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Lichtenberg in Bayern:1030 Meter lange Hängebrücke über das Höllental darf gebaut werden

Die angeblich "längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt" soll das Tal auf einer Länge von 1030 Metern überspannen.

Die angeblich "längste Fußgänger-Hängebrücke der Welt" soll das Tal auf einer Länge von 1030 Metern überspannen.

(Foto: Simulation: schlaich bergermann partner/Landkreis Hof)

Nach jahrelangen Debatten und heftigem Widerstand geben die Minister Glauber und Aiwanger grünes Licht für das 22 Millionen Euro teure "Vorzeigeprojekt". Die Gegner hoffen nun auf eine Klage von Naturschützern.

Von Olaf Przybilla, Lichtenberg

Kurz nachdem zwei Minister in Lichtenberg bekannt gegeben haben, dass die Brücke übers Höllental kommen soll, klingt Stefan Pfeiffer erstaunlich gefasst. Pfeiffer ist Sprecher der Initiative, die mit der angeblich "längsten Fußgänger-Hängebrücke der Welt" in einem Naturschutzgebiet in Oberfranken so gar nichts anfangen kann - und eigentlich schienen vor einigen Wochen plötzlich wieder Hoffnungsschimmer am Horizont aufgetaucht zu sein, dass das Bauwerk womöglich doch noch zu verhindern ist.

Im Juli hatte der Naturschutzbeirat der Regierung von Oberfranken, der dieser beratend zur Seite steht, das Projekt abgelehnt, weshalb nun die Staatsregierung entscheiden musste. Wie freilich deren Entscheidung ausgefallen ist, haben sich die Gegner "eh schon ausrechnen können", sagt Pfeiffer. Zwei Minister, die sich auf den Weg machen, um der lokalen Prominenz feierlich mitzuteilen, dass nun doch nichts wird aus deren Leuchtturmprojekt - "das war halt schon sehr unwahrscheinlich", sagt Pfeiffer.

Nun darf sie also gebaut werden, jene Brücke, über die Lichtenberg und der Landkreis Hof seit Jahren debattieren. Zwischenzeitlich schien das geplante Werk sogar das andere große Thema der Kleinstadt - den immer noch nicht aufgeklärten Mordfall "Peggy" - aus dem Fokus zu verdrängen. Es prallen da aber auch sehr unterschiedliche Denkrichtungen aufeinander in der Kommune an der Grenze zu Thüringen. Da sind die einen, die nur den Kopf schütteln darüber, dass in ein Tal, das für seine Ruhe und Naturschönheit bekannt ist, nun Hunderttausende gelockt werden sollen, die dann dafür sorgen, dass es mindestens mit der Ruhe zu Ende geht - und womöglich auch mit der Naturschönheit. Und da sind die anderen, die sich fragen, mit welchen Investitionen die allgegenwärtigen Infrastrukturprobleme an der früheren "Zonengrenze" denn bitte sonst in den Griff zu bekommen sein sollen - etwa mit neuen Kraftwerken, Industriehallen, Großstromleitungen? Dann doch wohl lieber eine filigrane und von der Staatsregierung subventionierte Brücke, sagen jene.

Letztere sind ausweislich zweier Bürgerentscheide - in Lichtenberg und dem benachbarten Issigau - in der Mehrheit. Und haben nun zusätzlich Auftrieb bekommen. Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) klingt am Dienstag fast ein bisschen wie die Tourismusabteilung des Landratsamtes, er schwärmt von einem "Vorzeigeprojekt für Oberfranken". Geht's nach ihm, soll die Brücke "einen unverstellten Blick auf einen grünen Ozean aus Bäumen bieten".

Die Staatsregierung jedenfalls - begleitet wird Glauber von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger - gebe "grünes Licht" für weitere Planungen. Zwar konzediert Glauber, dass so ein Projekt "in einem sehr hochwertigen Naturraum" eine besonders anspruchsvolle Planung voraussetze. Dieses aber solle durch ein "Besucherlenkungskonzept" gewährleistet werden. Schutzgebiete sollten so nicht in Mitleidenschaft gezogen und "sanfter Tourismus in Reinform" ermöglicht werden.

Und das Votum des Naturschutzbeirats bei der Regierung von Oberfranken? Immerhin hatten sich die Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen mit sechs zu drei Stimmen klar gegen ein touristisches Großprojekt inmitten eines Naturschutzgebiets ausgesprochen - offenbar der Verordnung von 1997 folgend, die festlegt, dass aufgrund der herausragenden floristisch-pflanzengeografischen Stellung des Tals "Störungen" von diesem fernzuhalten sind. Nach intensiver Prüfung komme das Umweltministerium nun aber zu einem anderen Ergebnis. Eine Ausnahmegenehmigung - also die Befreiung von den Verboten der Naturschutzgebietsverordnung - könne folglich erteilt werden.

Getan werden soll für den Naturschutz manches. So soll die längere der beiden Brücken 1030 Meter lang werden, 300 Meter mehr als ursprünglich geplant, um die Anlandungspunkte möglichst aus dem besonders sensiblen Flora-Fauna-Habitat-Gebiet zu halten. Die Fundamente sollen minimalinvasiv ausfallen, also so klein wie möglich. Und die Tragseile sollen oberhalb der Geländer verlaufen, um Kollisionen mit Zugvögeln möglichst auszuschließen.

Wird die auf 22 Millionen Euro geschätzte Brücke also gebaut? Stefan Pfeiffer hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass eine etwaige Klage eines Naturschutzverbandes das Projekt doch noch zu Fall bringen könnte. Einen "richtig schwarzen Tag" und ein "fatales Signal" nennt etwa der Bund Naturschutz die Entscheidung des Umweltministers. Und wenn das für eine Klage am Ende nicht reicht? Pfeiffer sagt, er sei vor 20 Jahren der Ruhe wegen in die Nähe des Höllentals gezogen.

Spätestens wenn Tagesausflügler auf der Suche nach dem Brücken-Superlativ der Ruhe ein Ende machen, werde er überlegen, wieder wegzuziehen. Was er besonders schade fände. Momentan erfreut sich der Frankenwald ungewöhnlichen Zuspruchs. In Zeiten von Corona sind dort nun allerlei Autos mit oberbayerischem Kennzeichen zu sehen, offenbar auf der Suche nach Ruhe. "Das hatten wir so noch nie", sagt Pfeiffer.

© SZ vom 12.08.2020/wean

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