Ein falscher Schritt an der falschen Stelle – und aus einer Tour in den winterlich verschneiten Bergen wird ein Notfall, teils mit tödlichem Ausgang: Wenn sich Schneemassen lösen und zu Tal donnern, gibt es kaum ein Entkommen. Lawinen drohen abseits gesicherter Pisten, aber auch auf Wegen und manchmal sogar in bewohnten Gegenden.
Lawinenwarndienste schätzen europaweit Tag für Tag ein, wo Gefahren lauern – und wo ein Ausflug zum Risiko werden könnte. Trotzdem kommen laut Experten in den Alpen jährlich rund 100 Menschen in Lawinen um. Vor gut einer Woche gab es in Österreich allein an einem einzigen Tag drei Unglücke mit acht Toten.

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Mit einer Schneesäge schneidet Thomas Feistl einen Block aus dem Schnee. Die obere Schicht ist sichtbar abgesetzt. Sie könnte rutschen. Es schneit, 80 Zentimeter hoch liegt der Schnee. Der Hang ist steil, mehr als 30 Grad – und damit grundsätzlich lawinengefährdet. Trotzdem kommt der Leiter der Lawinenwarnzentrale Bayern bei diesem Schneeprofil zu dem Schluss: Heute herrscht an dieser Stelle an der Skipiste unterhalb der Alpspitze bei Garmisch-Partenkirchen keine Gefahr.
Trotz der Schneefälle hat auch die örtliche Lawinenkommission an diesem Tag nicht zur Lawinensprengung geraten. Wird das nötig, bringt eine Sprengbahn die Ladung an gefährdete Stellen oberhalb der Piste, dort wird sie gezündet – das Skigebiet ist dabei gesperrt. Mit der Maßnahme sorgt die Bayerische Zugspitzbahn für Sicherheit für die Skifahrer auf den Pisten. Abseits ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Zwischenbilanz der Skigebiete:Volle Pisten trotz Preisanstiegs
Künstliche Beschneiung, frühe Schneefälle und viele Sonnentage sorgen für lange Schlangen am Lift: Die Nachfrage ist beim Wintersport ungebrochen.
Wenn andere noch schlafen, untersuchen oft schon frühmorgens bei Eis und Schnee ehrenamtliche Beobachter des Lawinenwarndienstes und der bei den Kommunen angesiedelten Lawinenkommissionen die Schneedecke.
Im Winter 2019, als nach extremen Schneefällen in mehreren Landkreisen der Katastrophenfall ausgerufen wurde, konnten die Lawinenexperten Schlimmes verhindern: Gegen 5 Uhr trifft eine Lawine den Wellnessbereich eines Hotels in Balderschwang – am Vorabend hatten die Behörden den Bereich nach Warnungen der Experten sperren lassen.
Der Klimawandel sorgt zwar oft für weniger Schnee. Doch das mindert die Gefahr nicht unbedingt. Im Gegenteil: In einer dünneren Schneedecke können sich bei Frost leichter kantige Kristalle bilden – eine gefährliche Gleitschicht. „Wir haben dieses Jahr dieses Altschnee-Problem“, sagt Feistl. „Die jüngsten Unfälle in Österreich sind wahrscheinlich alle diesem Altschnee-Problem geschuldet.“
Es sind nur selten Anfänger betroffen, es trifft oft erfahrene Tourengeher – allein, weil sie sich öfter dem Risiko aussetzen.Lawinen-Experte Thomas Feistl
Unter den Opfern waren bei einem der Unglücke vier erfahrene Teilnehmer einer Fortbildung des Österreichischen Alpenvereins. „Es sind nur selten Anfänger betroffen, es trifft oft erfahrene Tourengeher – allein, weil sie sich öfter dem Risiko aussetzen“, sagt Feistl. „Lawinen sind eine alpine Naturgefahr, die hat man nicht 100-prozentig unter Kontrolle.“ Zu ihrer Entstehung trägt neben Schneefällen, Temperatur und Hangausrichtung auch der Wind bei.
Immer seltener gibt es perfekte Neuschneetage. Deshalb geht mancher dann los, um den unberührten Hang zu finden, obwohl die Lage Zurückhaltung erfordert hätte. Es bleibe der Wunsch nach „tollen Skierlebnissen“, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV). „Die Gefahr dabei ist, dass man vor lauter Vorfreude die Gefahren des winterlichen Gebirges unterschätzt.“

Klimakrise:Mit der Temperatur steigt die Gefahr in den Bergen
Forscher und Bergretter stehen vor der Frage, wie der Klimawandel das Risiko für die Menschen in den Alpen verändert. Am Beispiel der Zugspitze zeigen sie, dass es in Bayern wohl immer öfter zu Unfällen, Unwettern, Muren und Hangrutschen kommen wird.
Einmal von den Schneemassen erfasst, bleiben wenig Chancen zu entkommen. „In der Regel macht die Lawine mit einem, was sie will, man ist ihr schutzlos ausgeliefert“, sagt Feistl. Er spricht auch aus eigener Erfahrung. „Ich habe einen Wumm gehört, hab' gesehen, wie sich der Schnee über mir gelöst hat – und ab dem Moment geht es nur noch dahin.“ Er wurde nicht ganz verschüttet und konnte sich selbst befreien. Dennoch: „Das ist eine Erfahrung, die ich keinem wünsche.“
Wird jemand verschüttet, beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Nur sehr kurz sind die Überlebenschancen gut. Schon nach zehn Minuten droht Ersticken. Hier zähle Eigenverantwortung der Begleiter als Erste vor Ort, sagt der Sprecher der Bergwacht Bayern, Roland Ampenberger. An der Zugspitze konnten vor drei Jahren zwei Männer ihren 1,5 Meter tief verschütteten Freund orten und ausgraben – bevor die Bergwacht eintraf, berichtet Ampenberger über die „vorbildliche Rettungsaktion“. Dazu gehöre Übung im Umgang mit der Notfallausrüstung, zu der neben dem Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) auch Schaufel und Sonde zählen.
Auch im Winter muss die Bergwacht immer wieder Wanderer retten, die Apps oder Social-Media-Hypes folgen und die winterlichen Berge unterschätzen. „Der Winter am Display ist weder kalt noch nass und eisig“, sagt Ampenberger. Skitourengeher seien sich dessen aber meist bewusst.
Tools bieten neue Möglichkeiten bei der Tourenplanung. Etwa die Plattform Skitourenguru wertet Daten der Lawinenwarndienste und Geländedaten für rund 13 000 Routen alpenweit über einen Algorithmus aus. „Der Algorithmus wurde mit Hilfe künstlicher Intelligenz trainiert aus Unfalldaten und Nicht-Unfalldaten“, sagt Günter Schmudlach, der Entwickler und Betreiber der Plattform. „Sie hilft bei der Auswahl und Planung einer Skitour. Die finale Einzelhangbeurteilung ist in der Verantwortung jedes Einzelnen.“ Auch bei der Lawineneinschätzung würden zunehmend automatisierte Modelle eingesetzt.
Die KI könne allerdings das von Experten gegrabene Schneeprofil nicht ersetzen, sagt Feistl. „Die Daten müssen da sein. Das wird auch künftig Handarbeit bleiben.“

