Lebensgeschichten Ein Fluss wie ein Franke

Die Pegnitz, von Einheimischen auch Bengerdz, Bengeds oder Bengatz genannt, ist ein markantes, vielseitiges und stellenweise eigenwilliges Gewässer. Das hat es mit seinen Anwohnern gemein, wie ein opulenter Bildband zeigt

Von Olaf Przybilla

Den Franken wird ja bisweilen ein spröder Charme nachgesagt, und auf der Suche nach Belegen könnten Stammesforscher beim fränkischen Dichter Walter Tausendpfund fündig werden. Der sagt: "Die Pegnitz ist ganz schön blöd", und wer daraus ableitet, dass Tausendpfund - übrigens nicht Träger eines Künstlernamens - zum markantesten Fluss der Mittelfranken ein eher reserviertes Verhältnis pflegt, der hat die Franken nicht verstanden. Wenn die sagen: Der Club ist ein Depp - gilt das als subtilste Form der Liebesbekundung. Nun hat sich einigermaßen herumgesprochen, warum der Club für Freunde der Selbstironie hohes Sympathiepotenzial birgt. Aber die Pegnitz?

Tausendpfund erklärt das so: Würde die am schmalen Gebirge bei Hohenstadt nicht mit Vollschwung "scharf rechts" abbiegen, so könnte sie sich "die ganze Plackerei" ersparen. Der Fluss trage da gleichsam Wasser in die Pegnitz, gehe offenbar bewusst den beschwerlichen Weg, warum auch immer. Der Fluss also als anarchischer Zeitgenosse, noch dazu als einer, der von den Menschen am Fluss ständig anders benannt wird: mal als "Bengerdz", aber auch "Bengeds" und "Bengatz", um nur die Gängigsten zu nennen. Angesichts solch hoher Diversität erklärt sich das hohe Fehlerpotenzial für Ortsfremde, wobei da noch nicht eingerechnet ist, dass sich die Pegnitz hinter Fürth mit der Rednitz zusammentut, um gemeinsam als Regnitz gen Bamberg aufzubrechen. Ein Fluss, könnte man folgern, als Sinnbild der Franken - als komplexes Phänomen, dem man ohne Lexikon mitunter nicht beikommt.

Umso erfreulicher, dass man sich mithilfe eines Kompendiums diesem Fließgewässer annähern kann. Und das nicht in bieder-enzyklopädischer, sondern einer den Menschen am Fluss zugewandten Form. Der Autor Andreas Hessenauer und der Fotograf Chandra Moennsad haben 22 Geschichten von Menschen an der Pegnitz eingefangen und dabei abgebildet, wie vielgestaltig diese Flussregion sein kann. Da tritt ein Tauchlehrer auf, der natürlich weiß, dass man die Pegnitz für ein trübes Gewässer halten mag; der aber immer mehr Begeisterte findet, die das Zwielicht unter Wasser fasziniert und die gelegentlich eine von der Wehrmacht versenkte Panzerfaust auf dem Grund sicherstellen. Abschließend trifft man sich zur "Aftertauch-Party" mit ortsüblichem Erfrischungsgetränk, das in der Pegnitz gekühlt wurde, gerne auch im November.

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Kilometer lang ist die Fichtenohe, der linke Zufluss der Pegnitz. Strittig ist, ob die Fichtenohe nicht zur Pegnitz hinzugerechnet werden muss. Mehrheitsmeinung derzeit: Nein, das ist ein Zufluss.

Da gibt es den Gondoliere, der daran erinnert, dass sich schon die Baumeister der einbogigen Fleischbrücke in Nürnberg von der Rialtobrücke in Venedig inspirieren ließen (und der auch gerne in Bamberg in den Fluss sticht, auf der - Achtung - Regnitz). Da erzählen zwei ehemalige Bewohner von Fischstein und Oberbrand, wie das war, bevor ihre Dörfer abgetragen wurden, weil ein kommunaler Wasserversorger Trinkwasser fürs wachsende Nürnberg benötigte. Dort, in Nürnberg, erzählen zwei Studentinnen, wie man sich das Leben in einem der angesagtesten Studentenwohnheime der Republik, im mittelalterlichen Weinstadel, vorzustellen hat. Sie wohnen im Wasserturm mit Blick auf die Maxbrücke, eines der beliebtesten Fotomotive der Stadt. Und ein Mann erzählt vom Leben unter einer Brücke, zu der im Sommer - beim "Brückenfestival" - eine fünfstellige Zahl von Besuchern strömt.

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Kilometer lang ist die Pegnitz von der Stadt Pegnitz in Oberfranken bis nach Fürth in Mittelfranken. Der Fluss wurde historisch immer viel genutzt: Die Gleißmühle von 1390 galt als erste Papiermühle nördlich der Alpen.

Andreas Hessenauer, Menschen am Fluss. Fahner Verlag, Lauf an der Pegnitz 2017