediziner befürchten mehr Krankheitsfälle - und schlimmstenfalls mehr Tote.

Kabinett befasst sich mit Vorbereitungen fuer Schweinegrippeimpfung

Es ist wohl nicht einmal genügend Serum da, um alle Risikopatienten oder das Personal in den Krankenhäusern zu impfen.

(Foto: ddp)

Bayerns Ärzte warnen vor schwerwiegenden Folgen, falls die Lieferschwierigkeiten bei Grippeimpfstoffen nicht umgehend behoben werden. Max Kaplan, der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, erklärte am Freitag vor Beginn des Landesärztetages in Augsburg, durch die Verzögerungen werde die Impfrate in diesem Jahr erheblich unter dem Schnitt der Vorjahre liegen. Selbst für chronisch kranke Kinder oder alte Menschen sei gar kein oder nicht ausreichend Impfstoff zu bekommen. "Wir werden in diesem Jahr mit mehr Influenza-Patienten rechnen müssen - und im schlimmsten Fall sogar mit Todesfällen", sagte Kaplan.

Nicht einmal für die Ärzte und Pflegekräfte in den bayerischen Krankenhäusern könne derzeit genug Impfstoff bereitgestellt werden. Man brauche nicht viel Phantasie, so betonte Kaplan, was dies für die Versorgung der Patienten bedeute, wenn es aufgrund zahlreicher Erkrankungen bei der Klinikbelegschaft zu Ausfällen komme. Hier räche sich nun, dass die Kassen mittlerweile, um Rabatte zu erhalten, allein mit jenem Hersteller ins Geschäft kommen, der das günstigste Angebot mache. Die Firma Novartis Vaccines, die in diesem Fall den Zuschlag für den Impfstoff Begripal bekommen hatte, ist aber bislang nicht in der Lage zu liefern. Der Pharmariese lehnte am Freitagabend eine Erklärung ab: Derzeit fänden erst einmal Gespräche mit den Krankenkassen statt.

Um ein Impfdesaster zu vermeiden, hatte die Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassenverbände den bayerischen Kassenärzten am 5. August erlaubt, zehn andere Impfstoffe zu ordern. Doch auch hier kommt es zu erheblichen Lieferproblemen. "Wir bekommen keinen Impfstoff", teilten mittlerweile viele Ärzte der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) mit. "Jetzt stellt sich heraus, dass auch die anderen Impfstoffe in Bayern nicht kurzfristig flächendeckend in allen Apotheken verfügbar sind", ließ die KVB wissen. Aufgrund des Rabattvertrages mit Novartis Vaccines, so die Mutmaßung, hätten andere Hersteller "ihre Produktion wohl gedrosselt".

Auch der Bayerische Hausärzteverband warnt inzwischen vor gravierenden Folgen: "Wir gehen davon aus, dass wir nicht einmal unsere Risikopatienten in ausreichendem Umfang impfen können", sagte Dieter Geis, der Vorsitzende des Verbandes. Ärztekammer-Präsident Kaplan - er ist ebenfalls Hausarzt - hat indes Zweifel, ob sich die Patienten überhaupt noch impfen lassen, wenn der Stoff denn endlich verfügbar ist. "Die Impfzeit beginnt normalerweise Anfang September. Meine alten chronisch kranken Patienten wissen das. Seit Jahren kommen die zum gleichen Zeitpunkt zu mir in die Praxis", sagte Kaplan. Aber in diesem Jahr mussten sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. "Ich gehe davon aus, dass von diesen Patienten nur noch die Hälfte wiederkommt", erklärte der Kammerpräsident. Er hoffe indes inständig, dass er kommende Woche wenigstens an die anderen Impfstoffe herankomme.

Seit Wochen bereits, so sagt Hausärztevertreter Geis, habe sein Verband "auf die jetzt eintretende Mangelsituation hingewiesen". Die Verantwortung für "dieses Desaster" gibt er der Politik und den Kassen. "Eine solche Misere darf sich in der nächsten Impfsaison nicht wiederholen", sagte er. Härter noch gehen die KVB-Vorstandsmitglieder Wolfgang Krombholz, Pedro Schmelz und Ilka Enger mit der Gesundheitspolitik ins Gericht. "Durch die Vorgaben bezüglich der Rabattverträge bei Arzneimitteln ist die richtige Verordnung für Ärzte und Patienten inzwischen zu einem Glücksspiel geworden", teilten sie mit. Im Falle der Grippeschutzimpfung gebe es hier nur Verlierer.

Bayerns Kassen weisen die Vorwürfe indes weit von sich: "Wir haben umgehend reagiert, als wir von den Lieferschwierigkeiten erfuhren, und sofort die Bestellung anderer Impfstoffe zugelassen", sagte ein Sprecher der AOK Bayern. Wenn jemandem ein Vorwurf zu machen sei, dann allein dem Unternehmen Novartis Vaccines.

Die Delegierten des Ärztetages wollen indes nicht länger zusehen. In einer Entschließung fordern sie den Gesetzgeber auf, Exklusiverträge mit einzelnen Impfstoffherstellern zu verbieten.

© SZ vom 13.10.2012/sonn

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