Leben und Leiden eines "Bankerts" Wenn der Herr Pfarrer eine Tochter hat

"Dornenvögel" auf bayerisch: Veronika Egger wuchs in Oberbayern als heimliches Kind eines katholischen Priesters auf - und litt unter dem ewigen Versteckspielen. Mit 13 fielen ihr die Haare aus.

Von Sarah Stricker

Die Lüge ist erblich. Veronika bekommt sie von ihrer Mutter vermacht, da ist sie gerade in der ersten Klasse, im Jahr 1984. Neben der Tafel hängt ein Jesus am Kreuz. Die Religionslehrerin erklärt, warum in der Kirche immer eine Kerze brennt und wie der Leib Christi in diese kleine Back-Oblate passt. Veronika reckt den Finger in die Luft und verkündet mit dem Stolz einer Siebenjährigen, dass sie das schon alles weiß. Weil ihr Papa Priester ist.

Prompt wird die Mutter zum Direktor zitiert: Schlimm genug, dass sie einen Diener des Herrn verführt habe. Aber man müsse ja nicht auch noch darüber sprechen. Veronika versteht nicht wirklich, warum sie plötzlich nicht mehr über den Vater reden darf. Was sie aber spürt, ist, dass da etwas Schlimmes in ihr steckt, etwas, wofür man sich schämen muss.

Also beginnt sie, Ausreden über ihren Vater zu erfinden, schottet sich immer weiter ab, aus Angst, sich zu verplappern. Dabei ist das erzwungene Versteckspiel eine Farce. Ein-, zweimal die Woche parkt der blaue Fiat des Priesters vor dem Holzhäuschen am Waldrand, in dem Veronika mit ihrer Mutter lebt. In dem 30-Seelen-Weiler in Oberbayern gibt es keine Geheimnisse.

Nicht an die große Glocke

Als Veronikas Mutter 1978 das Pfarrerskind zur Welt bringt, wird sie ins Münchner Ordinariat zitiert. Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger, erinnert sie sich, habe ihr durch seinen Generalvikar ausrichten lassen, sie trage als Frau die alleinige Schuld. Es sei das Beste, den Kontakt zum Kindsvater abzubrechen. Um ihr diesen Schritt zu erleichtern, werde der Sünder vorerst versetzt. Wenn sie seine Karriere nicht völlig zerstören wolle, rate er ihr, die Geschichte nicht an die große Glocke zu hängen.

Die Urteile, die der Klerus verhängt, lasten nicht nur auf seinen Hirten. "Du hast uns den Pfarrer weggenommen", bekommt die Mutter zu hören. Veronikas Vater ist überaus beliebt, bis heute laden ihn seine ehemaligen Schäfchen zu Hochzeiten oder Taufen ein. Dass er es war, der sein Gelübde gebrochen hat, kreidet ihm niemand an. Schuld sind Frau und Kind.

Unablässig kratzt das "Pfarrerbankert", wie man in Bayern sagt - frei übersetzt: Bastard -, am blank polierten Weltbild der Katholiken. Auch im Trachtenverein ist Veronika unerwünscht. Ihr Haar sei zu kurz. Hier in Oberbayern zählt die Meinung der Kirche noch was.

Der Priester, der für die Liebe seines Lebens das Keuschheitsgelübde bricht - das klingt nach dem legendären TV-Vierteiler "Dornenvögel", romantisch und ein wenig verrucht. Dabei verstößt mindestens die Hälfte der Geistlichen gegen den Zölibat, behauptet Ernst Sillmann, Vorsitzender der Vereinigung verheirateter Priester und ihrer Frauen. Bei vielen sei es gerade der Reiz des Verbotenen, der die Gefühle befeuert.

Urlaub in Rom

Irgendwann aber ist es nur noch ein langes Elend. Wenn die Mutter nachts weint, ist es die Tochter, die sie in den Arm nimmt. Nur in den Ferien darf Veronika Kind sein. Ausgerechnet in Rom spielen die drei heile Welt. Wie eine richtige Familie schlendern sie über die Piazza Maria Maggiore, die kleine Hand liegt in der des Vaters, die Mutter liest aus dem Reiseführer, während die Neunjährige den Tauben Brotkrumen zuwirft.

Doch die Lüge spürt Veronika auf. Plötzlich reißt der Vater seine Finger weg. Von einem Moment auf den anderen ist er verschwunden. Veronika ist zu jung, um die deutschen Autos zu bemerken, die das gleiche Kennzeichen tragen wie der Wagen des Vaters. Aber ihre Mutter kämpft mit den Tränen. Als der Vater nach einer Viertelstunde gut gelaunt wieder auftaucht, behauptet er, sie im Gewühl verloren zu haben.

Bei seinen Besuchen am Waldrand erwartet er strahlende Gesichter und volle Aufmerksamkeit. Er ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. "Weihwasserfrösche" nennt Veronika die Damen, die ihn von der ersten Kirchenbank aus anhimmeln. Die Leiden der Tochter, die alle paar Wochen krank ist, Kopfweh, Rückenschmerzen, Virus-Infektionen, haben unter dem priesterlichen Heiligenschein keinen Platz. Auch nicht, als Veronika alle Haare ausfallen. Da ist sie 13.

Zuerst kleben nur einige dunkelbraune Strähnen am Kopfkissen, dann verliert sie büschelweise Haar. "So was ist oft psychosomatisch", murmelt der Arzt und betastet ihren Schädel. Nur in der Stirn kräuseln sich noch einige flaumige Härchen. "Gibt es etwas, was Sie bedrückt?" Veronika presst die Lippen aufeinander und drückt die Perücke auf die Glatze. Versteckt sich, schon wieder.

Sie weiß nicht mehr, ob die Mitschüler sie meiden, weil sie von ihrer Unnahbarkeit abgeschreckt werden oder weil ihr ihre Geschichte aufs Gymnasium in der Kleinstadt gefolgt ist. Manche Lehrer kennen ihren Vater, der selbst an ihrer Schule unterrichtete. Spitze Bemerkungen, schräge Blicke. Kommt das Gefühl, unerwünscht zu sein, von außen oder aus ihr selbst? Sie weiß es nicht.

In der 12. Klasse wird es unerträglich. Veronika schwänzt die Schule, liegt tagelang im Bett. Als ihre Mutter beim Aufräumen ein verzweifeltes Gedicht findet, fürchtet sie, Veronika könne sich etwas antun. Während sie im Sekretariat wartet, um ihre Tochter von der Schule abzumelden, winkt sie der stellvertretende Direktor in sein Büro. "Ich sag's Ihnen ganz ehrlich", wirft er ihr an den Kopf, "wir wollen hier keine wie die Veronika."

Ein halbes Jahr lang schlägt "die Veronika" Stunde für Stunde tot. Dann rappelt sie sich auf und beginnt eine Ausbildung als Kinderpflegerin. Und diesmal hat sie die Heimlichkeiten satt. Sie stellt sich vor die Leiterin der Berufsfachschule und sagt ihr klipp und klar: "Mein Vater ist katholischer Pfarrer, wenn Sie das stört, sagen Sie's lieber gleich." Die Schulleiterin bewundert ihren Mut. Veronika beginnt, offen über ihre Herkunft zu sprechen. Übers Internet sucht sie Menschen mit dem gleichen Schicksal. Und wird fündig. Wieder. Und wieder.

Selbst die Kirche kann die heimlichen Kinder nicht mehr totschweigen. Allein in Veronikas Diözese gesteht man widerwillig 10 bis 15 Fälle ein. Bundesweite Statistiken existieren nicht. "Verschwindend gering" sei die Zahl der Pfarrerskinder, wiegelt Winfried Röhmel, Sprecher des Erzbistums München-Freising, ab.

Heute lebt Veronika Egger in einem kleinen Ort im Bayerischen Wald, wo sie als Waldführerin jobbt. Ihr Haar ist nachgewachsen, sie hat das Abitur nachgeholt, ein Lehramtsstudium begonnen. Das Häuschen am Berghang, in dem sie seit fünf Jahren lebt, hatte ihr Vater einst mit dem Versprechen gekauft, dass sie dort irgendwann zusammen leben würden. Wenn er pensioniert wäre, vielleicht.

Offenes Geheimnis

Sie verurteilt ihren Vater nicht für sein Doppelleben. "Ich habe mich mit der Situation abgefunden", sagt Veronika, ohne dabei resigniert zu klingen. "Er schaut, dass es uns gut geht." Noch immer kommt er regelmäßig auf Besuch zu seiner heimlichen Familie.

Er selbst will über sein gespaltenes Leben am liebsten gar nicht reden. Nur soviel: Er ist immer noch katholischer Pfarrer, irgendwo in Oberbayern. Zu seiner Familie darf er sich deshalb nicht offen bekennen. Aber viele wüssten ohnehin, dass er eine Tochter habe, sagt er. Und viele Menschen hätten es auch gut gefunden, dass er sich nie von Frau und Kind losgesagt habe. Er arbeitet weiter als katholischer Seelsorger. Denn er habe zwar an der Kirche gezweifelt, aber nie an seinem Glauben.