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Eduard Stemplinger:Der altbayerische Humanist

Eduard Stemplinger war ein Lehrer mit klassischer Bildung. Sein Wissen speiste sich aus der Antike, aus der bayerischen Heimat sowie aus den Memoiren berühmter Menschen.

(Foto: Stadt Plattling)

Eduard Stemplinger erwarb sich nicht nur Meriten als Lehrer, sondern auch als Schriftsteller. Werke wie "Horaz in der Lederhos'n" begegnen Lateinschülern bis heute.

Die Schulfächer Latein und Griechisch werden seit Langem von lautstarken Gegnern drangsaliert, die diese Kulturgüter aus dem schulischen Bildungskanon verbannen wollen. "Unnützer Stoff", belfern sie, Kinder und Jugendliche sollten stattdessen mehr auf Naturwissenschaften, Wirtschaft und moderne Sprachen getrimmt werden. Gelehrte wie der britische Althistoriker Robin Lane Fox halten dagegen. Er plädierte vor einiger Zeit dafür, mehr Latein zu lehren, das sei viel besser als "dieses vollkommen nutzlose Zeug", das man den Kindern beibringe. Latein und Griechisch hätten überhaupt nichts Totes, sagte Lane Fox, "außer dass tödlich langweilige Leute diese Sprachen aus den Schulen vertrieben haben".

Vor 150 Jahren wurde im niederbayerischen Plattling ein Mann geboren, den dieser Vorwurf gewiss nicht trifft. Ganz im Gegenteil, der Lateiner Eduard Stemplinger pflanzte in die Bildungslandschaft Leuchttürme der antiken Weisheit, die lange Zeit hell erstrahlten. In Plattling ist sogar eine Straße nach ihm benannt.

Überdies steht Stemplinger exemplarisch für jenen atemberaubenden technischen Umbruch, wie ihn die Welt innerhalb eines Menschenlebens noch nie erlebt hatte. Als er anno 1870 das Licht der Welt erblickte, regierte in Bayern der erst 25-jährige König Ludwig II., als er 1964 starb, war kurz vorher der US-Präsident John F. Kennedy ermordet worden. "Stemplingers Leben begann 15 Jahre vor der Erfindung des Automobils und ragte noch sechs Jahre in das Zeitalter der Raumfahrt hinein", resümierte die Passauer Neue Presse einst treffend in einem Nachruf.

Stemplinger stand zeitlebens in hohem Ansehen. Nicht nur als Pädagoge erwarb er sich Meriten, sondern auch als Schriftsteller, aus dessen Feder Klassiker wie der "Horaz in der Lederhos'n" flossen. Dieses Werk begegnet Lateinschülern noch heute, wenn auch mit nachlassender Begeisterung. Ein Abiturient eines Regensburger Gymnasiums postete vor einigen Jahren im Internet, der Latein-LK habe Spaß gemacht. "Horaz in der Lederhos'n war zwar nicht gerade mein Fall, aber den Effekt, gut aufs Abi vorbereitet zu sein, hatte es."

Stemplinger veröffentlichte Gedichte und Prosawerke, 60 Bücher hat er geschrieben und mehr als 2000 Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Er galt als ein unglaublich belesener Mensch, stets hatte er das Notizbuch bei sich, um alles sogleich festzuhalten, was ihm wertvoll erschien. Im März 1911 verlieh ihm die Bayerische Akademie der Wissenschaften für seine Arbeit "Das Plagiat in der griechischen Literatur" einen Preis. Allein das zeigt seine Versiertheit als Altphilologe. Eine seinen Fähigkeiten angemessene Professur an einer Universität strebte er nicht an, da ihm der Beruf des Gymnasiallehrers besser zusagte. Von 1921 bis 1934 leitete er das Gymnasium in Rosenheim.

In den Würdigungen, Laudationes und Nachrufen wird unisono Stemplingers ausgeprägte literarische Bildung hervorgehoben und seine Fähigkeit als Lehrer, Wissen und Humor in einer liberalen und souveränen Weise zu verbreiten. Es ist so gut wie kein kritisches Wort über ihn zu finden, was Stemplinger zwar ehrt, aber doch Fragen aufwirft, die generell alle Autoren betreffen, die das Pech hatten, die Zeit des Nationalsozialismus durchleben zu müssen.

Dieser historische Hintergrund macht die Bewertung einer Person wie Stemplinger kompliziert. In der eher spärlichen Literatur über ihn scheint bislang nichts auf, was man ihm zur Last legen könnte. Aber die Literaturwissenschaft hat es bisher versäumt, Autoren wie ihn näher zu durchleuchten und den Nachlass zu sichten. Die Bewertung von Literaten, die wie Stemplinger in der Nazizeit nicht emigriert, sondern im Lande geblieben sind und sich nicht offen gegen das Regime gewendet haben, ist eine Forschungslücke, die bedauerlich ist.

Über Stemplingers Kindheit in Plattling, die Regensburger Gymnasialzeit und schließlich sein Studium erfahren wir viel Wissenswertes in seiner Autobiografie "Lernjahre. Jugend in Altbayern", der 1936 die Fortsetzung "Ernte aus Altbayern" folgte. Beim "Horaz in der Lederhos'n" müsse man aber aufpassen, er könne in die Irre führen, und Stemplinger lande dann in der falschen Schublade, sagt der Literaturwissenschaftler Reinhard Wittmann. Das Werk sei kein behagliches Produkt aus dem weiß-blauen Eckerl wie Michl Ehbauers "Baierische Weltgschicht". Stemplinger habe den Horaz, einen Hauptvertreter des Goldenen Zeitalters der römischen Literatur, tief verinnerlicht. "Das ist eine respektable Umdichtung, es sind nicht nur boarische Gsatzl", sagt Wittmann. "Er versuchte, den Horaz auch im Rhythmus perfekt ins Bairische zu transferieren."

Auch der Schriftsteller Hanns Vogel schwärmte 1965, über den selbstgestrickten Wadlstrümpfen Stemplingers komme erst der ganze bildsaubere Wuchs der Horaz-Dichtung zum Vorschein, "weit mehr wie das die gymnasialeste Verdeutschung vermag". Sein Stück glänze durch eine tiefe Übereinstimmung zwischen der Lebensanschauung des lateinischen Originals und der Übersetzung in den Dialekt. Umso bedauerlicher ist es für Wittmann, dass dieser Typus des bayerischen Humanisten, hochbegabt, unglaublich kenntnisreich, nie wissenschaftlich ausgeleuchtet wurde. Dass nie hinterfragt wurde, warum er sich in der NS-Zeit still verhalten und was er wirklich gedacht habe. So steht Stemplinger für ein ungelöstes Problem. Kaum ein Schriftsteller, der in dunkler Zeit im Lande blieb, kam mit ganz weißer Weste davon. Man dürfe aber niemals vorschnell urteilen, sagt Wittmann. "Die Wissenschaft muss hier dringend Klarheit schaffen."

© SZ vom 20.04.2020/vewo
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