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Lange Nacht der Allergie:Allergien plagen jeden dritten Deutschen

Und trotzdem wissen viele nicht, wie gefährlich allergische Reaktionen sind. Das Uniklinikum Erlangen informiert über Auslöser und Therapien.

Sie lauern im Essen, in der Luft, die wir atmen, und sogar in unseren Betten: Allergene belasten jeden dritten Menschen in Deutschland - Tendenz steigend. Diesem Trend will das Uniklinikum Erlangen entgegenwirken.

Bei der "Langen Nacht der Allergie", der bundesweit einzigen Veranstaltung dieser Art, informieren Mediziner, Forscher und Verbände an diesem Samstag über neue Therapien, erklären, wie Allergien entstehen und warum es so wichtig ist, sie zu behandeln.

Allergie Vorteil Daumenlutschen
Allergien

Vorteil Daumenlutschen

Trost für alle Eltern: Kinder, die häufig die Finger in den Mund stecken, entwickeln offenbar seltener Allergien.   Von Berit Uhlmann

"Oft wissen Betroffene nicht, wie gefährlich allergische Reaktionen sind oder wie sie dank moderner Therapien beschwerdefrei leben können", sagt Vera Mahler. Sie leitet das Allergiezentrum der Erlanger Uniklinik. Wer zu ihr in die Sprechstunde kommt, hat die größte Hürde aus Sicht der Oberärztin schon genommen: "Viele Patienten finden nicht den Weg zum Facharzt.

Sie kaufen in der Apotheke ein Nasenspray, das ihre Symptome unterdrückt, behandeln aber nicht den Auslöser." Das größte Problem: Viele Betroffene erkennen Beschwerden gar nicht als Allergie. "Wer sich müde und schlapp fühlt, hat unter Umständen schlecht geschlafen, weil er durch seine Allergie schlecht atmen konnte," sagt Mahler.

"Auch klarer Fließschnupfen kann ein Anzeichen für eine Allergie sein." Gerade bei kleinen Kindern, die Beschwerden noch nicht artikulieren können, sollten Eltern diese Signale zum Anlass für einen Allergietest nehmen. Im schlimmsten Fall wird aus einer unbehandelten Hausstauballergie oder einem Heuschnupfen nämlich irgendwann chronisches Asthma.

Damit das nicht passiert, forschen die Mediziner in Erlangen an Verfahren, mit denen Allergien gezielter erkannt und einfacher behandelt werden können. "An der Hyposensibilisierung führt bislang kein Weg vorbei, um die allergische Reaktionslage des Immunsystems umzustimmen", sagt Mahler. Dieses wird dabei in ansteigender Dosis mit den Allergenen konfrontiert, so lange, bis es sich daran gewöhnt und nicht mehr allergisch reagiert.

Das Verfahren ist langwierig, drei Jahre braucht der Körper, bis er die Allergene akzeptiert. Bislang wurden die Allergene gespritzt, die Patienten mussten also regelmäßig in die Praxis kommen. "Ein neues Verfahren nutzt allergenhaltige Tabletten, die man zu Hause anwenden kann", sagt Mahler. Sie und ihre Kollegen hoffen so auf eine größere Bereitschaft der Patienten, sich für eine Hyposensibilisierung zu entscheiden.

Nur so ließe sich der Trend noch umkehren, den Allergologen seit Jahren sehen: Es gibt immer mehr Allergiker. Neben Nahrungsmittelallergien ist vor allem Heuschnupfen auf dem Vormarsch. Schuld ist der Klimawandel: "Wärmere Temperaturen und ein hoher CO₂-Ausstoß bieten den Pflanzen beste Bedingungen für die Pollenproduktion", so Mahler.

Je mehr Pollen fliegen, desto mehr Menschen entwickeln Heuschnupfen

Zwar sei das Allergie-Risiko auch genetisch bedingt: Kinder von Allergikern entwickeln mit einer vielfach größeren Wahrscheinlichkeit Allergien als Kinder nicht-allergischer Eltern. Mit zunehmender Pollenbelastung steige jedoch auch bei diesen das Heuschnupfen-Risiko. "Je mehr Pollen fliegen und je höher die Allergenmenge ist, desto mehr Menschen entwickeln Heuschnupfen", erklärt die Expertin.

Allergien vorbeugen sollten Eltern bei ihrem Nachwuchs deshalb so früh wie möglich, rät Mahler. Kleinen Kindern helfe "ein ausgewogenes Verhältnis von Hygiene, Keimen und Allergenen", sagt die Allergologin. Das bedeute etwa: Händewaschen ja, aber nicht jeder Löffel, der auf den Boden fällt, muss gleich abgespült werden. Auch der Umgang mit anderen Kindern, etwa in der Krippe, trainiere die Abwehrkräfte - ebenso wie Impfungen. "Sie helfen dem Immunsystem, weil der Organismus sich dabei mit fremden Stoffen auseinandersetzen muss", so Mahler.

Wie entscheidend die ersten Lebensmonate für die Entstehung von Allergien sein können, zeigt etwa eine Querschnittsstudie aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz: Kinder, die auf einem Milchbauernhof aufwachsen, entwickeln demnach deutlich seltener Allergien als Stadtkinder. Nach aktuellen Untersuchungen der belgischen Universität Gent liegt das Geheimnis im Kuhstall: Über den Staub atmen Kinder dort sogenannte Endotoxine ein. Die von Bakterien freigesetzten Verbindungen machen Kinder stark für ein Leben ohne Allergien.

Lange Nacht der Allergie: Samstag, 3. September, 16.30 Uhr bis 24 Uhr. Hörsäle Medizin, Ulmenweg 18, Erlangen. Eintritt frei.

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