Landwirtschaft Maisanbau erhöht Gefahr für Hochwasser

Extreme Regenfälle im Einzugsgebiet des Simbachs lösten im Juni 2016 eine verheerendes Sturzflut aus.

(Foto: Wolfram Zummach/dpa)
  • Die Studie "Starkregen, Bodenerosion, Sturzfluten" untersucht die Rolle der Landwirtschaft bei Hochwasserkatastrophen.
  • Ein Ergebnis: Der Maisanbau führt dazu, dass mehr Erde abgetragen wird, und erschwert den Wasserabfluss.
  • Keine Rolle spielte der Anbau aber beim Hochwasser von Simbach 2016, bei dem sieben Menschen starben.
Von Christian Sebald

Meterhohe Sturzfluten wie aus dem Nichts, Unmengen an Schlamm und Unrat in Dörfern und auf Straßen, sieben Tote, Schäden in Milliardenhöhe: Die Hochwasserkatastrophe am 1. Juni 2016 in Simbach am Inn und anderen Teilen des Rottals ist immer noch präsent. Vor allem in Niederbayern, wo viele weiter an ihren Folgen laborieren. Aber auch unter Experten. Für sie ist seit Simbach klar, dass durch den Klimawandel immer gigantischere Unwetter über Bayern niedergehen werden.

Deshalb suchen sie dringend Strategien gegen deren zerstörerische Wucht. Die Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), der Deutsche Wetterdienst (DWD) und die TU München haben jetzt die Studie "Starkregen, Bodenerosion, Sturzfluten" veröffentlicht. Sie untersucht die Rolle der Landwirtschaft, vor allem des Maisanbaus, bei der Katastrophe von Simbach und anderen, glimpflicher abgegangenen Sturzfluten in Niederbayern und Franken.

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Das 120 Seiten starke Heft ist brisant. Niederbayern ist ein Zentrum des Maisanbaus im Freistaat. Die Maisäcker dort ziehen sich oft über Hunderte Meter Länge über die Hügelketten hinweg. Das Saatgut treibt spät aus, die Äcker liegen bis in den Juni blank da. Bis dahin ist ihr Erdreich Niederschlägen schutzlos ausgeliefert. Die Folge sind Erosionen, Abschwemmungen von Erdreich.

Erosionen verschlammen Bäche und kleine Flüsse, sodass sie weniger Wasser aufnehmen können und schneller über die Ufer treten. Sie verstopfen Kanalrohre und Abflüsse. In Niederbayern gibt es Gebiete, in denen in normalen Jahren ein Kilo Humus pro Quadratmeter Ackerland und Jahr abgeschwemmt wird. Bei Starkregen können es binnen Stunden 30 Kilo je Quadratmeter sein, wie die Studie an einem Beispiel zeigt. "Wegen der immer häufigeren Starkregen müssen wir erosionsgefährdete Böden besser schützen", sagt Agrarminister Helmut Brunner. "Der Bodenschutz hat für mich höchste Priorität."

In der Studie und den Empfehlungen der Experten findet sich reichlich Zündstoff. So verweisen die Autoren darauf, dass die Erosionsgefahr in der Öko-Landwirtschaft grundsätzlich um etwa zwei Drittel geringer ist als im konventionellen Ackerbau. Aber auch in der konventionellen Landwirtschaft könnte es ein besonders bodenschonende Anbauverfahren angewendet werden - die sogenannte Mulchdirektsaat.

"Sie wird aber praktisch nicht eingesetzt", heißt es in der Studie lapidar. Bayernweit werden nur etwa vier Prozent der Maisäcker mit Mulchdirektsaat bewirtschaftet - und zwar obwohl Anwender Anspruch auf besondere Zuschüsse dafür haben. Wenig verwunderlich also, dass die Experten konstatieren, die Vorgaben für den Bodenschutz in der Landwirtschaft seien zu lax und müssten verschärft werden.

Ein wichtiger Faktor für ein hohes Sturzflut-Risiko ist die Zurichtung der Landschaft für die industrielle Landwirtschaft. Da sind zu allererst die immer größeren Äcker, zwischen denen kaum noch Grünstreifen existieren, welche die Wassermassen stoppen könnten. Dann die Begradigung und Verrohrung von Gräben und Bächen, damit Regenwasser möglichst rasch abfließen kann. Das schützt zwar die unmittelbare Umgebung des jeweiligen Grabens oder Baches, erhöht aber die Gefahr für die Unterlieger.

Durch die Beseitigung von Feldrainen, um die einst das Regenwasser herum abfließen musste, steigt die Gefahr ebenfalls. Wie auch durch die Einebnung von Mulden und anderen natürlichen Rückhaltebecken, die das Abfließen der Niederschläge verlangsamen. Das Fazit der Autoren: Es gibt einen Zusammenhang zwischen heftigen Regenfällen, dem Maisanbau und lokalen Hochwässern.

Mit Simbach hat der Mais nichts zu tun

Die verheerende Sturzflut in Simbach indes darf nicht dem Maisanbau angelastet werden, sagen die Experten - wenngleich der Schlamm in der Stadt großteils von Äckern stammte. "Simbach war ein einzigartiges Ereignis", sagt der Bodenschutz-Fachmann Robert Brandhuber, der an der LfL die Studie koordiniert hat. "Da hat die Erosion aus der Landwirtschaft keine Rolle mehr gespielt."

Im Einzugsbereich des Simbachs waren in den 24 Stunden vor der Sturzflut etwa 160 Liter Regen je Quadratmeter gefallen, ein Sechstel des Jahresniederschlags in der Region also. Am 1. Juni 2016 waren die Böden - im Wald, unter den Wiesen und auf den Äckern - bis zum Anschlag vollgesogen mit Wasser. Als es dann nicht nur weiter, sondern auch noch heftiger regnete, strömten die Niederschläge direkt durch Wälder, die Wiesen und Äcker in den Simbach, bis es zu der gigantischen Sturzflut kam.

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