Lichtenfels Frankens Flechter

Lichtenfels gilt noch immer als das Zentrum der Korbmacher in Deutschland. Doch heute gehen überwiegend Rentner der nur wenig einträglichen Tätigkeit nach. Immerhin lebt der traditionelle Korbmarkt im September weiter - und es gibt sogar eine Korbstadtkönigin.

Von Olaf Przybilla, Lichtenfels

Vielleicht beginnt man die Suche nach dem deutschen Zentrum der Korbmacher nicht in Lichtenfels, dort also, wo die braunen Schilder auf der Autobahn von der "Deutschen Korbstadt" künden. Sondern ein paar Kilometer weiter östlich, in der Gemeinde Michelau in Oberfranken. Ein überschaubarer, relativ schmuckloser Ort. Aber auch die Heimat des Deutschen Korbmuseums, das sich - an einem Werktag besucht - nicht eben als Publikumsrenner präsentiert: In den insgesamt 26 Schauräumen ist sonst niemand, außer der Dame an der Kasse. Das aber von einem Stück Sozialgeschichte erzählt, wie man es, Autobahnschilder hin oder her, so nicht mehr erleben kann im Landkreis Lichtenfels.

Was man nicht unbedingt bedauern muss. Das Museum zeigt, wie an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die Korbmacherei etliche Zentren in Deutschland hatte. Dass aber das Zentrum schlechthin in den Dörfern um Lichtenfels zu finden war. 1907 waren dort 7066 Personen in 3189 Kleinstbetrieben tätig, Schätzungen zufolge verdienten in der Region sogar 15 000 Menschen zumindest einen Teil ihres Unterhalts mit der Korbmacherei. Oft freilich unter erbärmlichen Bedingungen: In einer Kammer waren bis zu sieben Personen mit der Arbeit am Korb beschäftigt, manche flochten 16 Stunden am Tag. Die Flechter nutzten das Material, das sie in den sandigen Auen des Maintals vorfanden: fränkische Weiden. Heute ein Werkstoff, den selbst die wenigen noch verbliebenen Korbmacher kaum mehr verwenden.

Carsten Baier ist einer der letzten Korbmacher, der sich diese Tätigkeit zum Beruf erkoren hat. Er fährt bislang ganz gut damit.

(Foto: Privat/oh)

Heute flechten fast nur noch Rentner

Konjunktur hatten die Korbmacher im 20. Jahrhundert noch zweimal, in der Zeit der Weltkriege: Für Granaten und andere Geschosse waren Transportkörbe gefragt. Danach ging es bergab. Wie viele Korbmacher es heute noch gibt in der Region um die "Deutsche Korbstadt", darüber geht die Ausstellung elegant hinweg. Die freundliche Frau an der Kasse, sie ist gleichzeitig wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, vermutet, es dürften "mehr als zehn" sein. Allerdings in erster Linie Rentner, die ihre filigrane Ware im Museumsshop anbieten. Zu Preisen freilich, mit denen man eine Familie kaum ernähren könnte. Mit der Importmassenware aus Fernost, vor allem aus Indonesien, können die Flechter aus Franken längst nicht mehr mithalten.

Bayernreise Das Fenster von Hof
Fernwehpark in Oberfranken

Das Fenster von Hof

Hollywood ist verdammt weit weg von Oberfranken. Oder doch nicht? Im Fernwehpark des pensionierten Bankers Klaus Beer fühlt der Besucher sich fast wie in L.A. - dank Ortsschildern aus aller Welt, Handabdrücken in Ton und einem amerikanischen Diner.   Von Heiner Effern

Und so drohte der Korbhandelsstadt Lichtenfels, in die an Wochenenden einst Tausende Korbmacher strömten, eine seltsame Situation. Zwar hat das Schild an der Autobahn durchaus noch seine Berechtigung: Es gibt einen großen Korbmarkt, am 20. und 21. September wird man in Lichtenfels von Einkaufskörben bis zu Designmöbeln wieder so ziemlich alles finden können - allerdings bei weitem nicht ausschließlich in der Region hergestellte Ware. Es gibt auch eine Korbstadtkönigin, Deutschlands einzige "Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung", ein "Innovationszentrum für Marketing, Design und Technologie" und auf dem Marktplatz den angeblich größten Geschenkkorb der Welt. Aber Korbmacher im Hauptberuf?

"Läuft erstaunlich gut"

Carsten Baier versucht es einfach. Seit etwa einem Jahr hat der 32-jährige Familienvater ein Geschäft in der Nähe des Lichtenfelser Bahnhofs eröffnet, im Schaufenster steht seine Ware, drinnen sitzt Baier und flechtet. Er stammt aus Sachsen, in Lichtenfels hat er sich zum Korbmacher ausbilden lassen, aber dass er damit mal ein Geschäft aufmachen würde, hätte er selbst für unwahrscheinlich gehalten. 20 Kollegen waren mal in seinem Ausbildungsjahrgang, beendet haben ihn zwölf und zwei davon haben heute noch etwas mit Körben zu tun. Baier selbst hat Jahre lang mit anderem Geld verdient.

Aber jetzt passt es gerade für ihn. Seine Partnerin hat einen guten Job, er kann im Geschäft flexibel auf die Kinder aufpassen und in die schwarzen Zahlen ist er im ersten Jahr auch gekommen. "Läuft erstaunlich gut", sagt Baier. Er bietet individuelle Ideen, ein Zelt aus Korb, ein Kinderbett aus Korb, beides für etwa 500 Euro, genauso wie der fein und extrem stabil gearbeitete Korbstuhl. Klar, gegen schwedische Möbelhäuser kommt er damit nicht an, in Lichtenfels aber scheinen die Leute das zu wissen und honorieren es. Ein Kollege Baiers am Marktplatz macht es genauso, auch er erzählt, dass das ziemlich gut funktioniere. Es ist, könnte man sagen, die neue Generation von Korbmachern in der Region.

Schreiben Sie der SZ

Von Hengersberg nach Hopferau, von Lohr am Main nach Tyrlaching: Die Bayernredaktion reist kreuz und quer durch den Freistaat. Wo es nach unserem Besuch in Lichtenfels hingehen soll, bestimmen die Leser. Die bisherigen Vorschläge haben uns so gut gefallen, dass wir die Serie über den Sommer hinaus fortsetzen. Ungewöhnliche Menschen, Naturschönheiten, Ausflüge in die Geschichte, all das kommt in Frage. Schreiben Sie uns, was und wen Sie für besonders halten. Per Post an Süddeutsche Zeitung, Bayernredaktion, Hultschiner Str. 8, 81677 München oder per Mail an bayernredaktion@sueddeutsche.de. Tipps, aus denen wir eine Geschichte machen, werden mit einer Flasche Wein belohnt.

SZ

Eine überschaubare Szene. Dafür eine, wie es sie in Lichtenfels noch nie gegeben hat.

Für den Tipp bedanken wir uns bei Michael Thiedmann aus Neuendettelsau.