Landwirtschaft in Bayern:Für Schweine sind die Ställe im Mastbetrieb "eine Hölle"

Eigentlich sind die Schweisfurths ja eine alte Handwerkerdynastie. Die Vorfahren waren Metzger in Herten. Dass das in Westfalen liegt, hört man Karl Ludwig Schweisfurth sehr wohl an. Der Vater schon hatte die Metzgerei zur Wurstfabrik ausgebaut, seinen Sohn früh in die Lehre geschickt und ihn dann mit 25 Jahren in die USA entsandt, zu den Fleischfabriken und Großschlachthöfen in Chicago, damit er sich dort etwas abschaute, was man zu Hause brauchen konnte. Der junge Karl Ludwig war begeistert. Vieles von dem, was er sah, setzte er um in den Herta-Werken, und das so erfolgreich, dass die bald zum größten europäischen Wursthersteller heranwuchsen. Da war der Metzger Schweisfurth längst zum Manager geworden, der seine Lebenszeit in Konferenzen und Flugzeugen verbrachte und zwischen den verschiedenen Unternehmensteilen hin- und herjettete. Aber Zeit zum Nachdenken hatte er trotzdem, und er dachte viel darüber nach, was er da so machte.

Es ging um Lebensmittel. Das deutsche Wort gefällt ihm: Mittel zum Leben. Da steckte doch eine gewisse Hochachtung drin, vor dem Leben, das Tiere lassen müssen, damit Menschen Leben haben. So begann er zu denken. Und dass das, was er machte, eigentlich sehr fern war von Hochachtung der Natur gegenüber. Dann setzten ihm seine heranwachsenden Kinder zu. Der eine Sohn sagte ihm, er wolle Bauer werden, auch die beiden anderen waren weit davon entfernt, einmal die Firma zu übernehmen, und verwickelten ihn immer wieder in Diskussionen über die junge Öko-Bewegung.

Schließlich besuchte er dann selbst einmal einen Schweinemastbetrieb mit 3000 Tieren. Verglichen mit heutigen Anlagen, wo bis zu 60 000 Masttiere gleichzeitig stehen, war das noch wenig, aber es genügte ihm. "Die Wucht der Bilder und Gerüche schlug mir in den Solarplexus", schreibt er in seinem Buch, "mein Gott, war mir flau!" Die Ställe seien in Wirklichkeit "eine Hölle für Schweine", und er kommt zu dem Schluss: "Wir haben das Schwein gründlich zur Sau gemacht."

Die Tiere leben naturnah zusammen

Es war überhaupt eine Zeit der Umbrüche in seinem Leben. Nach der Trennung von seiner ersten Frau lernte er seine jetzige, Dorothee, kennen. Sie lebte in München, und nicht zuletzt deshalb haben die Stiftung und der ökologische Musterbetrieb ihren Sitz in Bayern. Die gemeinnützige Stiftung, 1986 ausgestattet mit dem Grundkapital von 50 Millionen D-Mark, befasst sich mit wissenschaftlichen und politischen Fragen zum Thema "Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur". Der Musterbetrieb Herrmannsdorf, ergänzt um das Tagungszentrum Sonnenhausen, ist gewissermaßen zuständig für die praktische Umsetzung der "neuen Art, Lebensmittel zu erzeugen", wie Schweisfurth sagt.

Er hat viel Geld hineinstecken müssen, sagt er, aber heute erwirtschaftet das Unternehmen längst Gewinn. Nach wie vor ist Herrmannsdorf ein Musterbetrieb, was ökologische Landwirtschaft angeht. Die Tiere leben hier so naturnah zusammen wie nur möglich. Geschlachtet wird auch in Herrmannsdorf - aber für die Tiere so stressfrei wie möglich. Und eben nicht 300 Tiere pro Stunde, wie bei Herta, sondern vielleicht 300 pro Monat, aus den eigenen Ställen und denen der angeschlossenen Bio-Bauern aus der Region.

Die spöttischen Stimmen von damals sind längst verstummt. Schweisfurth hat seinen westfälischen Sturschädel durchgesetzt und gezeigt, dass Herrmannsdorf funktioniert. "Ich bin heute sehr glücklich", sagt er. Die Geschäfte im Gut führt sein Sohn Karl, aber der Vater macht sich gerne mal einen Spaß daraus, bei Führungen für Kinder und Erwachsene dort aufzutauchen und sich vorzustellen als "der Alte von Herrmannsdorf". Er plaudert mit den Besuchern, spricht über Lebens-Mittel und warum er sie mit Bindestrich schreibt, und dann verabschiedet er sich und fährt davon, in dem Kleinen von VW. "Natürlich fahre ich den auch, um etwas zu demonstrieren", gibt er zu und lächelt: "Um zu zeigen, was ich für wirklich wichtig halte. So Luxusdinge waren mir nie wichtig."

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