Leben auf der Alm:Ein gebrochener Knöchel

Früher war auf jeder Alm jemand, und wir konnten uns besuchen",sagt die alte Sennerin. "Jetzt sind die meisten Hütten verlassen, eine Schande!" Gestern hat ihr die Nachbarin von der Karrer-Alm einen Schweinsbraten vorbeigebracht, aber das ist die Ausnahme. "Die jungen, neuen Senner bleiben hier nur kurz, vielleicht zwei Jahre, manche halten es schon nach drei Wochen nicht mehr aus", erzählt sie. "Die wollen immer schauen, was unten los ist, aber so funktioniert das Leben auf der Alm halt ned." Die Waller Anni hat nun seit elf Jahren auch keine Kühe mehr: "Unten auf dem Hof ist kein Mann mehr, darum haben wir es aufgegeben."

Leben auf der Alm: Jedes Jahr hofft Anni Wallner auf einen langen Sommer. Dass es auf 1326 Metern weder warmes Wasser noch Strom gibt, stört sie nicht.

Jedes Jahr hofft Anni Wallner auf einen langen Sommer. Dass es auf 1326 Metern weder warmes Wasser noch Strom gibt, stört sie nicht.

Trotzdem zieht es sie sommers weiter hoch: "Es ist halt Gewohnheit, und hier ist es schön." Inzwischen wird die alte Dame mit einem Allradwagen gefahren, das Nötigste für drei, vier Monate im Laderaum. Mehl, Zucker und ein paar hundert Eier etwa, die die Waller Anni im leeren Kuhstall in Plastikkübeln aufbewahrt. "Ich lege die Eier in gelöschten Kalk und gieße Wasser darauf, sie halten so ein ganzes Jahr." Hühner hier oben zu haben, wäre ein kurzes Vergnügen, denn da käme ja der Fuchs. Neulich erst, als wieder das Abendrot so schön über dem Großvenediger-Massiv stand, schaute er zur Tür hinein. "Am nächsten Tag kam er wieder und zeigte mir seine drei Jungen, die haben ausgeschaut wie dicke Katzen", freut sich die Sennerin.

Einmal war die Waller Anni auch verheiratet, gut 50 Jahre alt muss sie gewesen sei, als sie dem Waller Hans aus Schönau das Ja-Wort gab. "Er war Harfenspieler und Sänger, am Wochenende ist er zu mir hochgekommen und hat mit dem Wirt vom nahen Brünnsteinhaus gesungen", erzählt sie. Von ihm hat sie eine kleine Rente und die Wohnung geerbt, in der sie nun im Winter lebt.

Seit 17 Jahren ist der Herr Waller tot. Viel mag die Sennerin nicht erzählen von ihm, außer dass sie auch während ihrer Ehe immer auf der Alm war. Ein Foto von ihm hängt nirgendwo in der penibel aufgeräumten Hütte mit den handgehackten Türstöcken. Nur zwei ihrer Brüder schauen aus Rahmen an den von offenem Feuer geschwärzten Holzwänden heraus. "Mei, des waren lustige Kerle", sagt sie.

Im vergangenen Sommer ist der alten Frau ein Unglück passiert. Sie rutschte vor der Hütte aus. "Dick hab ich Topfen über den Knöchel geschlagen und Arnika draufgewickelt, aber es wurde nicht besser." Drei Wochen lang ging das so, bis einmal die Nichte vorbeischaute, die Ärztin ist. Der Knöchel war gebrochen. Die Waller Anni musste zum Arzt ins Tal und konnte ihre Rückkehr auf die Alm kaum erwarten. Die Nichte gab ihr auch ein Handy, das die Sennerin tatsächlich manchmal anschaltet.

Um den 25. Juli herum wird sie jedes Jahr ein wenig melancholisch. "Dann ist Halbzeit, Jacobi, und die Tage werden kürzer." Sie denkt dann kurz darüber nach, ob sie wohl im kommenden Sommer wieder hier oben sein wird, und verscheucht den Gedanken gleich wieder. "Ich setze mich dann auf die Bank, hole mein Fernglas und schaue hinüber zum Wilden Kaiser. Da ist ja immer ganz schön viel los."

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