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Leerstand in der Ortsmitte:Wenn vier Tage lang plötzlich alle Geschäfte weg sind

Ortsmitte von Perlesreut in Niederbayern

Gefährliche Spirale: Jeder leere Laden bedeutet für Kunden einen Grund weniger, den Ortskern zu besuchen.

(Foto: Dominik Kalus)

Vernagelte Schaufenster und verfallene Häuser dominieren das Zentrum von Perlesreut. Politiker und Geschäftsleute greifen im Kampf gegen die Verödung zu teils drastischen Mitteln - mit Erfolg.

Bunte Stoffrollen leuchten aus den Holzregalen, ein stimmungsvolles Waldbild ziert die Wand, am Eingang steht ein modernes Ikea-Sofa. Nur die bräunlichen Fliesen am Boden und die langen Neonröhren an der Decke erinnern daran, dass der Raum einst eine Filiale der insolventen Drogeriekette Schlecker war. Vor einem knappen Monat eröffneten Veronika Öttl und Marina Pretzl den Stoffladen, davor war die Fläche mitten im Ortskern von Perlesreut gut vier Jahre leer gestanden. "Alle sind froh, dass hier wer reingegangen ist", sagt Öttl. Die 28-Jährige hat wie ihre langjährige Freundin Pretzl keine betriebswirtschaftliche Erfahrung; für ihren Laden hatten sie sich beraten lassen und eine Unternehmerschule besucht. "Wir müssen schauen, wie es läuft", sagt sie.

So spektakulär sich die Zufahrtsstraße nach Perlesreut über bewaldete Bayerwaldhügel schlängelt, so gewöhnlich sind die Probleme der knapp 3000-Einwohner-Gemeinde im Ilzer Land: Außerhalb lockt ein Penny mit niedrigen Preisen und Parkplätzen, im Ort müssen Bäcker und Metzger um Kunden bangen - der Einzelhandel sowieso. Es droht eine Abwärtsspirale: Jeder leere Laden bedeutet für Kunden einen Grund weniger, den Ortskern zu besuchen. Die Folge wären noch mehr leere Geschäfte. Doch so weit will es die Gemeinde nicht kommen lassen.

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"Man muss rechtzeitig etwas tun", sagt Manfred Niggl, stellvertretender Bürgermeister von Perlesreut. "Wenn der Leerstand einmal da ist, dann ist es zu spät." Der Gemeinderat ist sich einig, keine weiteren Discounter zuzulassen. "Den Schaden könnten wir nicht mehr rückgängig machen", sagt Niggl. Zwei- bis dreimal im Jahr würden Investoren anklopfen.

Doch hauptverantwortlich für den finanziellen Druck auf den Einzelhandel ist laut Niggl die Billig-Mentalität der Leute - und deren Bequemlichkeit. "Den meisten ist gar nicht bewusst, was sie mit ihrem Einkaufsverhalten auslösen", sagt er. Niggl ist auch Vorsitzender der Perlesreuter Werbegemeinschaft, eine Vereinigung aus mehr als 80 Gewerben im Ort und in der Umgebung. Seit Jahren ruft der Verein die Perlesreuter dazu auf, im Ort einzukaufen. Niggl zeigt ein Informationsblatt seines Vereins. Darauf steht ein Satz von Sigmar Gabriel: "Verwahrloste Städte und Gemeinden verursachen verwahrloste Köpfe und Seelen."

Der Text warnt: Wenn Geschäfte zumachen, fehle den Gemeinden das Geld für soziale und kulturelle Angebote, was wiederum Wegzug und noch mehr Leerstand nach sich ziehe. "Die Leute denken, wenn der Metzger zumacht, dann kommt halt ein anderer", sagt er. "Aber wenn an einem Standort jemand aufgegeben hat, bekommen wir keinen neuen mehr rein."

Manfred Niggl ist stellvertretender Bürgermeister in Perlesreut.

(Foto: Dominik Kalus)

Spaziergang mit Niggl durch den Ortskern. Der 63-Jährige könnte mit seinem Sidecut-Haarschnitt und der modischen Sportjacke als zwanzig Jahre jünger durchgehen. Munter führt er am Kirchturm vorbei durch die Hauptstraße, die vor wenigen Jahren neu gepflastert wurde. "Man braucht im Ort eine Wohlfühlatmosphäre", sagt er. Für drei Millionen Euro habe die Gemeinde den Ortskern saniert, dazu mehr Parkplätze geschaffen. Er zeigt auf ein renoviertes Bauernhaus an der Hauptstraße: "Das stand jahrelang verfallen mitten im Stadtkern." Die Gemeinde hat das Haus schließlich gekauft und saniert, heute befinden sich darin sechs Wohnungen, Tagungsräume und eine Bücherei. "Das wäre früher undenkbar gewesen, dass eine Gemeinde selbst Häuser kauft", sagt Niggl.

Ohne Geld vom Bund wären derlei Projekte nicht zu stemmen. 80 Prozent der Kosten trägt der Staat, der bundesweit Maßnahmen gegen die Verödung auf dem Land fördert. Demnächst soll ein weiteres verfallenes Haus einer Tiefgarage und einem Museum weichen. "Wir brauchen keine neuen Neubauten draußen, wenn uns im Ort die Häuser zerfallen", sagt Niggl. Die Gemeinde wolle vor allem attraktiv für junge Leute sein. Die örtliche Kinderbetreuung hat 360 Tage im Jahr bis 20 Uhr geöffnet, schon mit sechs Wochen können Säuglinge in die Krippe. "Die Kommunen müssen ihre Hausaufgaben machen, für die Infrastruktur sorgen", sagt Niggl. "Potenzielle Neubürger stellen Fragen. Wenn du denen sagen musst, wir haben keinen Arzt mehr, keine Schule, dann hast du schlechte Karten."