Die Ausbildung der bayerischen Lehrer soll moderner werden, praktischer, attraktiver und die Studierenden besser auf ihren Job in der Schule vorbereiten. Wie das gehen könnte, erklärten die Vertreter der „Expertenkommission zur Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung in Bayern“ am Mittwoch in München. Könnte, Konjunktiv, denn dass dieses mehr als 50 Seiten starke Gutachten so auch umgesetzt wird, ist keineswegs klar.
Die Praktiker der Kommission – also Vertreter der Unis, der Lehrerverbände und Studierenden – sehen einigen Verbesserungsbedarf: „Wir müssen anerkennen, dass die jungen Leute sich nicht mehr gut vorbereitet fühlen auf den Beruf“, sagte Kommissionsleiter Martin Huber, Vizepräsident für Lehre und Studierende an der Universität Bayreuth. Um das zu ändern, bräuchte es grundlegende Veränderungen: Die Inhalte der Ausbildung gehörten nach 30, 40 Jahren auf den Prüfstand und es werde nirgendwo definiert, was Studierende in welchen Semestern können müssen und wieso ausgerechnet dann. „Das ist aber dringend notwendig“, sagte Huber. Statt der reinen Inhalte sollen zudem künftig Kompetenzen im Mittelpunkt stehen.
Alle Lehramtsstudierenden müssten lernen, wie sie Fachwissen didaktisch gut rüberbringen, Fehler der Schüler erkennen und das Feedback den Kindern so vermitteln, dass die Mädchen und Buben damit gestärkt weiterarbeiten. Offenbar kommt dies in der Ausbildung bisher zu kurz.
Für alle Lehramtsstudierenden verbindlich solle aus Sicht der Kommission der „inklusive Umgang mit Heterogenität“ vermittelt werden. Mit dieser sperrigen Formulierung wurde der Begriff der Inklusion bewusst auf alle Kinder und alle Schularten erweitert. „Das ist der Gegensatz zum selektiven Umgang mit Schülern, also prüfen, testen, raushauen“, sagte Bärbel Kopp, die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Grundschulpädagogik leitet und bis 2024 Vizepräsidentin für Education war. Lehrkräfte könnten so auf alle Mädchen und Buben vorbereitet werden, wie es an Grundschulen üblich ist, ihren Unterricht an die Schüler anpassen und sie wären nicht überfordert, wenn ein Kind mal nicht der Norm entspricht.
„Die Kollegen sollen Vielfalt als Chance sehen und nicht als Bedrohung“, sagte auch Hans Lohmüller, früherer Chef des Verbands Sonderpädagogik Bayern. Würde diese inklusive Idee zur Pflicht, bekämen angehende Lehrer diagnostisches Werkzeug zur Hand.
Außerdem soll das Studium praktischer werden, ein Wunsch, der von Studierenden oft geäußert wird. Dabei geht es laut Kommissionschef Huber aber nicht darum, mehr Praxis im Studium einzubauen, sondern die vorhandenen Praxisphasen effizienter zu gestalten und die Studierenden dabei zu begleiten. Mehr Effizienz könnte auch das Verweben der universitären mit der praktischen Ausbildung an den Schulen bringen.

Bildungspolitik:Wenn Studierende frühzeitig das Lehren lernen
Das Schulwerk der Diözese Augsburg bietet Studierenden eine Art duales Studium an, das Theorie mit Praxis an den Schulen verbindet. Die angehenden Lehrer sind begeistert. Und die kirchlichen Privatschulen hoffen, dass ihnen der Nachwuchs bleibt in Zeiten des massiven Lehrermangels.
Umstrittener dürfte der Vorschlag sein, dass alle Lehramtsstudierenden gleich lang an den Unis lernen. Wer Gymnasiallehrkraft oder Sonderpädagoge werden möchte, studiert mindestens neun Semester, alle anderen mindestens sieben. Zudem könnte die praktische Ausbildung an Grund-, Mittel- und Förderschulen künftig auch über Seminarschulen laufen. Bisher ist das nur an Realschulen und Gymnasien üblich. Diese Angleichung würde historische Unterschiede nivellieren, besonders zwischen Gymnasien und Realschulen sowie den einstigen Volksschulen. Dementsprechend sprach Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) von einem „historisch wichtigen Zeichen“ für die „Gleichwertigkeit, die nicht nur in der Besoldung, sondern auch in der Bildung gelebt“ werde.
Aber das kostet Geld und der bayerische Haushalt stand schon mal besser da. Folglich betrieben Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) und Kultusministerin Anna Stolz (FW) Erwartungsmanagement: Was aus diesen 50 Seiten Ideen der Expertenkommission umgesetzt wird, entscheide die Staatsregierung, sagte Blume. Das Gutachten sei keine „Blaupause“. Der Masterplan der Regierung solle dann im Frühjahr 2026 vorgestellt werden, ergänzte Stolz. Welche Inhalte des Gutachtens wann und ob überhaupt umgesetzt werden, ist folglich abzuwarten.
Das klingt weniger ambitioniert als ursprünglich angekündigt: Im Herbst 2022 hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bei einer Lehrerverbandssitzung in Nürnberg über ein Studium gesprochen, so flexibel, dass die Absolventen an jeder Schule anfangen könnten, egal ob Mittelschule, Realschule, Gymnasium. „Das wird ein großes Rad, an dem wir drehen“, sagte er damals.
Seine eigens eingesetzte Kommission sollte keine Denkverbote haben. Der Realitätscheck aber ließ nicht lange auf sich warten. Die „roten Linien“ seien von Anfang an klar gewesen, hört man aus der Kommission. Das Staatsexamen musste bleiben und das Studium getrennt nach Schularten auch.
„Die Flexibilität ist gar nicht das Problem“, sagte der Kommissionsvorsitzende Huber dazu, wichtiger war es, den Beruf wieder für junge Menschen attraktiv zu machen. Bei diesem Ziel waren sich Staatsregierung und Kommission dann wieder einig: Lehrkräfte sollen sich im Berufsalltag „stark fühlen, resilient sein. Das ist der beste Schutz“, sagte Kultusministerin Stolz. Wer sich kompetent fühle, habe Freude am Job und das steigere die Attraktivität des Lehrerberufs insgesamt.
Schon bevor die Experten ihre Ideen der Öffentlichkeit präsentieren konnten, betonte Stolz die Aufgeschlossenheit der Staatsregierung für diese Ideen. Man gebe sogar eine „gemeinsame Pressekonferenz“, sagte Stolz. Es sei ein guter Anfang gemacht, nun übernehme die Staatsregierung und gieße die Ideen in einen „Masterplan“. Die Botschaft war klar: Alle wollen eine bessere Ausbildung, die angehende Lehrer für die neuen Herausforderungen an den Schulen rüsten soll, damit der Beruf wieder attraktiver wird.
Zwar studieren 35 000 Männer und Frauen derzeit ein Lehramt, aber zu viele kommen nie an den Schulen an, weil sie im Studium oder später im Referendariat abbrechen. Und das ist ein großes Problem. Schließlich ist die größte Herausforderung für Bayerns Schulen der Lehrermangel.
Blume dämpfte allerdings gleich die Erwartungen: „Wir haben uns hier ans Werk gemacht, nicht um Revolution zu veranstalten, das ist auch nach meinem Dafürhalten nicht notwendig.“ Es werde eine „Evolution statt einer Revolution“ in der Lehramtsausbildung. Er setze auf „neue Impulse und den Rat der Experten“. Aber vieles laufe gut in Bayern und meist deutlich besser als in anderen Bundesländern.
Nachdem schon die Arbeit der Kommission weitaus länger gedauert hatte als avisiert und das Gutachten seit Weihnachten 2024 bei der Staatsregierung lag, scheinen zumindest die Experten nicht länger warten zu wollen: Noch während die Staatsregierung über ihrem Masterplan brüte, könnten schon Ideen in Modellversuchen getestet werden, sagte der Bayreuther Vizepräsident für Lehre und Kommissionschef Huber und warb gleich mal für eine Umsetzung des Gutachtens in zwei Geschwindigkeiten. „Es gibt Universitäten, die in den Startlöchern stehen.“

