Leiche im Chiemsee entdeckt Aufgetaucht nach 27 Jahren

1985 brach ein Schlittschuhläufer auf dem Chiemsee ein und ertrank. Fast drei Jahrzehnte lag seine Leiche am Grund - bis jetzt: Denn mittels Echo-Ortung ist der Tote nun gefunden worden. Doch im See werden noch weitere Leichen vermutet.

Von Heiner Effern

Malerisch ist der Chiemsee beim Rimsting - aber im Wasser sollen bis zu 30 Leichen liegen.

(Foto: dpa)

Es war im Februar 1985, als das Eis auf dem Chiemsee unter einem Schlittschuhläufer brach. Vor den Augen anderer Wintersportler stürzte der damals 52 Jahre alte Mann ins eiskalte Wasser zwischen Gollenshausen und der Fraueninsel und ertrank. Alle Versuche, den Leichnam zu finden, scheiterten. Bis zum 25. September 2012.

An diesem Dienstag wurde der Mann aus etwa 50 Metern Tiefe nach oben geholt. Der Einsatz innovativer Technik machte dies mehr als 27 Jahre nach seinem Tod möglich: Die Münchner Spezialfirma Tauchdienste suchte mit einem sogenannten Sidescan-Sonar das Westufer des Chiemsees ab, wo der Mann vermutet wurde. Tauchroboter der Polizei kontrollierten dann mögliche Fundorte. Die komplizierte Bergung übernahmen Minentaucher der Bundeswehr.

In den vergangenen drei Monaten konnte die Polizei auf diese Weise drei tote Menschen aus dem Chiemsee bergen. Außer dem Eisläufer eine Frau, die seit dem 7. Mai 2003 nicht mehr gesehen worden war, und den Fahrer eines Sportbootes, der seit acht Jahren vermisst war. "Man hat damals auch alles versucht, um die Personen zu finden. Aber die neuen technischen Möglichkeiten mit Sonar und einer Kamera sind sehr viel effektiver und zielgerichteter", sagt Stefan Jaworek, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Prien, zu der auch die Wasserschutzpolizei auf dem Chiemsee gehört.

Diese drei alten Fälle suchten die Polizisten gezielt heraus, um mit der Sonarmethode nach den Leichen zu fahnden: Denn bei allen drei Vermissten gab es konkrete Anhaltspunkte, wo sie im See versanken. Zum Beispiel wurden am Chiemseeufer in Prien persönliche Gegenstände, Kleidung und das Fahrrad der verschollenen Frau gefunden, die sich in einer Priener Klinik aufhielt.

Den Angehörigen der anderen etwa 30 Verstorbenen, die noch in den Tiefen des Chiemsees vermutet werden, kann Polizist Jaworek aber wenig Hoffnung machen. Es gebe "momentan nur bedingt Chancen", weitere Leichen aus dem See zu bergen. Zu vage seien die Hinweise, wo mit der Suche zu beginnen sei.

Schon mit so konkreten Anhaltspunkten wie bei dem Sportbootfahrer, der Ende Juni gefunden wurde, war die Suche extrem aufwendig. Christian Müller, Inhaber der Tauchdienste, beschrieb das Vorgehen damals so: Mehrere Tage fuhr er mit einem Boot südlich der Herreninsel zwei Quadratkilometer auf dem Chiemsee ab. Sein Sidescan-Sonar schickte Schallwellen in die Tiefe, das Echo vom unebenen Grund des Sees wurde aufgezeichnet. 1900 Objekte wurden in dem Bereich festgestellt und nach Wahrscheinlichkeit priorisiert. Nummer 18 auf der Liste war der vermisste Mann.

Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Wasserschutzpolizei und der Tauchfirma bewährte sich bereits nach dem Absturz eines Ultraleichtflugzeugs in den Chiemsee am 28. November 2008. Das Flugzeug mit zwei Männern an Bord war wochenlang spurlos verschwunden, ehe es mit dem Sonar von Tauchdienste Mitte Januar 2009 gefunden und kurz darauf geborgen wurde. So habe die erfolgreiche Zusammenarbeit begonnen, sagt Jaworek von der Priener Polizei. Die private Spezialfirma habe "technisch mehr Möglichkeiten als wir".

Seither funktioniere die Kooperation auch deshalb so gut, weil die Firma nicht nur innovativ und engagiert sei, sondern auch "eine moralische Verpflichtung" sehe, bei der Suche nach Vermissten zu helfen. Auch am Ammersee: Dort konnte Müller im Oktober 2011 einen zehn Jahre lang vermissten Segler finden.

Die Bergung von Menschen, die im Wasser verschollen sind, gilt nach wie vor als extrem schwierig. Grund dafür sind oftmals Strömungen, die Dunkelheit in der Tiefe und der unebene Grund mit vielen Pflanzen und anderen versunkenen Objekten. Für die Angehörigen sei aber auch eine späte Bergung wichtig, sagt Jaworek. Sie könnten dann erst richtig mit dem Todesfall abschließen.